Süddeutsche Zeitung

"Alles inklusive" im Kino:Am Buffet des Skurrilen

Doris Dörrie tippt in ihrer neuen Komödie "Alles inklusive" ein Thema an, das diverse Filme der jüngeren Zeit aufrollen: die Abrechnung mit der Elterngeneration. Gewissenstragik ergibt sich daraus aber nicht. Alles mündet in eine vermopste Spießigkeit - alles inklusive, sogar das Happy End.

Von Rainer Gansera

Wäre da nur nicht dieser fürchterliche Mops, den die junge Frau mit dem kuriosen Namen fortwährend bemuttern muss! Apple, 30, lebt in München und führt eine verkorkste, gefühlsverstörte Single-Existenz. Erziehungsopfer einer Mama (Hannelore Elsner), die sich einst am südspanischen Strand von Torremolinos als Hippie-Girl tummelte, und, beschäftigt mit Armbänderflechten und freier Liebe, der Tochter nicht die nötige Zuwendung schenken konnte.

Nadja Uhl gelingen anrührende Momente, wenn sie die Schusseligkeit und Fragilität ihrer Figur ausspielt. Aber Doris Dörries Regie überlagert das mit einer Strategie der skurrilen Forciertheiten. Längst haben wir verstanden, dass der Hund für Apple eine Art Kinder- und Beziehungsersatz ist, da wird uns das noch einmal plakativ und vermeintlich superwitzig vor Augen gestellt: Apple muss sich den Mops in einer Babytrage vor den Bauch schnallen und ihn Dr. Freud taufen.

Auch der Tanga unter der Männerwampe ist so eine Überdeutlichkeit. Axel Prahl spielt einen prolligen Berliner namens Helmut, der sich im "All Inclusive"-Hotel als Pool-Macho geriert: schlechter Geschmack ohne schlechtes Gewissen.

So zeichnet ihn Doris Dörrie, und der Tanga, den sie ihm verpasst, macht ihn vollends zur Karikatur. Kaum ist er der Lächerlichkeit preisgegeben, findet aber seine sentimentale Rehabilitierung statt. Man erfährt von seinem traurigen Schicksal - und das spöttische Lachen, das die Regisseurin gerade selbst erzeugt hat, wird rührselig und belehrend wieder zur Raison gerufen.

Nach diesem Muster, das Pastoren gern für Moralpredigten verwenden, verfährt Doris Dörrie bei der Zeichnung der meisten Figuren. Allerdings findet sich eine, der eine solche Erlösung versagt bleibt: Apples Chefin, Redakteurin beim Hörfunk, eine kulturkritisch räsonierende Intellektuellen-Zicke, die blanke Karikatur bleibt. Hier darf das Ressentiment sich dann ungestört Bahn brechen.

Banal psychologiertes Seelenleben

Doris Dörries Filme berühren, wenn sie ihre Pendelbewegungen zwischen Komödie und Tragödie ausbalancieren, wenn sie die Charaktere durchsichtig macht wie in "Kirschblüten - Hanami". Oder wenn das Komödiantische - zum Beispiel bei ihrem ersten großen Kinoerfolg "Männer" - tänzerisch und verspielt bleibt. "Alles inklusive" aber gibt sich damit zufrieden, die Charaktere zu verkauzen, ihr Seelenleben banal zu psychologisieren.

Vielleicht liegt es daran, dass sich die Regisseurin hier in einer Welt bewegt, die nicht ihre eigene ist - und nur touristisch durchquert wird. Sketchartig reihen sich Figuren und Fatalitäten, Posen und Peinlichkeiten in Ex-und-Hopp-Manier.

Da gibt es den Tierarzt, der sich zuerst ganz nett den Neurosen Apples und dem Hüftleiden ihres Mopses widmet, sie dann aber mit dem Wunsch nach Sado-Maso-Spielchen erschreckt - und entsorgt werden muss. Ein nordafrikanischer Bootsflüchtling, kaum aufgetaucht, verschwindet gleich wieder, bietet aber Apples Mama, die in Torremolinos ihre Hüft-OP auskuriert, die wohlfeile Gelegenheit, Hilfsbereitschaft zu demonstrieren.

Abrechnung mit der Elterngeneration

"Männer" (1986) inaugurierte die deutsche Beziehungskomödie, die eigentlich eine Komödie der Beziehungsängste war. "Alles inklusive", Dörries Verfilmung ihres gleichnamigen Romans, wird zur Apotheose der Beziehungsunfähigkeiten, wenn sich zu Apple ein weiteres Opfer der Hippiezeit gesellt: der Transvestit Tina/Tim, Fußpfleger und Schlagersänger-Animateur in den Hotels von Torremolinos, verkörpert von Hinnerk Schönemann, der sich heroisch in die bizarre Verzweiflung des vom Selbstmord seiner Mutter Traumatisierten wirft.

Die Story tippt ein Thema an, das diverse Filme der jüngeren Zeit aufrollen: die Abrechnung mit der Elterngeneration. Oskar Roehlers zornige Attacke auf die Eltern in "Quellen des Lebens" war aus leidenschaftlicher Hassliebe gespeist - Doris Dörrie aber kann sich nicht entscheiden.

In den Rückblenden zur Hippiezeit, als am Strand von Torremolinos noch keine Hotelburgen prangten, erscheint Apples Mama als Mitturnerin einer Jugendmode aus Barbusigkeit, Stirnband und Joint - und als verantwortungslose Mutter. Ein Gewissensdrama aber ergibt sich daraus nicht. Alles mündet in eine vermopste Spießigkeit - alles inklusive, sogar das Happy End.

Alles inklusive, D 2014 - Buch, Regie: Doris Dörrie. Kamera: Hanno Lentz. Mit Hannelore Elsner, Nadja Uhl, Hinnerk Schönemann. Constantin, 109 Min.

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Quelle:
SZ vom 07.03.2014
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