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Alfred Kerr (XXVII):Der Großkritiker <p></p>

SZ-Serie über große Journalisten (XXVII): Alfred Kerr entwickelte "die Eitelkeit zum Motor seines Schreibens und den Selbstgenuss zum Stilprinzip" - meint jedenfalls Marcel Reich-Ranicki.

Am Besten war er, als der Größenwahn ihn noch nicht überwältigt hatte. Wirklich und zum Niederknien gut sind Alfred Kerrs Texte aus der Zeit, als er die Beobachterrolle noch nicht aufgegeben hatte, als er sich noch nicht zum Großkritiker und wichtigsten Teil dessen stilisiert hatte, worüber es zu schreiben galt.

SZ v. 10.06.2003

Der junge Kerr schlägt mit seinen Berliner Reportagen und Kunststücken, seinen Korrespondenzen aus England, Italien und Frankreich den späteren Kerr, diesen viel berühmteren und selbst für heutige Verhältnisse unfassbar einflussreichen Starkritiker um Längen. An Alfred Kerr und der Kerr-Rezeption kann man eine Menge lernen: Dass literarische Qualität nicht veraltet, auch wenn sie als Zeitungsartikel in die Welt gesetzt wurde. Dass stilsicherer, eleganter und kluger Sprachübermut leicht in Mätzchen, Marotten und Manierismen umschlägt, sobald die Eitelkeit des Autors stärker wird als Neugierde, Schreiblust und Erkenntnisinteresse. Vor allem aber kann man sich bei Kerr eine Lektion darüber abholen, was der literarische und journalistische Preis dafür ist, wenn einer sich verführen lässt dazu, selber mitspielen zu wollen. Wenn er Macht nicht mehr nur beschreiben, sondern auch selbst spüren und ausüben möchte: Die Reportage wird dann starr vor Selbstbeweihräucherung, der Kommentar verkommt zur Kanzelpredigt und die Kritik mutiert zur Kampagne. Was nicht ausschließt, dass dieses mit hoher Eleganz und unter wachsender Begeisterung des Publikums geschehen kann.

Eigentlich hieß er ja Alfred Kempner, dieser junge Breslauer aus guter jüdischer Familie, der in Berlin Germanistik und Philosophie studierte und noch vor der Promotion, gleich mit seinen ersten Texten, den Redakteuren und Lesern ans Herz griff. Es war Jahrhundertwende und Neuanfang in Berlin. Also schrieb der junge Mann über Kaiser und Kunst, über Adel und Elend, über Klein- und Großkriminelle, über ritterliche Reitgesellschaften und hinterste Hinterhöfe. Er hielt sich dabei unabhängig vom offiziellen Veranstaltungskalender und der allgemeinen Agenda, der schon damals die Berlin- Berichterstattung unterlag. Er schrieb, was ihn interessierte: Gerichtsreportagen und Kritiken, Porträts und Analysen. Er besuchte Bismarck. Und er besuchte den Mafiaboss von Neukölln.

Und je tiefer er sich hineinfraß in alle Schichten dieses gerade aufgehenden Berlin-Kuchens, desto geschmacks- und urteilssicherer wurden seine Texte.

Kerrs Väter waren Heine und Börne, deren Gräber er in Paris besuchte. Er schrieb so klug und so unabhängig wie sie. Aber er schrieb ganz anders. Noch frecher. Noch unbestechlicher. Noch pointierter. Und so entwickelte er zwangsläufig den eigentlichen Expressionismus. Und das wusste er auch. "Ich bin der Sprachschöpfer des Expressionismus. Ich schuf Gedrängtheit. Ihr aber machtet hieraus (im Drama) Labbriges: und (in der Kritik) Schmus. Ich stehe vor euch, Verhunzeriche, wie Luther vor den Bauern", schrieb er in der dem späteren Kerr eigenen Bescheidenheit.

Marcel Reich-Ranicki schreibt über diesen, den Kritiker Kerr, dass "die Egozentrik die Voraussetzung seiner kritischen Tätigkeit und darüber hinaus seiner ganzen schriftstellerischen Existenz, die Eitelkeit der Motor seines Schreibens, der Selbstgenuss sein Stilprinzip" war. Wahrscheinlich schreiben Großkritiker auch immer ein wenig über sich selbst, wenn sie über andere, noch größere Kritiker schreiben.

