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Alfred Brendel wird 90:Inspiration und Eigenwille

Alfred Brendel im Dezember 2010 in Hamburg.

(Foto: Regina Schmeken/SZ)

Lehrer, Vortragender, Erzähler, irritierender Poet, Kosmopolit - vor allem aber natürlich: geistreicher, elektrisierender Pianist. Sir Alfred Brendel zum 90. Geburtstag.

Von Harald Eggebrecht

Kürzlich antwortete Alfred Brendel in einem Zeit-Interview auf die Frage, was für Musikaufnahmen er sich selbst zum Vergnügen ab und zu anhören würde, mit Namen, an denen sich seine eigene pianistische Kunst stets orientiert hat, ohne sie je zu imitieren oder ihnen blind zu folgen: Edwin Fischer, Alfred Cortot, Wilhelm Kempff. Brendel bewundert Fischers Klaviergesang bei Bach, Cortots Originalität bei Chopin, Kempffs poetische Kraft bei Liszt, die das rein Virtuose wundersam verwandle in reine Musik.

Im selben Interview äußert sich der Meister aber auch zu dem, was er niemals sein wollte: ein Pianist, der gegen die Kompositionen spiele, wie es für ihn als kategoriales negatives Beispiel Glenn Gould gewesen sei. Gould habe immer gegen die Werke der Komponisten agiert.

Besser lassen sich Alfred Brendel und seine Kunst kaum beschreiben als in diesen vier Kategorien: Er wollte stets das Klavier zum Singen bringen, dabei die Werke des jeweiligen Komponisten nicht nur neutral abbilden, sondern sie so original wie möglich und so originell wie nötig darstellen und in höhere Poesie übersetzen, dabei immer streitbar und eigenwillig sein, ohne die Musik ans wohlfeil Egomane zu verraten.

Obwohl Brendel nun seit zwölf Jahren nicht mehr konzertiert, ist er als unverwechselbar eigenständige Instanz aus der Musikwelt nicht wegzudenken und daher weiterhin auf den Podien der Welt zu Hause. So trägt er nun witzige, auch groteske Gedichte vor, liest aus seinen Essays über Musiker, Musik und Philosophie, hält Vorträge über Sinn und Unsinn in der Musik, unterrichtet in Meisterklassen nicht nur Pianisten, sondern auch Streicher. Im Zentrum steht dabei jene immer geheimnisvolle Fähigkeit von manchen Spielern, ein Stück Musik lebendig werden zu lassen, während das anderen - bei aller körperlichen Geschicklichkeit - immer verwehrt bleiben wird.

Dass da viele Junge zu diesem geistvollen, hintersinnigen, ernsten, aber auch kauzigen Guru pilgern, liegt auf der Hand.

Unter anderem empfiehlt er dabei den Eleven und Studenten, doch selbst zu komponieren, um durch solches Tun auch der Logik in den Stücken großer Komponisten näher zu kommen. Und natürlich erzählt Brendel dabei aus seinen schier grenzenlosen Erfahrungen als einer der ganz großen Pianisten des 20. Jahrhunderts.

Zarter, traumverlorener kann man Schubert nicht spielen

1949 begann die Karriere des im mährischen Wiesenberg geborenen, dann in Kroatien, Graz und schließlich in Wien ausgebildeten Brendel. 1971 verließ er, der sich als überzeugter Kosmopolit versteht, die Stadt an der Donau, weil sie ihm muffig und provinziell erschien. Seitdem lebt er in London. Mit seiner Familie. In einem Haus, das angefüllt ist mit Büchern, Noten und zahllosen Erinnerungsstücken. Haydn, Mozart, Beethoven, auch Ferruccio Busoni und Franz Liszt vermochte Alfred Brendel in seinem nie schwerfüßigen, nie gewalttätigen, stets geistreichen und oft elektrisierenden Spiel eindringlich zu realisieren. Doch am tiefsten eingedrungen ist Brendel wohl in die Klangwelt Franz Schuberts. Zarter, traumverlorener, dabei von bedrohlicher Unruhe erfüllt, kann man das nicht spielen.

Von alldem gibt es zum Glück viele Aufnahmen. Für die, die Alfred Brendel auf dem Podium erlebt haben, wenn er etwa Schuberts abgründige Impromptus aus dem Moment heraus gleichsam improvisatorisch gestaltete, sind das wehmütige Erinnerungen. Für die anderen sind es Dokumente eines einzigartigen Pianisten und musikalisch eigensinnigen Denkers. Dass Alfred Brendel trotz seines hohen Alters weiterhin allüberall als Lehrer, Vortragender, Erzähler und irritierender Poet auftreten möge, das wünschen sich alle, denen Musik und Musiker wahrhaft etwas bedeuten!

© SZ/biaz
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