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Finanzwelt-Roman "Hochdeutschland":Der Protagonist schreibt ein irres Manifest, "um das deutsche Volk zu einen"

Das Buch nimmt damit gleich am Anfang eindrucksvoll Fahrt auf und blickt so kundig wie kühl von innen auf die grotesken Winkelzüge der herrschenden Finanzökonomie und Wirtschaftspolitik und ihrer Protagonisten: "An diesem Punkt war der Gedanke hilfreich, dass kein Mensch nachvollziehen konnte, weshalb sich deutsche Pumpspeicherkraftwerke, also sicherheitsrelevante Infrastrukturanlagen, in den spekulativen Portfolios irrlichternder Texaner befanden." Wobei - der Roman ist voller solcher Volten - Victor ein Jahr zuvor die Angelegenheit als Berater der "Energie Baden-Württemberg" selbst einfädelte. Aber: "Es war ja nicht so, dass dies zweckdienlich erschien."

Denn wenn man sich "mal einen Standpunkt erlaubte", so Victor, dann "sollte sich eine solche Anlage, wenn sie in Deutschland arbeitete und somit der deutschen Bevölkerung zu dienen hatte, auch im Besitz der Bundesrepublik befinden." Insbesondere wenn die Energiewende die "volkswirtschaftliche Relevanz der Pumpspeicher stetig erhöhte, während sie gleichzeitig deren betriebswirtschaftliche Tragfähigkeit dahinschmelzen" ließ.

Die Farce ist hier die Komödie, bei der einem das Lachen im Hals stecken bleibt

Dass der Autor, wie sein Protagonist, einige Jahre als Investmentbanker für Unternehmenstransaktionen gearbeitet hat, und auch noch aus dem deutsch-österreichischen Industriehochadel stammt (sein Vater Heinz Schimmelbusch war als Vorstandsvorsitzender der Metallgesellschaft AG Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger Chef von mehr als 60 000 Angestellten), dürfte ihn zweifellos inspiriert haben, wie auch schon bei der Arbeit an seinen Vorgängern "Blut im Wasser" und "Im Sinkflug". Aus "Hochdeutschland" deshalb mit falscher Ehrfurcht Dokufiktion zu machen, hieße jedoch, den Roman grob zu unterschätzen.

Anders als bei Houellebecq biegt die Sache nämlich nicht Richtung Fatalismus ab, sondern - viel fieser noch: zum Positiven. Victor hält ein radikal liberal-populistisch-nationalistisches Projekt für nötig, "um das deutsche Volk zu einen", und schreibt ein irres Manifest "direkt an den Souverän" gegen das "obsessive Ich" für ein neues "entschlossenes Wir". Das Programm ist das Herzstück des Romans und will es energisch allen recht machen. Victor fordert darin eine Vermögensobergrenze bei 25 Millionen Euro (alles darüber ist unverzüglich an das Gemeinwesen abzuführen), eine staatliche Fondsgesellschaft zur Abwehr finsterer Wüstenspekulanten, maßgeschneiderte Bildungsförderprogramme für alle und fugenlose Autobahnen.

Mit anderen Worten: Er fordert eine Gesellschaft, die dem "Maschinenschlosser noch im hohen Alter seine Umschulung zum urzeitlichen Aalfischer" möglich macht und die nur noch eine Klasse kennt: die deutsche Mittelklasse. Was dann passiert, muss man selbstverständlich selber lesen. Nur so viel: Das Manifest hat manifeste Folgen, ein gar nicht böser türkischstämmiger Politiker wird Kanzler - und "Hochdeutschland" bringt am Ende das Kunststück fertig, gleichzeitig der Traum und die Horrorvision jedes besorgten Gutbürgers zu sein.

Bei der Lektüre jedenfalls bekommt man die Frage, ob die Lage eigentlich nicht sogar noch viel kaputter ist, als man ohnehin vermutet, nicht mehr aus dem Kopf. Und hinterher meint man, sie sogar beantworten zu können: Kommt darauf an, wie genau man über die Lage Bescheid wissen möchte. Und für wie blühend man Alexander Schimmelbuschs Fantasie hält. Die Farce ist hier jedenfalls die Komödie, bei der einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Der neue Finanzminister Olaf Scholz hat übrigens gerade den Deutschland-Chef der Investmentbank Goldman-Sachs zu seinem Staatssekretär gemacht.

© SZ vom 22.03.2018
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