Italienische Literatur Das Ende von allem

Der Quell das ganzen Unglücks: Alessandro Piperno hat eine zärtliche Satire über die römische Bourgeoisie geschrieben.

Von MAIKE ALBATH

Wie war das noch mal mit der italienischen Familie? Groß, laut, vital, eine herzliche Mamma, wärmend wie ein Herdfeuer, ein heroischer Papa und etliche lärmende Kinder. In der bissig-zärtlichen Satire "Wo die Geschichte endet" von Alessandro Piperno tauchen höchstens noch Versatzstücke des typischen Halbinsel-Clans auf, wirkungsvoll verzerrt und überzogen, zumal der Autor sowohl die katholisch-bourgeoise Ausprägung als auch die jüdisch-bildungsbürgerliche Variante aufs Korn nimmt. Piperno, 1972 in Rom geboren und väterlicherseits aus einer jüdischen Familie gebürtig, lässt seit seinem erfolgreichen Debüt "Mit bösen Absichten" (2005) immer auch seine Kenntnisse dieses Milieus einfließen. Nach spektakulären Absturzgeschichten über einen landesweit geschätzten Kinderarzt und seine Söhne, dessen zweiter Band 2012 sogar mit dem begehrtesten italienischen Literaturpreis Premio Strega ausgezeichnet wurde, versucht er sich in seinem fünften Roman an einer Art Familienaufstellung. Nicht nur ein Lebensentwurf, sondern gleich mehrere gehen unaufhaltsam in die Binsen. Also, wer wird dieses Mal durch den Kakao gezogen?

Quell des gesamten Unglücks und zugleich einer der Haupthelden von "Wo die Geschichte endet" ist Matteo Zevi, ein immer noch ansehnlicher 56-jähriger Hallodri und notorischer Verführer. Auf der Flucht vor Schulden war er 16 Jahre zuvor nach Los Angeles getürmt, wo er sich als Hilfskoch durchschlug und mittlerweile mit der vierten Frau verheiratet ist, ohne es für notwendig zu erachten, sich von Ehefrau Nummer 2 ordentlich scheiden zu lassen. Diese Federica, Mutter der gemeinsamen Tochter Martina, harrt immer noch sehnsüchtig in Rom aus und nimmt den abtrünnigen Gatten ohne weitere Vorwürfe in Empfang. Martina, Mitte zwanzig, ist dem Bann des Schlawiner-Vaters durch die Ehe mit dem verwöhnten Lorenzo entkommen, Sprössling der einflussreichen Mogherinis und genießt dort den Status der jüdischen Exotin, gepolstert durch die Vorteile, die ihr die neue Zugehörigkeit zum Establishment verschafft.

Der Vater, ausgestattet mit den Insignien eines Italo-Patriarchen, ist ein brillanter Strafverteidiger und umschwärmter Universitätsprofessor, die Mutter eine militante Gastgeberin, deren Ehrgeiz sich auf den äußeren Schein und die Verhätschelung ihres Sohnes beschränkt. Martina fühlt sich längst zu ihrer Schwägerin Benedetta hingezogen, beste Freundin aus Gymnasialtagen und Juristin wie sie, außerdem stört sie die willfährige Art der eigenen Mutter. Schließlich gibt es noch Martinas älteren Bruder Giorgio, Sohn aus Matteos erster Ehe, erfolgreicher Gastronom, seinerseits mit der Jüdin Sara liiert und gerade im Begriff, Vater zu werden. Er hat Matteo den feigen Abgang aus Rom nicht verziehen und verweigert den Kontakt mit seinem Erzeuger, worunter dieser ernsthaft leidet.

Die Feste in dem Roman erinnern an Paolo Sorrentinos "La grande bellezza"

Dies ist das Tableau, das Piperno im Handstreich entwirft und dann wirkungsvoll implodieren lässt. Er versteht sich auf Rhythmus und Konstruktion, die Dialoge sind temporeich und abgesehen von einigen pennälerhaften Momenten - zum Beispiel schämt sich Martina für ihren morgendlichen Toilettengang - ist seine Figurenzeichnung stimmig. Um die Zuspitzung der jeweiligen Krisen parallel zu betreiben, entscheidet sich der Autor für ein perspektivisches Karussell: Kapitelweise wechseln die Protagonisten, aus deren Warte wir an den Geschehnissen teilhaben. Zuerst sind es Federica, Matteo und Martina, dann kommt häufig Giorgio zum Zuge, während in der Schlusssequenz vor allem Federica, Matteo, Martina und wiederum Giorgio das Sagen haben.

Zwei Feste rahmen die Handlung ein: die Silberhochzeit der Mogherinis, ein gruseliges Stelldichein sämtlicher Entscheidungsträger aus Politik und Medien, das an Paolo Sorrentinos Film "La grande bellezza" erinnert, und die Weihnachtsfeier in Giorgios Szenelokal, die erwartungsgemäß in einen Showdown mündet. Die Saturiertheit der Gäste kennt keine Grenzen, und wer mag, kann hier die Folgen des Berlusconi-Zeitalters studieren. Sogar eine Mephisto-Figur taucht auf: Giorgio muss sich den Einflüsterungen eines Vertreters des Gesundheitsamtes erwehren. Piperno nimmt den uferlosen Hedonismus und säuglingsartigen Narzissmus der eigenen Generation unter die Lupe, vergnügt sich mit zahlreichen Kino-Anspielungen von Quentin Tarantino bis zu Nanni Moretti und behandelt seine Figuren mit größerer Nachsicht als noch in früheren Romanen. Trotz ihrer masochistischen Ader ist Federica eine integre Person, und sogar der Woody-Allen-hafte Matteo kommt ganz gut weg.

Inmitten der Kurzsatz-Mode italienischer Gegenwartsliteratur sticht Pipernos Syntax hervor: Der Universitätsdozent für französische Literatur und Proust-Experte hat eine erfrischende Vorliebe für einen verschlungenen Periodenbau. Das Ende birgt eine bittere Ironie - man könnte es als Autodafé deuten, das aber auf diejenigen, die es überstehen, eine klärende Wirkung hat. Plötzlich sind alle erwachsener geworden.

Alessandro Piperno: Wo die Geschichte endet. Roman. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner. Piper Verlag München, 2019. 304 Seiten, 22 Euro.