Dokumentarfilm "Alice Schwarzer" im Kino:Die Unbeirrbare

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Dokumentarfilm "Alice Schwarzer" im Kino: Alice Schwarzer bei ihrem Kerngeschäft - dem Schreiben.

Alice Schwarzer bei ihrem Kerngeschäft - dem Schreiben.

(Foto: Frenetic Films)

Sabine Derflinger hat ein wohlwollendes Filmporträt über Alice Schwarzer und ihre Verdienste um die Frauenbewegung gedreht. Manches wird aber ausgeblendet.

Von Anna Steinbauer

Sie polarisiert, ist schlagfertig und entlarvt Machos vor laufender Kamera. Seit Jahrzehnten bohrt Alice Schwarzer im Kampf gegen das Patriarchat unermüdlich den Finger in die Wunde - und schafft es immer wieder, im Brennpunkt der Diskussion zu sein. Die österreichische Filmemacherin Sabine Derflinger widmet sich in ihrem Porträt "Alice Schwarzer" der Emma-Gründerin und Ikone der Frauenbewegung, die seit den Siebzigerjahren den Diskurs über Geschlechtergerechtigkeit maßgeblich prägt, geliebt und gehasst wird.

Ein Archivausschnitt aus dem legendären Fernsehduell zwischen Alice Schwarzer und Esther Vilar von 1975 bildet den Auftakt des Films und legt zugleich einen entscheidenden Wesenszug Schwarzers offen: Die Lust an der Provokation lässt die 1942 in Wuppertal geborene Journalistin zur Hochform auflaufen, wobei sie ihre Meinung stets mit größter Konsequenz bis zum Schluss verfolgt und dabei auch noch wahnsinnig unterhaltsam ist.

Vilar hatte mit ihrem Buch "Der dressierte Mann" zum Zeitpunkt des Aufeinandertreffens gerade einen polemischen Bestseller gegen die damalige Emanzipationsbewegung geschrieben - Frauen sollten als Ausbeuterinnen des Mannes entlarvt werden. Sofort donnerte die sprachlich überlegene Schwarzer los, was für ein "haarsträubender Unsinn" das sei, Vilars Schriften seien "reif für den Stürmer". Sexistin, Faschistin - sie geizte nicht mit Beschimpfungen für die Kollegin. Der Schlagabtausch machte Schwarzer über Nacht zur bekanntesten Feministin des Landes.

Wie oft musste sie lesen, dass sie "Männerhass predigt"?

"Ihr Redefluss hätte nur durch das Herausreißen der Zunge gestoppt werden können", schreiben die Ruhr-Nachrichten danach, die Bild-Zeitung betitelte sie als "Hexe mit dem stechenden Blick". Der Blick ins Archiv, den Derflinger in ihrem Dokumentarfilm ermöglicht, ist so schockierend wie überfällig, weil er entlarvt, wie frauenfeindlich und diffamierend die männlich dominierte Medienlandschaft damals war - und es teilweise bis heute ist. Immer wieder wurde Schwarzer als "männermordende Amazone" bezeichnet, die "Männerhass predigt", später als "bundesdeutsche Chefanklägerin für die Sache der Frau".

Gerade wegen ihres Muts zum Widerspruch besteht Schwarzers großes Verdienst wohl darin, den Feminismus in die deutschen Wohnzimmer gebracht zu haben. Man sieht sie bei der Arbeit und im Privaten, Weggefährtinnen wie Jasmin Tabatabai, Élisabeth Badinter, Jenny Erpenbeck und Schwarzers Ehefrau Bettina Flitner kommen zu Wort. Kämpfe und Erfolge dürfen Revue passieren, Allianzen werden geformt und wieder zerbrochen. So war der Stern 1971 noch hilfreich beim berühmten "Wir haben abgetrieben!"-Massenbekenntnis prominenter Frauen gegen den Paragrafen §218, sieben Jahre später aber verklagte sie das Blatt wegen sexistischer Coverbilder.

Regisseurin Sabine Derflinger liegt die Sache am Herzen, ihr letzter Dokumentarfilm handelte schon von Österreichs erster Frauenministerin Johanna Dohnal. Feinsinnig und ihrer Protagonistin gegenüber wohlwollend ergründet sie nun, was Schwarzer geprägt hat, und wie sich auch ihre umstrittensten Ansichten entwickelten, etwa ihr Anti-Islamismus mit kompromissloser Ablehnung des Kopftuchs, oder ihre ablehnende Haltung gegenüber der Prostitution. Derflinger spürt nach, ohne zu bewerten, lässt Ambivalenzen stehen und überlässt sie dem Publikum zur eigenen Meinungsbildung. Allerdings wird Schwarzers zweifelhafte Rolle in ihrer Kachelmann-Berichterstattung für die Bild-Zeitung etwas kurz und unklar abgehandelt, und auch ihre umstrittene Haltung in Bezug auf Transsexualität findet überhaupt keinen Platz im Film.

Stattdessen erfährt man von ihrer Kindheit bei den Großeltern in Wuppertal, ihrer Pariser Studienzeit mit der französischen Frauenbewegung MLF und Simone de Beauvoir. Bereits als Volontärin bei den Düsseldorfer Nachrichten sei sie durch "extremes Strebertum aufgefallen", erzählt Schwarzer. Die Konsequenz, mit der sie unbeirrbar ihre Ziele verfolgt, ist etwa in der Erinnerung an eine Recherche zu spüren, für die sie vier Monate lang in einer Fabrik an der Stanzmaschine verbrachte. Eine Beharrlichkeit, die Schwarzer zeitweise auch sehr einsam machte, wie sie bekennt.

Schon Anfang der Achtzigerjahre bemühte sich Schwarzer darum, ein feministisches Archiv aufzubauen, weil sie erkannt hatte, welch wichtige Rolle die Sichtbarmachung von Frauengeschichte im Kampf um Gleichberechtigung spielt. Mit dem Porträt einer der wichtigsten Vertreterinnen der Zweiten Emanzipationsbewegung trägt auch dieser Film nun dazu bei: Er zeigt und bewahrt ein starkes und wichtiges Stück Frauengeschichte.

Alice Schwarzer, D/Österreich 2022 - Regie und Buch: Sabine Derflinger. Kamera Isabelle Casez, Christine A. Maier. Verleih: Mizzi Stock/FilmAgentinnen, 100 Minuten. Kinostart: 15. 09. 2022.

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