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Alice Munro:Distanz innig verbunden mit innerer Nähe

Verschlungen sind die Pfade, auf denen sie ihre Figuren führt, oft spielen ihre Geschichten in Kleinstädten, dort, wo man sich kennt, was manchmal von Nutzen ist. So geht es dem Helden einer Erzählung, der seiner Hasenscharte wegen froh ist, dass sich die Leute an sein Gesicht gewöhnt haben. Und doch ist er zu stolz, das Angebot einer Bekannten, die leichtsinnig ihr Elternhaus verkauft hat, anzunehmen, zu ihm in sein Haus zu ziehen. Aus lauter Sorge, sie könne ihn doch noch überreden, verkauft er das eigene Haus, in dem er mit seiner Mutter bis zu deren Tod lebte.

Ein Satz genügte, um alles zu verunmöglichen: Sie könnten doch wie Bruder und Schwester zusammenleben, niemand würde sich etwas dabei denken. Am Ende erlebt das seltsame Paar dennoch eine Art Glück, als sie gemeinsam ein paar Skunks beobachten, die sich in einem Vogelbad miteinander vergnügen. "Ihr Gesicht strahlte. (. . .) Ich dachte, vielleicht sagt sie noch etwas und verdirbt es, doch nein. Keiner von uns sagte etwas. Wir waren so froh, wie man nur sein kann."

Dass es besser ist, manche Dinge nicht auszusprechen, spielt in diesen Geschichten mindestens eine ebenso große Rolle wie die Fähigkeit, in einem Gespräch die richtigen Worte zu finden oder etwas erzählen zu können, um den anderen zu unterhalten, wie der Nachtwächter in einem Kino, dessen Frau unheilbar krank ist. Ob sie von Liebeswirren handeln oder von tragischen Verlusten, immer gibt es ein fein austariertes Verhältnis zwischen Gesagtem und Ungesagtem. "All dieses Ausweiden, das heutzutage in Familien betrieben wird, halte ich für einen Fehler", sagt ein Mann, dessen Schwester als Kind vor seinen Augen mit triumphierender Geste in eine Kiesgrube sprang und ertrank. Noch immer ist er "starr" vor Schreck, wenn er daran denkt.

"Vom Gefühl her autobiografisch"

In einer der vier Erzählungen, die Alice Munro mit der Bemerkung einleitet, sie seien "vom Gefühl her autobiografisch", erinnert sie sich an eine Phase nächtlicher Schlaflosigkeit, in der sie Angst davor hatte, sie könnte ihre kleine Schwester erwürgen, die sie über alles liebte. Nächtelang schlich sie ums Haus, um sich abzulenken, bis sie eines Morgens auf ihren Vater traf. Sie gestand ihm alles, mit dem Wissen, im Augenblick ihres Geständnisses nicht mehr dieselbe Person zu sein.

Der Vater aber antwortete nur, es gäbe keinen Grund zur Sorge. "Menschen haben manchmal solche Gedanken." Dass sie mit der Haltung ihres Vaters, der sich mit dem abfand, was das Leben ihm zuteilte, stärker sympathisiert als mit dem Versuch ihrer Mutter, mehr darzustellen, als sie war - eine Farmerstochter, die zur Lehrerin aufgestiegen war, um zur Frau eines Farmers zu werden, der zur falschen Zeit in die Pelzzucht investierte -, daran lässt Alice Munro keinen Zweifel. Das Gespür für Zwischentöne und den Blick für verräterische Details dürfte sie dennoch von ihr geerbt haben, ebenso das blitzschnelle Klassifizieren von Merkmalen, die den Status oder die Gemütslage einer Person verraten.

Der distanzierte Blick aus der Vogelperspektive geht im Werk Alice Munros eine innige Verbindung mit den Stimmen ein, die im Kopf ihrer Figuren hausen. Schon als Fünfjährige hat sie bemerkt, dass das Bild, das ihre Mutter von ihr hatte, von ihrem eigenen Bild abwich. Womöglich war es dieser Zwiespalt, in dem sich ihre Erzählstimme einnisten konnte, die stets nah bei ihren Figuren ist, auch wenn sie nicht aus deren Körper kommt. Als Alice Munro nun mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, ging die Ehrung auch an diese Stimme. Sie kann Distanz und Nähe so eng miteinander verschwistern, dass sie unverkennbar geworden ist.

© SZ vom 11.12.2013/cag
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