bedeckt München

Herta Müller und Swetlana Alexijewitsch in Berlin:"Genozid am eigenen Volk"

Berliner Korrespondenzen im Maxim Gorki Theater

Swetlana Alexijewitsch (links) und Herta Müller im Gespräch. Das Gespräch wurde moderiert von Jens Bisky, Redakteur am Hamburger Institut für Sozialforschung.

(Foto: Screenshot Youtube/Maxim Gorki Theater)

Folter, Misshandlungen, willkürliche Festnahmen: Die Nobelpreisträgerinnen Herta Müller und Swetlana Alexijewitsch rufen den Westen auf, den Belarussen Schutz zu gewähren.

Von Felix Stephan

Die belarussische Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch war an den Protesten gegen den Diktator Alexander Lukaschenko von Beginn an unmittelbar beteiligt, zuletzt als Mitglied des sogenannten "Koordinierungsrats". Bislang beschied sie sich weitgehend mit einem rein praktischen Engagement. Essays oder Interviews, in denen sie sich ausführlich über die Situation in Belarus geäußert hätte, gab es bisher nicht.

Das änderte sich am Donnerstag, als sie zusammen mit Herta Müller im Berliner Gorki-Theater aufgetreten ist, aber bevor es um die willkürlichen Verhaftungen, die Folter und die blinde Gewalt ging, mit der Lukaschenko sein Volk gerade überzieht, erzählte Alexijewitsch von ihrer Kindheit in der Sowjetunion.

Sie erinnere sich an ihre Großmutter, sagte sie, und an das Dorf, in dem es fast keine Männer mehr gegeben habe. Ihr Großmutter habe ihr erzählt, dass auf den Feldern die Leichen der deutschen und russischen Soldaten einst so eng nebeneinander gelegen hätten, dass die Pferde nicht wussten, wohin sie hätten treten sollten.

Auf den Feldern lagen die russischen und deutschen Soldaten

In der Mittagspause seien die Frauen von den Feldern gekommen, um karg zu essen und zusammen zu singen und seien dann wieder an die Arbeit gegangen. In ihren Gesprächen sei es häufig um den Tag gegangen, an dem sie ihre Männer zum letzten Mal gesehen hatten, einige seien nur ein paar Wochen verheiratet gewesen. Um den Tod sei es nie gegangen, obwohl er allgegenwärtig gewesen sei, aber, so Alexijewitsch in Berlin, "alles, was ich über die Liebe weiß, habe ich dort gelernt", bei den einfachen Frauen auf dem Dorf, die ausgelaugt von der Arbeit zusammensaßen. Manchmal hätten sie auch die Pferde ersetzen müssen, weil es auch die nicht mehr gegeben habe.

Ihr gesamtes literarisches Projekt beschrieb sie als Versuch, der Melodie dieser Erzählungen gerecht zu werden. Gerade die Landbevölkerung könne auf besondere Weise erzählen, weil auf dem Land jeder Mensch spüren konnte, dass er nicht nur im Kommunismus lebte, sondern im Universum.

Bei Herta Müller war die Literatur, so erzählte sie es in Berlin, am Anfang erst eine Art Notwehr. Sie habe in einer rumänischen Traktoren- und Maschendrahtfabrik gearbeitet, der Geheimdienst habe sie mit dem Tod bedroht, um sie zur Mitarbeit zu zwingen, da habe sie eines Tages aufgesehen und sich gefragt, wie ihr Leben diesen Verlauf habe nehmen können. Die Arbeiter in der Fabrik seien von der Armut verwahrlost gewesen, es habe keine einzige intakte Glasscheibe in der Fabrik gegeben, die Leute seien um fünf Uhr aufgestanden und mussten schon morgens Schnaps trinken, "damit sie nicht erfrieren an diesen Fließbändern".

