Süddeutsche Zeitung

Alex Capus: "Susanna":Im Herzen unabhängig

Lesezeit: 4 min

Alex Capus erzählt die Geschichte der Frau, die nach Amerika ging, Malerin wurde und die Fürsprecherin des Häuptlings Sitting Bull: eine unvergessliche Heldin.

Von Kathleen Hildebrand

Was für ein Kind. Susanna Faesch ist fünf, als sie sich den "wilden Mann" aus der Nähe ansehen will, den Protagonisten eines Basler Zunftbrauchs. Der riesige maskierte Kutscher Anton führt einen Tanz auf, er springt vom Floß ans Ufer, die ganze Stadt schaut zu. So "wild" ist er ja gar nicht, findet Susanna, alles durchchoreografiert, alles wie im Jahr zuvor und wie im Jahr darauf. Langweilig. Aber dann fällt Susanna hin, der wilde Mann schnappt sie, will ihr helfen, hebt sie hoch, und plötzlich bekommt sie es doch mit der Angst zu tun: Sie steckt ihren Kinderfinger durch die Öffnung seiner Maske und sticht ihm entschlossen das Auge aus. Der Kutscher ist für den Rest seines Lebens halb blind.

Wie Alex Capus im Eröffnungskapitel seines neuen Romans Basel beschreibt, das Basel der Mitte des 19. Jahrhunderts, ist eine große Schau. Eine graue, steinerne Stadt mit grauen Bürgern, erstarrt in freudlosem Protestantismus. Die Stadt ist reich. "Seltsam war nur, dass in dieser Stadt die Reichen fast ebenso karg lebten wie die Armen." Keine Haarbänder für die Frauen, kein Gesang für die Arbeiter, "Ehebrecher wurden von Gesetzes wegen im Fluss ersäuft." Sogar die Grenzüberschreitung, das "Wilde", ist eingehegt, und die kleine Susanna, die mit ihrer verstörenden Ruhe eigentlich nicht schlecht hineinpasst in diese Welt, blickt mit kühlem Kinderblick hinter die kulturelle Kulisse. Dem Kutscher, den sie zum Einäugigen gemacht hat, stellt sie sich wenig später auf der Straße in den Weg und lässt sich von ihm das Kutschefahren beibringen.

Capus, der immer wieder behände zwischen biografisch grundierten Gegenwartsromanen und historischen Stoffen wechselt - in seinem letzten Roman "Königskinder" sogar im selben Buch -, hat sich mit der Lebensgeschichte von Susanna Faesch, später nannte sie sich Caroline Weldon, eine faszinierende historische Biografie ausgesucht und erzählt sie so lakonisch und ruhig, wie es der klassischen Schweizer Mentalität seiner Hauptfigur entspricht. Susanna wird nicht in Basel bleiben. Sie wird auswandern, Malerin werden, ein uneheliches Kind bekommen und zur bekannten Fürsprecherin der Rechte der amerikanischen Ureinwohner werden.

Zuerst einmal aber bekommen andere lange, prächtige Lebensgemälde von Capus spendiert, jedes eine eigenständige, historisch lebendige kleine Welt. Das strenge Basel sieht für Frauen wie für Männer keinen Ausbruch vor, kein Abenteuer. Susannas Vater holt es sich als Legionär der französischen Armee in Nordafrika. Die Mutter Maria hat keine solche Möglichkeit. Aber sie hat ein eigenes Vermögen, und dieses Geld macht sie frei genug, ihren langweiligen Mann zu verlassen, als sie sich in dessen Armeefreund Karl Valentiny, einen Deutschen, verliebt. Sie nimmt ihre Tochter, die drei älteren Söhne lässt sie zurück, und folgt ihm in die Emigration nach New York. Capus macht so wenig Aufhebens darum wie sie, dass sie plötzlich unangekündigt vor Valentinys Haustür in Brooklyn steht, entschlossen, mit diesem fast Fremden zu leben. Valentiny, ein Arzt von heiterem Gemüt, macht mit. Er wird Susanna ein guter Ersatzvater.

