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Nachruf auf Alexi Laiho:Das wilde Kind

Alexi Laiho 2014 bei einem Festival in Helsinki.

(Foto: MIKKO STIG/AFP)

Alexi Laiho war ein prägender, virtuoser Gitarrist. Und ein ewig Zerrissener zwischen Metal-Pose, Hochkultur und Familiensinn.

Von Nicolas Freund

"Fuck!" kann ja vieles bedeuten und vermutlich kannte niemand die verschiedenen Facetten und Betonungsnuancen des Ausdrucks so genau wie Alexi Laiho, Frontmann, Sänger und Gitarrist der finnischen Heavy-Metal-Band Children of Bodom. Laiho konnte fast nur mit diesem einen Schimpfwort die Ansagen eines ganzen Konzerts bestreiten - und die Texte seiner Songs gleich noch dazu. Wegen dieser, nun ja, Schlichtheit waren sie in den CD-Booklets oft gar nicht erst abgedruckt. Sei's drum: Metal ist ja auch kein unbedingt textlastiges Genre.

1993, mit gerade mal 14 Jahren, gründete Laiho mit ein paar Freunden die Band, die ihn nur eine Handvoll Alben später zu einem der größten Metal-Gitarristen überhaupt machen würde: Children of Bodom benannten sich nach einem bis heute nicht aufgeklärten Mord an einer Gruppe Jugendlicher am Bodom See in der Nähe Helsinkis, was die Bandästhetik bis zum Schluss prägte. Das Maskottchen, das viele solche Bands haben, war ein Sensenmann. Für Bandfotos posierten die jungen Finnen gerne, als kämen sie direkt von der Straße. Tatsächlich kamen sie aus reichen Vororten von Helsinki.

Die Kämpfe besiegelten die beiden dann auf offener Bühne oft mit einem Kuss

Zum Fundus, aus dem besonders Alexi Laiho seine musikalischen Zitate zog, gehörte entsprechend immer auch sehr selbstverständlich Hoch- und Popkultur - sei es die Filmmusik Hans Zimmers, Britney Spears, Slayer oder die Skalen klassischer Musik. Dazu kam seine immense Virtuosität. Legendär sind die Duelle mit Keyboarder Janne Wirman, bei denen sich die beiden gegenseitig zu unmöglich erscheinenden Instrumentalleistungen aufschaukelten. Die Kämpfe besiegelten sie dann auf offener Bühne oft mit einem Kuss.

Was für eine grandiose Art, die vordergründig ausgestellte Brutalität zu konterkarieren. Was für eine perfide Provokation der Szene. Härter als jedes "Fuck"! Einerseits.

Andererseits war da dieser besonders wilde Bursche, zeitweise "Wild Child" genannt. Laiho war sowas wie eine Ein-Mann-Metal-Szene. Musik, Style, Habitus, Kleidung: Inszenierung und Wirklichkeit gingen fließend ineinander über - und waren am Ende doch auch immer gebrochen. Hinter der Show stand eine Truppe, die einen Plan hatte. Laihos Inszenierung gab sich als solche zu erkennen - und wurde gerade deshalb wieder authentisch. Wichtig war für die Band eine Art von Humor, die sie mit manchen klassischen Komponisten teilte. Vieles verstand nur, wer selbst Musiker war. Die Übertreibungen, die Zitate, die Anspielungen: Auf seine eigene Art war das alles auch konservativ und elitär.

Laiho soll schon länger seine Anteile an der Band verkauft haben

Laiho, der früh heiratete, sich früh wieder scheiden ließ, nur, um wieder zu heiraten, schien entsprechend zerrissen - zwischen Metal und Hochkultur, Pose und Ironie, Frauen (und vielleicht auch Männern), sich selbst und den anderen Bandmitgliedern, dem Image als Wild Child und dem Älterwerden. 2019 löste sich die Band auf, angeblich vor allem wegen Streits zwischen Laiho, der schon länger seine Anteile an der Band verkauft haben soll, und den anderen Bandmitgliedern. Mit der Band schien dem Gitarristen, der mit seinem extrem melodischen und virtuosen Spiel ganze Generationen von Metalbands beeinflusste, etwas Wichtiges gefehlt zu haben.

Mit nur 41 Jahren ist Alexi Laiho Ende Dezember, ein Jahr nach der Auflösung von Children of Bodom, nach langer, schwerer Krankheit in Helsinki gestorben. Fuck.

© SZ/biaz
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