"Das gestohlene Leben, ohne Grund, ohne Recht, ohne Legitimation"

Wenn sie heute durch Deutschland fahre, sei sie immer noch gerührt, dass nun alles offen sei, aber die Frage, wie es überhaupt sein könne, dass es immer wieder Diktaturen gebe, sei bis heute unbeantwortet: "Wie kann Lukaschenko sich ein ganzes Land stehlen? (...) Es ist so absurd und es dauert so lange. Irgendwann weiß man, dass es enden wird, aber ein Menschenleben ist begrenzt. Und dieser Schmerz, wenn man sich das vorstellt, all das gestohlene, zerstörte Leben, ohne Grund, ohne Recht, ohne Legitimation, das macht mich heute noch verrückt."

Zur Rührung hatte Alexijewitsch keinen Anlass. Als Neuanfang sei das Jahr 1989 woanders gefeiert worden, im Westen vielleicht und in Gorbatschows innerem Zirkel. In der Tiefe der Gesellschaft aber, im Leben der Bauern und der Volksmassen, habe sich wenig geändert. In Belarus herrsche die Diktatur bis heute, ihr Volk habe sich nie wirklich befreit und womöglich sei der "Genozid am eigenen Volk", der in Belarus gerade vor sich gehe, gerade deshalb möglich.

Am Anfang der Revolution habe es viel Idealismus und Romantik gegeben, sagte Alexijewitsch, man habe das Regime mit weißen Kleidern, Musik und Blumen stürzen wollen: "Ich habe immer gesagt, wir sollten versuchen, durch die Kraft der Überzeugung zu siegen, und nicht dadurch, dass eine Elite die Jugend zum Protest aufruft und dann Hunderte junger Studenten unter den Panzern sterben müssen." Aber schon in den ersten Tagen seien die Demonstrationen niedergewalzt worden, von Militärtechnik, Geschützen, Wasserwerfern. Es sei nicht einfach, eine Gewaltherrschaft mit Worten zu stürzen, Tausende seien verhaftet worden. Die Zeit der Romantik sei vorbei, die Zeit des nüchternen Realismus angebrochen.

Man könne davon ausgehen, sagte Herta Müller, dass die Inhaftierten in diesem Moment gefoltert würden, im Gefängnis sei man den Wärtern schutzlos ausgeliefert. "Das Personal gibt es leider immer, in jeder Diktatur gibt es das Personal, das Menschen tötet." Ganz gleich, wie blutig und brutal er sei, kein Diktator werde je so einsam, dass ihm das Personal abhanden komme. Deutschland müsse den Flüchtlingen aus Belarus jetzt schnell und unbürokratisch Schutz gewähren, solange sie überhaupt noch ausreisen könnten, so die Nobelpreisträgerin. Lukaschenko habe sein Instrumentarium noch nicht ausgereizt.

Über 30 000 Menschen seien mittlerweile in Belarus durch die Gefängnisse gegangen, berichtete Alexijewitsch. Kein Europäer könne sich die Erniedrigungen und die Misshandlungen vorstellen, die dort stattfinden. "Ich habe Fotografien gesehen von jungen Männern, die im Gefängnis waren, da hatte selbst ich das Gefühl, ich verliere das Bewusstsein. Menschen, die nur noch ein Stück Fleisch waren." Es gelinge ihr nicht, sich vorzustellen, dass die Leute, die so etwas machen, ihre eigenen Nachbarn sein könnten: "Woher kommen die Menschen, die so etwas machen?" Die Literatur könne nicht unmittelbar helfen, aber sie habe die Macht, die Menschen aus der Banalität zu befreien, mit der sie sich schützen.

© SZ
Zur SZ-Startseite
Viktor Martinowitsch, nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der Buchbesprechung

SZ PlusProteste in Belarus
:"Die Situation wird immer schlimmer"

Der Buchtitel des belarussischen Schriftstellers Viktor Martinowitsch klingt wie eine Prophezeiung: "Revolution". Nun wurde sein Verleger festgenommen, 600 Exemplare des Buches beschlagnahmt. Ein Gespräch über Widerstand und dunkle Vorahnungen.

Interview von Francesca Polistina

Lesen Sie mehr zum Thema