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Alexander von Humboldt 250:Ein Berliner Nomade

Alexander von Humboldt (1769-1859) in his library, circa 1855

Der alte Alexander von Humboldt in seinem Berliner Arbeitszimmer. Dem Druck liegt ein Gemälde von Eduard Hildebrandt zugrunde, der 1844 mit Unterstützung des preußischen Königs Brasilien und Nordamerika bereiste.

(Foto: Royal Geographical Society via G)

Er war der berühmteste Europäer neben Napoleon, das ungeheure Werk Humboldts aber wird erst allmählich entdeckt.

Von Jens Bisky

Im Februar 1804 verließ Alexander von Humboldt Mexiko, reiste über Havanna nach Nordamerika, wo ihn der Präsident Thomas Jefferson "mit Ehrenbezeugungen überhäufte". Dann trat er, nach der abgebrochenen Besteigung des Chimborazo, nach abenteuerlichen Nächten am Amazonas und Orinoco, von Philadelphia aus die Überfahrt nach Europa an, dessen Gebildete und Bildungslustige entschlossen waren, seine Rückkehr nach Kräften zu feiern. Am 1. August schrieb Humboldt aus Bordeaux an einen Freund: "Meine Expedition an 9.000 Meilen in beiden Hemisphären ist, vielleicht ohne Beispiel, glüklich gewesen. Ich war nie krank, und bin gesünder, stärker, und arbeitsamer, selbst heiterer, als je. Mit 30 Küsten botanischen, astronomischen, geologischen Schäzen beladen, kehre ich zurük, und werde Jahre brauchen, um mein groses Werk herauszugeben." Mit der Arbeit wollte er in Paris beginnen: "Meine Freunde sind in Spanien, Italien und mehreren Orten zerstreut. Ich scheue den ersten Winter. Ich bin so neu, daß ich mich erst orientieren muß."

Der Pariser Winter brachte dann auch politisch Neues. Humboldt war dabei, als sich Napoleon Bonaparte am 2. Dezember in Notre-Dame zum Kaiser krönte. Auf dem bekannten Krönungsgemälde von Jacques-Louis David ist der junge Mann von 35 Jahren mit seinem weißen Halstuch unter den Zuschauern gut zu erkennen. Der Maler hat ihm eine herausgehobene Position zugedacht, als wollte er die Vermutung bestätigen, dass der Amerikareisende Alexander von Humboldt nach seiner Rückkehr der neben Napoleon berühmteste Europäer war.

Sehnsucht nach seiner Heimatstadt Berlin verspürte Humboldt kaum. Auch wenn er der dortigen Akademie der Wissenschaften in seiner Antrittsrede pflichtschuldig schmeichelte und vom "langentbehrten Vaterland" sprach, verlegte er seinen Lebensmittelpunkt nach Paris. Dabei blieb es, bis ihn Geldnöte zwangen, sich 1827 doch wieder an der Spree niederzulassen. Nachdem er einen großen Teil seines ererbten Vermögens für Reisen und sein amerikanisches Reisewerk ausgegeben hatte, war er auf die Einkünfte als preußischer Kammerherr und Akademiemitglied angewiesen. Rasch wurde er ein Mann mit Einfluss bei Hofe und in der Großstadt populär. Das urbane Publikum - die königliche Familie, Geschäftsleute, Studenten, auch Frauen, denen die Universität noch verwehrt war - erreichte er mit seinen Kosmos-Vorlesungen in der Singakademie. Sein Vorhaben war tollkühn, aber ebenso überraschend war wohl die überwältigende Neugier der vielen Berlinerinnen und Berliner.

Er hielt gute Kontakte zu Honoré de Balzac, dem Gesellschaftsbotanisierer

Er selbst hat mehrfach die Enge der Stadt beklagt, nannte sie 1840 eine "moralische Sandwüste, geziert durch Acazien-Sträucher und blühende Kartoffelfelder". Als er hier geboren worden war, regierte noch Friedrich der Große, als Humboldt 1842 in das Haus Oranienburger Straße 67 zog, verband eine Eisenbahnlinie Berlin und Potsdam. Einen kurzen Spaziergang von seiner Wohnung entfernt rauchten die Schornsteine, baute August Borsig Lokomotiven, wohnten die Ärmsten dicht gedrängt. Als im März 1848 die Unzufriedenen dem König ihre Forderungen vorlegen wollten, dachten sie, Alexander von Humboldt könne ihnen helfen, vermitteln.

Das Bild des klassischen Naturforschers und Autors Alexander von Humboldts verändert sich derzeit atemberaubend rasch, gewinnt neue Konturen. Vor kurzem erst hat die "Berner Ausgabe" seine Zeitungs- und Zeitschriftentexte dem Vergessen entrissen, seine Reisetagebücher werden ediert, das von Ottmar Ette herausgegebene Humboldt-Handbuch verzeichnet eine Fülle interessanter Details. Wer außerhalb des kleinen Kreises der Kenner weiß schon, dass Humboldt gute Kontakte zum Gesellschafts-Botanisierer Honoré de Balzac unterhielt. Dass Victor Hugo ihm seinen Roman "Notre-Dame de Paris" zuschickte, damit ihn der preußische König in die Hände bekäme. Dass Humboldts gerühmte Naturbeschreibungen Mustern aus dem empfindsamen Erfolgsroman "Paul et Virginie" nacheifern.

Nachdem lange Stellen gesucht wurden, an denen der verehrte Klassiker Meinungen ausdrückte, die heutigen Ansichten ähneln oder nahe kommen, liegt nun das Material bereit, ihn aus seiner Zeit heraus zu verstehen. Sein Nomadentum zwischen den Disziplinen, immer auf dem Sprung zur nächsten Expedition, erscheint so einzigartig nicht, vielmehr ein Extrem zeittypischer Lebensformen. Auch sein Bruder Wilhelm war ständig unterwegs, bevor er im Alter in Berlin leben musste. Ebenso erging es vielen der romantischen Generationsgefährten.

Zwei Milieus hatten Humboldt geprägt: die Aristokratie und die Gelehrtenrepublik. Sein Kosmopolitismus wurzelte in beiden. Er hatte eine Ahnung von drohender Naturzerstörung und war doch immer auch an Naturausbeutung interessiert: als Bergbaubeamter in den Neunzigern des 18. Jahrhunderts, als Reisender, der über Guano schrieb oder auf der großen Russland-Reise 1829 nach Diamanten suchte.

Er war auftrittssicher und beherrschte den Berliner Salonton: "Ganz Sibirien ist eine Fortsetzung unserer Hasenheide". 1829 schlug er seinem Bruder im Scherz vor, am Kurischen Haff ein neues Berlin zu errichten, da die Landschaft sich nicht groß unterscheide. Es fehlte dazu nichts, "wenn Schinkel dort einige Backsteine zusammenkleben liesse, wenn ein Montagsclub, ein Cirkel von kunstliebenden Judendemoiselles und eine Akademie auf jenen mit Gestrüppe bewachsenen Sandsteppen eingerichtet würden". Und man hätte den Vorteil der Meeresnähe.

Wer im riesigen Humboldt-Kosmos stöbert, lernt eine weltläufige Neugier kennten, die in Paris, Berlin, Rom und Havanna so sehr zu Haus war wie am Chimborazo oder dem Asowschen Meer. Nach Humboldts Tod erlangte ein Kulturnationalismus die Hegemonie, der das Werk des gleichermaßen deutsch wie französisch schreibenden Nomaden verschattete. Wir leben in der Zeit seiner Wiederentdeckung.

© SZ vom 13.09.2019
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