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Alltagsrassismus:"Mehr miteinander reden anstatt übereinander"

Abdelkarim Zemhoute Kabarett Kabarettist Staatsfreund deines Vertrauens PRESSEBILD

Abdelkarim fordert, mehr miteinader anstatt übereinander zu reden.

(Foto: Guido Schröder)

Tausende schildern unter #MeTwo auf Twitter, wie ihnen Rassismus im Alltag widerfahren ist - darunter der Kabarettist Abdelkarim. Er setzt auf die Macht des Humors.

Unter dem #MeTwo teilen Tausende auf Twitter ihre Erfahrungen, die sie mit Rassismus und Diskriminierung im Alltag erlebt haben. Darunter der Kabarettist Abdelkarim. Der deutsch-marokkanische Comedian hat seine eigene Herangehensweise, wie man Rassisten begegnen soll - mit Humor.

SZ: Unter dem Hashtag #MeTwo schildern Sie ein Erlebnis im Supermarkt. Ein Mann, den Sie an der Kasse vorlassen wollten, blieb stehen mit dem Hinweis, er habe Sie lieber im Blick. Passiert Ihnen so etwas häufiger?

Abdelkarim: Immer mal wieder. In dem Fall fand ich die Situation selbst sehr lustig. Der Mann hat den Spruch sehr trocken und fast schon lustlos hingeschmettert.

Klingt ziemlich entspannt. Wie sollte man Ihrer Meinung nach auf rassistische Äußerungen reagieren?

Ich finde, man sollte sich nicht ärgern lassen. Es gibt Situationen, in denen man auf den Tisch hauen muss, wenn jemand etwas Ekelhaftes sagt. Da ist es natürlich gut, die Grenzen aufzuzeigen. Aber am besten finde ich es, wenn man Rassisten einfach auflaufen lässt.

Inwiefern?

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Der 24-jährige Student aus Gießen gibt Menschen, die Alltagsrassismus erleben, eine Stimme. Es ist nicht das erste Mal, dass er deutschlandweit die Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Ich versuche Rassismus im Alltag ins Lächerliche zu ziehen. Einmal bin ich in den Zug gestiegen und eine ältere Dame hat mich gesehen und ihre Tasche ganz nah zu sich gezogen. Ich hab dann einfach das Gleiche mit meiner Tasche gemacht. Und dann haben wir uns beide verwirrt angeguckt. Das war mit Sicherheit ein sehr tragischer Anblick.

Wann ist der Punkt erreicht, an dem Sie nicht mehr entspannt reagieren?

Auf einer Zugfahrt haben einmal sieben bis acht Männer 45 Minuten alles und jeden im Abteil rassistisch beleidigt. Die habe ich dann angezeigt. Und die Männer waren sehr überrascht, dass ausgerechnet ich zu den Polizisten im Zug (Anmerkung der Redaktion: Die Polizisten waren aufgrund der Begleitung von Fußballfans im Zug) gegangen bin.

Oft hört man von Menschen, die sich rassistisch äußern, zur Verteidigung: "Das war ja nicht so gemeint". Können Sie das nachvollziehen?

Es gibt Fälle, bei denen sofort klar ist: Das ist ein Rassist. Aber wenn etwa eine ältere Dame in ihrem Leben noch nie Kontakt zu Menschen hatte, die aussehen wie ich und solche Menschen nur aus den Nachrichten kennt, wäre es ja aus ihrer Sicht schon grob fahrlässig, wenn sie ihre Tasche nicht sichern würde. Anstatt ihr sofort Rassismus zu unterstellen, versuche ich zu verstehen, warum sie sich so verhält. Das klappt natürlich nicht immer. Zum Beispiel saß einmal ein dunkelhäutiges Pärchen im Zug. Irgendwann stieg ein biodeutsches Pärchen dazu. Dann sagte die Frau ganz stolz, fröhlich und ernst gemeint: "Wir fliegen jetzt auch nach Namibia."

Verletzen Sie solche Sprüche?

Nein. Auch wenn man es nicht glauben will, aber: Ich finde alle zwischenmenschlichen Erlebnisse interessant. Wenn sich eine Person im Ton vergreift, rede ich mit ihr darüber. Was ich dann genau sage, hängt von der Situation ab. Sehr hilfreich ist zum Beispiel der Satz "Ist ja gut, wir beruhigen uns." Da beruhigen sich dann wirklich sehr viele und merken plötzlich: "Was erzähl ich hier eigentlich?"

Aus der Debatte über Mesut Özil hat sich nun der Hashtag #MeTwo entwickelt. Glauben sie, dass sich dadurch etwas ändern wird?

Ich hoffe es. Eine Debatte ist immer ein wichtiger Anfang. Aber ein entspanntes Miteinander kann man nicht durch Debatten und Kampagnen erzwingen. Wir sollten einfach alle im "normalen" Alltag aufmerksamer und geduldiger sein. Wir sollten mehr miteinander reden anstatt übereinander. Bei Vorwürfen nicht gleich mit einem Gegenvorwurf kontern, sondern zuhören. Je mehr man mit den Menschen spricht, desto weniger sortiert man sie in Schubladen. Auch wenn das in letzter Zeit sehr oft der Fall war: Gespräche müssen nicht immer ausarten.

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