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"Allein die Wüste" im Kino:Papa zeltet

Was lehren einen fünf Wochen allein in der Wüste? Ein Dokumentarfilmer findet heraus, was wir vorher auch schon wussten. Zum Beispiel, dass es dort sehr sandig ist. Erleuchtungen, die sich innen drin toll anfühlen, müssen eben nicht ausgesprochen klug sein.

Jan Füchtjohann

Der freundliche ältere Herr hat sich selbst in die Wüste geschickt: "Gestern hab' ich hier mein Zelt aufgebaut." Da steht es, in den Dauercamper-Modefarben Grau, Grün und Neon. Sonst ist da noch ein Geländewagen, ein Akazienbaum und ein bisschen Gestrüpp, in der Ferne kahle Berge. Der Rest ist Sand.

Kinostarts - 'Allein die Wüste'

Dietrich Schubert philosophiert, Fräulein Sony filmt: "Allein die Wüste".

(Foto: dpa)

Dietrich Schubert aus der Eifel ist in der Sahara zelten gegangen. Er hat dabei "Allein die Wüste" gedreht, einen Dokumentarfilm, der zurzeit in einigen Programmkinos läuft. Mitgenommen hat er auf seine Reise 90 Flaschen Mineralwasser, Essen für zwei Monate und eine Kamera, die er bald "Fräulein Sony" nennt, weil sie sein einziger Gesprächspartner weit und breit ist, von einer Maus und einem kleinen Vogel mal abgesehen. "Ich bin gespannt, wie lange ich die Einsamkeit hier aushalten werde, wie lange ich die Wüste, wie lange ich mich ertragen kann", sagt er zu Fräulein Sony. Das fragt man sich als Zuschauer dann auch.

Es ist ein Selbsterfahrungstrip: in der Wüste sitzen, mit Kleintieren reden, die große Leere spüren. Die Idee ist nicht neu, es gibt sie längst als Bierwerbung. Keine Staus. Keine Cocktailpartys. Keine Handys. Keine Meetings. Aber natürlich doch Kompromisse. Denn bald zieht ein Sandsturm auf und es kommen die Fliegen, viel zu viele kleine sirrende Fliegen, die einem beim Sprechen in den Mund krabbeln und die zischend sterben, wenn man Klopapier verbrennt. Das macht man laut Wüstenetikette nämlich. Weil nichts verrottet und einem der Wind sonst ständig Klopapier um die Nase wehen würde.

Schubert trägt, wenn er solche Dinge erklärt, Bart und Trekkinghose und sitzt auf einem Campingstuhl. Das Bild ist, ganz klar: Papa im Urlaub. Allerdings würde der vermutlich nicht so irres Zeug von verbrannten Mädchen und vergewaltigten Aborigines erzählen. Davon träumt Schubert nämlich nachts, in der friedlichen Welt ohne äußere Reize spielt sein Kopf im Streiche. Merke: Auch die Sahara kann einem auf die Nerven gehen.

Doch dann, ganz langsam, macht sich eine Art kosmische Cocktailpartystimmung breit. Der Mann in der Wüste hält bald alle für seine Freunde, die Akazie, die Maus, den Vogel Mula Mula. Das Einzige, was ihn nicht so rührt, sind die Kameltreiber, die gelegentlich zum Teetrinken vorbeikommen: "Eigentlich haben mir in den 20 Tagen Menschen nicht unbedingt gefehlt."

"Das war mein größtes Abenteuer"

Ganz ohne Menschen werden schnell Nichtereignisse zu Ereignissen. Die Akazie blüht, rote Wolken ziehen vorbei, der Mond geht unter, die Sonne auf, Windböen schreiben Muster in den Sand, es herrscht völlige Stille. All das sieht man in so langen Kameraeinstellungen, dass man bald auch meint: "Ich denke, ich bin dann schon, manchmal, ziemlich dicht an der Landschaft, vielleicht auch dicht an mir."

Das Problem ist, dass Erleuchtungen, die sich innen drin toll anfühlen, nicht ausgesprochen klug sein müssen. Wenn der Wüsten-Robinson zum Beispiel über den Tod philosophiert. Erst erklärt er, dass hier, unter der Akazie, bei Maus und Vogel, doch ein guter Ort zum Sterben wäre. Besser als die Intensivstation. Dann fällt ihm ein, dass ärztliche Hilfe, andererseits, natürlich auch ganz gut ist. In solche Tiefen sollen einzelne Cocktailpartys auch schon vorgestoßen sein.

Am Ende, sagt er: "Das war mein größtes Abenteuer." Da könnte man ein bisschen aus der Haut fahren und mit dem großen Kinorüpel Klaus Lemke fragen, warum die Filmstiftung NRW Geld ausgeben muss, damit alte Herren Urlaubsvideos drehen können? Aber für solche Ausbrüche haben einen die schönen Bilder der Wüste dann doch zu sehr beruhigt. Und außerdem ist ja vielleicht genau das die Aufgabe des staatlich geförderten deutschen Kinos: Einfach mal sagen, was wirklich passiert. Sollen andere Filme sich mit Superhelden, Sadomaso-Sex und Sachertorte beschäftigen - dieser hier zeigt Sand. Das ist die Wahrheit der Wüste.

Allein die Wüste, D 2011 - Regie, Buch, Kamera, Schnitt, Ton: Dietrich Schubert. Verleih: Real Fiction, 85 Minuten.

© SZ vom 18.07.2012/ihe

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