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Alice Wus neuer Film:Er liebt mich, lieb' ich sie auch?

Selbstfindung in der amerikanischen Provinz: Alice Wus Coming-of-Age-Movie "Nur die halbe Geschichte" bei Netflix.

Von Susan Vahabzadeh

Nur die halbe Wahrheit/ Netflix
The Half of it

Die begabte Außenseiterin Ellie (Leah Lewis) und die schöne Aster (Alexxis Lemire) in "Nur die halbe Geschichte".

(Foto: Netflix)

Nur die halbe Geschichte", der neue Film von Alice Wu, ist erst seit wenigen Tagen in der Welt - und schon kursieren im Internet Rezepte für Würstchen-Tacos. Wie genau man sich die vorstellen soll, bleibt im Film nämlich eine Leerstelle, aber klar ist: Sie schmecken fantastisch. Und die Figuren, die Alice Wu geschaffen hat, sind so glaubwürdig, so charmant, so liebenswert, dass die ersten Fans versuchen, einen kleinen Teil von ihnen in die Realität hinüberzuretten. "Nur die halbe Geschichte" ist ein ungeheuer warmherziger Film - vielleicht haben darauf gerade alle gewartet, auf unwahrscheinliche Allianzen und Großzügigkeit. Das hier ist keine Liebesgeschichte, sagt Ellie ganz am Anfang; und natürlich ist es doch eine, bloß nicht die, die man erwarten würde.

Ellie Chu (Leah Lewis) ist der Fremdkörper im amerikanischen Provinzkaff Squahamish, und das liegt nicht nur daran dass ihr Vater, der in China Ingenieur war und hier der Bahnhofsvorsteher ist, einen Akzent hat. Sie versteht sich selbst als Einzelgängerin - irgendwie hat sie den Eindruck, keiner nehme sie war. Was so nicht stimmt, denn sie hat eine ganze Reihe von auffälligen Begabungen: Sie ist klüger als die meisten; so musikalisch, dass der örtliche Pfarrer lieber sie die Orgel spielen lässt als eines seiner Schäfchen; und daran, dass sie der halben Klasse die Aufsätze schreibt, um ihr Taschengeld aufzubessern, hat sich sogar die Lehrerin gewöhnt.

Alice Wu hat eine wunderbare Balance aus leichten Momenten und Rührung gefunden

Ihr Vater hat die Stromrechnung nicht bezahlt, und so nimmt sie einen Auftrag an, den sie eigentlich nicht wollte: Ihr Mitschüler Paul (Daniel Diemer) heuert sie an, der schönen Pfarrerstochter Aster (Alexxis Lemire) einen Liebesbrief zu schreiben. Das macht sie so gut, dass sie nun mit Textnachrichten und Briefen in Serie gehen muss.

Denn Paul, gut aussehend, im Football-Team, Spross einer Familie, die Squahamish seit Generationen mit Bratwurst versorgt, imponiert seiner Angebeteten immer nur aus der Ferne. Selbst wenn sie ihm gegenüber sitzt, klappt die Kommunikation nur, wenn Ellie an Aster Textnachrichten schreibt. Die beiden interessieren sich für Bücher und Malerei und Kino, all das ist Paul fremd. Und außerdem ist Ellie selbst in Aster verliebt.

Alice Wu hat eine wunderbare Balance aus leichten Momenten und Rührung gefunden. Die Debatten zwischen dem bebrillten Nerd Ellie und dem tapsigen Paul, der nach ein paar Büchern und hitzigen Diskussionen einen beachtlichen Verstand entwickelt, sind lustig, bissig, und dann wieder ganz ernst: Wie kommt er denn darauf, sein Verlangen nach einem Mädchen, dass er eigentlich gar nicht kennt, sei Liebe? Die Antwort, die er anfangs gibt, ist gar nicht so schlecht, aber Bestand hat sie trotzdem nicht.

Alle drei Protagonisten dieses Coming-of-Age-Movies sind noch in der Selbstfindungsphase. Aster weiß nicht, ob sie diesen Jungen nicht lieber mag als den Dorfschwarm, den sie heiraten soll. Paul weiß bald nicht mehr, in welches Mädchen er sich nun verliebt hat; und Ellie muss sich erst darüber klar werden, was es heißt, dass sie Mädchen lieber mag als Jungs.

"Nur die halbe Geschichte" sollte eigentlich auf dem Tribeca-Filmfestival Premiere feiern, nun wurde Alice Wus zweiter Film ganz leise bei Netflix gestartet. Es ist fünfzehn Jahre her, dass Wus "Saving Face" ins Kino kam, auch damals hat sie aus ihren eigenen Erfahrungen geschöpft: Sie ist asiatisch-stämmig und sie ist lesbisch. "Saving Face" war ein großer Erfolg, aber einen Spielfilm hat sie dann lange nicht hinbekommen - Mangel an Disziplin, sagt sie.

Um es jetzt endlich zu schaffen, hat sie sich einen Trick ausgedacht, erzählt sie im Branchenblatt Variety. Sie habe einen Spendenscheck an die National Rifle Association ausgestellt und eine Freundin angewiesen, ihn abzuschicken, wenn sie nicht binnen fünf Wochen einen Drehbuchentwurf vorlege. Mit den Teenagern von Squahamish ist es ganz ähnlich: Sie liegen manchmal falsch, sie verrennen sich in ihren Gefühlen, aber wenn es darauf ankommt, wissen sie, was wichtig ist.

The Half of it, USA 2020 - Regie und Buch: Alice Wu. Kamera: Greta Zozula. Mit: Leah Lewis, Daniel Diemer, Alexxis Lemire, Collin Chou. Netflix, 104 Minuten.

© SZ vom 12.05.2020

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