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Alltagskunst:Stühle, Fotos, Rasierer

Die Patriotische Gesellschaft Hamburg gründete im späten 19. Jahrhundert das Museum für Kunst und Gewerbe. Ziel war es, das Wissen um Handwerk und Gestaltung zu bewahren und zu fördern. Bis heute sammelt das Haus an der Kunstmeile Alltagsgegenstände.

Von Johanna Pfund

Im Mai 2019 besichtigte Peter Lindbergh das Museum für Kunst und Gewerbe (MK&G) und war vom doppelläufigen Haupttreppenhaus begeistert. In der großzügigen Architektur des Hamburger Hauses sollten seine Fotografien ihre ganze Wirkung entfalten. Auch inhaltlich fügt sich die Ausstellung nahtlos in den Anspruch des Museums.

Gegründet wurde das Museum für Kunst und Gewerbe zur Zeit der deutschen Einigungskriege von der "Patriotischen Gesellschaft Hamburg, die seit 1765 in der Hansestadt Initiativen fördert, die der Stadt dienen. Mitte der 1870er öffnete das Haus mit dem Ziel, das Wissen um das Kunstgewerbe und die Gestaltung weiterzugeben, ein Wissen, das die Gründer durch die fortschreitende Industrialisierung bedroht sahen. Vorbilder waren das heutige Victoria & Albert Museum in London oder as Wiener Museum für Angewandte Kunst. Heute steht das Haus mitten in der Kunstmeile Hamburgs, in der Nachbarschaft befinden sich das Bucerius Kunst Forum, die historischen Gebäude der Deichtorhallen mit der Ausstellungshalle "Aktuelle Kunst" oder auch die Hamburger Kunsthalle.

Die Kunst, die man im MK&G seit 150 Jahren sammelt, ist für den Gebrauch bestimmt - gleich ob es Ausstattung für fürstliche Häuser oder Alltagsprodukte für die breite Bevölkerung waren. Keramik, Instrumente, Plakate, Silbergelatineplatten aus der Anfangszeit der Fotografie, ostasiatische und islamische Kunst, Mode, Schulstühle, Rasierapparate oder auch die in Orange leuchtende Kantine des Spiegel. Mehr als 500 000 Objekte hat man im Laufe der Zeit zusammengetragen. Alles in allem: eine Wunderkammer.

Bis in die 1970er-Jahre hinein wurde am MK&G auch gelehrt, Bauhandwerkerklassen wurden hier unterrichtet. Die Schüler sind mittlerweile ausgezogen, der Anspruch, Anschauung und Lernen zusammenzubringen, bleibt; im sogenannten "Freiraum" können sich von September an alle Interessierten treffen, ohne Eintritt zu bezahlen, um über Alltag, Gegenstände und deren Gestaltung zu diskutieren - oder nicht.

Auch hat das Haus in den vergangenen Jahren zunehmend Ausstellungen mit politischer Tendenz gezeigt - zu Ernährung, Kleidung oder Plastikmüll. Bei Lindbergh steht die politische Botschaft nicht im Vordergrund, doch die Schau unterscheidet nicht zwischen angewandter und freier Kunst; ganz im Sinne des MK&G.

© SZ vom 11.07.2020

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