Kerr aber war kein Kritiker-Papst. Er brauchte gleichgewichtige Gegenspieler, damit seine Polemik ansprang. Das Publikum liebte seine hinreißenden und ungerechten Fehden mit Herbert Ihering und Maximilian Harden. Karl Kraus, der als junger Mensch wie Kerr Briefe aus Berlin geschrieben hatte (aber eben nicht ganz so gute), nannte Kerr eine "Feuilletonschlampe", einen "Demokratin", dessen "Stil die letzten Zuckungen des sterbenden Feuilletonismus" darstelle. Kerr nannte Kraus dafür einen "Zwanzigpfennig- Aufguss von Oscar Wilde" ein "Nietzscherl" der an "doppelter Epigonorrhöe" leide.

Auch Bertold Brecht hat diesen Kerr gehasst, hat ihn einen "nach Trüffeln schnüffelnden Five-o-clock-tea-Plauderer" genannt. Und handelte möglicherweise in berechtigter Notwehr. Die jetzt gerade moderne Brecht- Rezeption in England und Deutschland jedenfalls befindet sich in erstaunlicher Nähe zu Kerr, der Brecht nicht so furchtbar hoch achtete. Die Berliner liebten das alles. Sie vergötterten ihren Alfred Kerr. Die Sammelbände des Theaterkritikers Kerr erreichen höhere Auflagen als die zu seiner Zeit erscheinenden Romane. Viele Menschen lasen Theodor Wolffs Berliner Tageblatt überhaupt nur seinethalben.

Sie machen ein bisschen müde, die furiosen "Quittungen", die Kerr nach seinen Theaterbesuchen ausstellte, selbst wenn sie noch heute so überraschend gültig sind. Und wenn man erst wieder einen Tag lang in diesen immer witzigen, immer eitlen, immer mit römischen Ziffern gegliederten Texten gelesen hat, sehnt man sich nach dem frischen, dem frühen Kerr. Also liest man vielleicht noch einmal seinen Bericht über den sozialistischen Weltkongress 1896 in London, der möglicherweise eines der Reportage-Glanzstücke deutscher Literatur überhaupt ist. Wie Kerr da mit einem feinen, bösen Porträt Clärchen Zetkin zur Heldin des Kongresses macht. Wie er im Regents Park mit August Bebel spazieren geht und sich den Unterschied zwischen richtigen Sozialisten und sozialistischen Anarchisten erklären lässt.

Eigentlich ist es schade um jede Zeile, die man über Alfred Kerr schreibt, anstatt einfach seine Texte abzudrucken. Die guten darunter gehören nun einmal zum Schönsten, was es in deutscher Sprache zu lesen gibt. Dass sein herrlicher Berlinkuchen zusammenfallen würde, wenn die Nazis erst an die Macht kämen, wusste Alfred Kerr schon sehr früh. 1928 schrieb er: "Was Hitler, der Mann des gebrochenen Ehrenworts, auch dreist lügen mag - die Herrschaft der N. S.D.A.P: bedeutet Krieg! Letztes Elend! Deutschlands Zerfall!" Der Völkische Beobachter zählte Alfred Kerr zu denen, die nach einer Machtübernahme bitteschön als erste an die Wand gestellt werden sollten. Und gerade weil die Berliner Gesellschaft ihm so anbetend zu Füßen gelegen hat, ist es um so ekelhafter, wie feige und widerstandslos sie es dann hinnahm, dass die Nazis auch ihn ins Exil trieben und seine Wörter verbrannten.

Im Februar 1933 ging Alfred Kerr erst nach Frankreich, dann nach England. Und noch diesen bitteren Absturz vom hofierten Pop-Literaten zum verachteten Juden, der genötigt wird, seine Heimat, die deutsche Sprache, zu verlassen, hat er schreibend zu ironisieren versucht. Nie hätte er so aufregende Erfahrungen machen können, schrieb er, nie hätten seine Kinder so toll Sprachen lernen und in Cambridge studieren können: "Wem Mob will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt."

Den Gratulanten zu seinem Achtzigsten dankte er 1947 mit einem Schnoddervers: "Man stirbt einen Tod; man weiß nicht welchen; - Vielleicht ein schmuckes Schlaganfällchen". Im darauf folgenden Herbst kehrte Alfred Kerr zum ersten Mal nach Deutschland zurück. Und er sitzt - wo auch sonst - im Theater, in einem deutschen Theater endlich wieder, als ihn tatsächlich der Schlag trifft. Einige Wochen noch liegt er halbseitig gelähmt in einem Hamburger Krankenhaus. Dann bringt seine Frau ihm die Überdosis Veronal.