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Alltag und Choreografie:Tanz den Abstand

Oct 5 2011 London England U K Antic Meet performed one last time by visionary choreographe

Befremdliches Motorik-Mosaik: Wiederaufführung von Merce Cunninghams „Antic Meet“ von 1958.

(Foto: imago images)

Die Pandemie hat jeden Einzelnen zum Teil einer Choreografie des Alltags gemacht, die der Modern Dance schon erahnte.

Ein Mann streift durch London und verirrt sich dabei in die entlegensten Viertel. In Holborn beobachtet er eine "Straße voll von Leuten", und alle gehen in der Mitte. Der Fremde ahnt, was es mit dem ameisenhaften Treiben auf sich hat: Die Passanten wollen "mit niemandem in Berührung kommen", der die anliegenden Häuser verlässt. Weil hier jedermann - auch der eigene Nachbar, seine Familie, seine Behausung - mit der Pest infiziert sein kann.

Wie ein Tsunami rollt die Seuche 1665 über die Stadt hinweg. Die Angst vor Ansteckung vergiftet das Gemeinwesen. Ein Phänomen, das der Schriftsteller Daniel Defoe 1722 in seinem fiktiven Journal "Die Pest zu London" schildert. Was Defoes Ich-Erzähler berichtet, wirkt 2020 wie ein spiegelverkehrtes Déjà-vu. Auch in diesen Tage will jeder Ausgang geplant, jeder Weg wohl überlegt sein. Aber niemals kämen wir auf die Idee, dicht an dicht zu marschieren. Sobald wir die Wohnungstür schließen, verlässt uns jede Unbekümmertheit und wir mutieren zu wandelnden Soloblasen. Ob Supermarkt oder Großraumbüro, Arztpraxis, S-Bahn oder Naturkulisse, überall halten wir die Rituale des Abstands ein und uns voneinander fern. Jedenfalls gilt das für die gefühlte Mehrheit, die weder Corona-Verschwörungsszenarien noch dem Demonstrationsfieber anheimgefallen ist. Was aber bestimmt unser Bewegungsverhalten, wenn Intuition plötzlich als Risikofaktor firmiert und die eingeübte Steuerungsroutine ausfällt?

Eine so zufällige wie absichtsvolle Choreografie beherrscht neuerdings den öffentlichen Raum. Zufällig, weil nur Hellseher wissen, wer hinter der nächsten Ecke auftaucht, und absichtsvoll, weil die eigene Sicherheitszone unbedingt zu verteidigen ist. So zerfällt das gesellschaftliche Kollektiv in lauter Monominipartikel, die sich gegenseitig ausmanövrieren, um die gefürchtete, zum Austausch von Aerosolen - sprich: Atemluft - führende Kollision zu vermeiden. Bisweilen unterstützen Bodenmarkierungen oder Sicherheitspatrouillen das Distanzgebot. Hüter der Ordnung jedoch bleibt: jeder Einzelne, für sich ganz allein.

Fein verästelte Zeichensysteme und Zufalls-Operationen gibt es im Tanz seit dem 20. Jahrhundert

Allerdings verlangen die Corona-Limits nach ultrafeinen Begegnungsantennen und perfekter Selbstkontrolle. Angehörige anderer Kulturkreise dürften sich damit leichter tun. Für Japaner etwa beträgt der Radius ihres Cordon sanitaire seit eh und je einen Meter. Im Westen dagegen hat allenfalls das Aufkommen des Automobils und die damit einhergehende Veränderung des Verkehrsgeschehens die Städter in vergleichbare Alarmbereitschaft versetzt.

Die Folge ist ein Strömungsabriss, dessen Auswirkung sich am Eingang jeder Shopping Mall studieren lässt. Kunden zucken voreinander zurück, wenden die Köpfe ab. Draußen drücken sich die Leute an Hausmauern entlang, ducken sich unter Torbögen weg oder flitzen in irrwitzigem Tempo am Vordermann vorbei, tun eben all das, wobei man sich selbst in den letzten Wochen auch schon erwischt hat. Noch vor zwei Monaten galt es als grobe Unhöflichkeit, bei Gegenverkehr die Straßenseite zu wechseln. Heute wird der Trottoir-Tausch als Vorsichtsmaßnahme und rücksichtsvolle Geste agenommen. Statt Wangenkuss und Umarmung reicht ein dezent geneigter Kopf. Statt High-five gibt es den "Elbump" der Ellenbogen.