Wenn heute von Frauen aus der Vergangenheit erzählt wird, im Roman wie im Film, dann ist das oft eine düstere Angelegenheit. Es geht um Unterdrückung, Gewalt, schwer erkämpfte Ausbrüche. Es ist schön, dass Alex Capus hier ein anderes Bild malt, auch wenn es vielleicht historisch nicht ganz korrekt ist. Wem Faktentreue wichtig ist, der greift vielleicht lieber zu Thomas Brunnschweilers Romanbiografie über Faesch, "Die Zwischengängerin", die im vergangenen Jahr erschienen ist.

Bei Capus jedenfalls wächst Susanna beglückend frei heran. Sie hat Talent zum Porträtmalen, geht an die Kunstakademie, malt im Auftrag und erwirtschaftet sich so ein eigenes, kleines Einkommen. Auch die Kunst ist für sie keine pathetische Angelegenheit. Als ein fescher, gepflegter Schweizer Landsmann bei der Familie zur Untermiete einzieht, schleicht sie nachts in sein Zimmer. Er gefällt ihr, er riecht gut, aber die alles verschlingende Liebe ist es nicht. Susanna bleibt unabhängig, auch im Herzen. Sie heiraten aus pragmatischen Gründen, später, als sie nach einer kleinen Affäre schwanger wird, lassen sie sich wieder scheiden. Alles ohne Groll. Auch das uneheliche Kind scheint in ihrer Brooklyner Nachbarschaft kein Skandal zu sein. Capus' New York ist eine effiziente Maschine, aber eine menschenfreundliche.

Capus kann das gut, Stadtpanoramen malen. Den Bau der Brooklyn Bridge, das Anknipsen von Edisons Glühbirnen erst an der Brücke, dann nach und nach in allen Häusern der Stadt. Überhaupt liest sich "Susanna" filmisch, sehr visuell. Die Dialoge sind frei von Schnickschnack. Nach Kitsch sucht man vergebens, auch wenn Susanna - nun eine Frau mittleren Alters - plötzlich abenteuerlustig wird. Erst ist ihr Ziehvater, dann ihre Mutter gestorben, Susanna erbt und kann tun und lassen, was sie möchte. Sie möchte: raus in die Welt. Schnappt ihren 13-jährigen Sohn Christie und fährt, weil der nun mal Indianerfan ist, mit ihm in die weiten Ebenen der USA. ins Indianerreservat von Standing Rock, denn dort lebt Sitting Bull, der große Indianerhäuptling.

Die echte Faesch alias Weldon reiste 1889 zu Sitting Bull, um ihn zu porträtieren - und aus echtem, eigenem Idealismus. Sie wurde seine Sekretärin, sein Sprachrohr, versuchte, zwischen Ureinwohnern und Weißen zu vermitteln. Für ihren Einsatz wurde sie geschmäht, man dichtete ihr an, die Mätresse des Häuptlings zu sein. Der Hollywoodfilm "Die Frau, die vorausgeht" von 2017 mit Jessica Chastain als Caroline Weldon basiert auf dieser Geschichte, erzählt sie aber mit sehr viel mehr Glamour und Blutvergießen, als Capus es tut. Bei ihm ist Weldons Reise in die Prärie eine touristische, die bemerkenswert reibungslos verläuft. Christie und sie campen neben den Tipis, verschenken Kartoffeln und dürfen sich dafür irgendwann mit dem netten alten Herrn namens Sitting Bull unterhalten. Dass das nie langweilig wird, liegt an der ungewöhnlichen, sanft humorvollen Haltung, die Capus zu seinen Figuren hat: Er lässt sie sein, bleibt auf Abstand zu ihnen, übt niemals Einfühlzwang aus. Er lässt Susanna Faesch, Caroline Weldon, im Erzählen genau die Freiheit, die sie mit beeindruckender Selbstverständlichkeit immer und erfolgreich für sich reklamiert. Diese pragmatische, undramatische Heldin wird man deshalb nicht vergessen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5640776
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/masc
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.