Süddeutsche Zeitung

Thriller "All the Pretty Little Horses":Panikattacken am Pool

Michalis Konstantatos erzählt in "All the Pretty Little Horses" das Leben im Griechenland der Gegenwart als Horrorfilm.

Von Fritz Göttler

Für ein paar Sekunden schaut Aliki starr vor sich hin, ein Blick ins Leere, undurchdringlich. Sie und Petros, ihr Mann, haben im Supermarkt überraschend ein befreundetes Ehepaar getroffen, von früher, als sie in Athen lebten. Der Mann ist Architekt, er baut einem reichen Kunden eine Villa und ist für ein paar Tage in der Gegend, um die Bauarbeiten zu kontrollieren. Morgen geht es wieder nach Athen zurück. Ganz spontan also der Vorschlag, gemeinsam zu Abend zu essen. Einen Moment zögert Aliki, dann grinst sie das Paar an: Kommt doch zu uns zum Abendessen. Petros ist, man hat das schon mehrmals an ihm beobachtet, eher unbeteiligt, skeptisch. Es ist eng zwischen den Regalen.

Etwas Unheimliches lässt Yota Argyropoulou hier in Alikis Gesicht aufblitzen, zwischen Spott und Dämonie. Mit der Einladung wird eine Grenze überschritten. Ihr Zögern markiert einen Moment der Befreiung, des Widerstands. Eine Revolution gegen die Realität. Es sind die späten Auswirkungen der internationalen Finanzkrise, in der die Lebensgrundlage von Griechenlands Bürgertum zerbröckelt wurde, die Regisseur Michalis Konstantatos skizziert. Das Dinner nachts am Pool des Hauses ist absolut stilgerecht, aber quälend peinvoll. Diese Existenz ist fake, es ist gar nicht ihr Haus, wo Aliki und Petros sich als Gastgeber aufspielen.

Komödien wie Horrorfilme speisen sich aus Fehlleistungen

Aliki und ihr Mann sind deklassiert, können sich Athen nicht mehr leisten. Aliki hatte als Anästhesistin in einem Krankenhaus gearbeitet, ihr wurde ein fataler Fehler angelastet und sie verlor die Stellung. Jetzt versorgt sie mühsam einen Schwerkranken zu Hause. Auch Petros, der ein Banker war, braucht eine neue Stelle, aber es gibt bei Bewerbungsgesprächen immer nur Vertröstungen. Auf dem Land lebt es sich billig, schäbig, erniedrigend.

Das Dinner-Haus gehört eigentlich der reichen Anna, Petros hält es in Schuss während ihrer Abwesenheit, macht kleine Reparaturen, hält den Pool sauber - der blaue Pool, so nah, aber in unerreichbarer Ferne. Der kleine Sohn fragt, wann sie wieder zurückkönnen in die Stadt, in ihr altes Leben. Aliki will ihn mit dem kleinen Spielzeugkarussell trösten und den hübschen kleinen Pferden darauf, die in seine Träume kommen sollen. Aber das Karussell dreht sich immer nur im Kreise.

Aliki und Petros haben Sex im Auto, in der Enge: Alles muss forciert werden, damit es das Gleiche bleibt. Wer zwei Frauen hat, verliert seine Seele, eine alte Kinoweisheit. Das mechanische Gartentor klemmt, wenn die Frauen rauswollen, Anna oder Aliki, nur ein schmaler Spalt schiebt sich auf, der Mann muss hindurchgreifen und das Ding aufzwängen.

Von aufeinandergehäuften Fehlleistungen leben die Komödien wie die Horrorfilme. Wer zwei Häuser hat, verliert den Verstand. In Horrorhäuser wird man nie hineingehören. Die heutigen sind hell und weiträumig und luxuriös, glatte Fassaden und große Fenster, der Horror hat nichts Ornamentales mehr. Man erwartet immer das Schlimmste, das ist seine ganze Realität. Ein Scheppern im Garten, ist das Kind in den Brunnen gefallen? Am schrecklichsten bleibt die unlösbare Frage: Gibt es überhaupt noch neben dem falschen ein richtiges Leben?

Mikra omorfa aloga, 2020 - Regie, Buch: Michalis Konstantatos. Musik: Liesa Van der Aa. Kamera: Giannis Fotou. Mit Yota Argyropoulou, Dimitris Lalos, Alexandros Karamouzis, Katerina Didaskalou. 107 Minuten. Video on demand und DVD bei good!movies.

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