Auch die Maskierung per Mund-Nasen-Schutz irritiert. Einerseits bricht sie mit dem westlichen Verhüllungstabu und entzieht die vertraute und wichtigste Kontaktfläche den Blicken: das Gesicht. Andererseits wirft sie ein Schlaglicht auf die Mängel unserer körpersprachlichen Alphabetisierung. Wer beherrscht schon die mühelose Dechiffrierung des nonverbalen Ausdrucks, jener Haltungen und Gebärden, mit denen das Gegenüber sich zu verständigen sucht? Spätestens hier stellt sich die Frage, ob es in dieser Krise jenseits aller Verluste auch Gewinne gibt, sei es Erkenntnis, sei es Erfahrung.

Das befremdliche Motorik-Mosaik, das Corona uns aufzwingt, genießt andernorts längst Kultstatus. Auf der Tanzbühne feierten bereits im 20. Jahrhundert fein verästelte Zeichensysteme, Zufalls-Operationen und Alltagsbewegungen Triumphe.

Merce Cunningham, Pionier der Postmoderne, erwürfelte den Ablauf ganzer Abendprogramme. Trisha Brown pflanzte körperrhetorische Fundstücke aus den Straßenschluchten New Yorks auf die Bühne und adelte so den Akt des Flanierens zur theatralen Aktion. In Frankfurt etablierte der Ballettneuerer William Forsythe die Choreografie auf Zuruf: Vorab vereinbarte Signale bestimmen die Einsätze der Tänzer. Aber wann das Startzeichen kommt und wer es gibt, bleibt offen - und fürs Publikum unsichtbar.

Geradezu revolutionär ist der Ansatz, den die belgische Tanzmacherin Anne Teresa De Keersmaeker seit den 1980er Jahren verfolgt: "My walking is my dancing" lautet ihr Gestaltungsprinzip. Was supersimpel klingt, jedoch hochkomplexe Gebilde erzeugt.

De Keersmaeker kreuzt das Gehen mit einer schier endlosen Vielfalt an Linien, Kreisen, Ellipsen, Knoten und Spiralen. Die geometrischen Formen setzt sie mit mathematischer Präzision in den Raum. Der Körper wird darüber zum Einzelgänger. Selbst intime Zweierformate sparen Nähe aus, Berührung hat beinahe Seltenheitswert. Einvernehmen wird über Blicke und Sichtachsen hergestellt, Dissens als habituelle Abwehr markiert und ist eher dem Selbstschutz als der Attacke verpflichtet.

Wer De Keersmaekers Arbeiten kennt, ist optisch für die Corona-Gegenwart sensibilisiert. Er vermag die alltagschoreografischen Codes der Krise zu lesen, ihre Artefakte zu entschlüsseln, ihre Zumutungen auszuhalten. Nicht ausgeschlossen, dass er im neuartigen Begegnungsmuster sogar das ästhetische Ereignis zu würdigen weiß.

Was aber tun gegen die Angst? Gegen die Schreckgespenster der Pandemie, die Londons Bewohner in Ameisen verwandelten und uns zu einsamen Wanderern verzwergen? Angst, heißt es im Sprichwort, ist kein guter Ratgeber. Aber sie kann Anlass für ein Umdenken sein. Wenn aus ihr so etwas wie Wachsamkeit erwächst, mehr Achtsamkeit auch für das, was Bewegung und Bewegungsfreiheit ausmacht, dann sind die Rituale des Abstands, die wir befolgen, nicht nur ein Mittel zum Zweck. Sondern eine Etappe auf dem Weg zu einem aufmerksameren Miteinander.

© SZ vom 23.05.2020

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