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Album und Mediencollage Eine Reise als Tontrip

Unterwegs mit dem Aufnahmegerät: Johannes Maria Haslinger sammelt Eindrücke auf der Straße.

(Foto: Trikont)
Der Münchner Musiker Johannes Maria Haslinger hat Aufnahmen in Kathmandu gemacht und sie mit eigenen Einspielungen verdichtet
Von Michael Zirnstein

Man wird einem Landstrich nie gerecht mit seiner Vorstellung, schon gar nicht einem universellen Sehnsuchtsort wie Kathmandu. Heute Bergsteigerparadies, schon in den Sechzigern Hippieziel. Pilgerstätte für Buddhisten und Hindus, aber auch ein intellektueller Witz für den Pop-Literaten Christian Kracht, der hier mal ein Literaturmagazin herausgab. Die Nazis suchten die Ursprünge der Arier dort, wo heute gute Menschen den Armen helfen. Johannes Maria Haslinger hatte seit der Kindheit eine Vorstellung von Nepal, weil seine Familie im nördlichen Kathmandu-Tal ein Waisenhaus unterstützte, als das noch nicht schick war. Sie veranstalteten Straßenfeste und spendeten die Einnahmen. "Für mich war Nepal etwas Abstraktes, immer mit Armut und bunten Farben verbunden", sagt Haslinger.

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Um die Vorstellung mit eigenen Eindrücken anzureichern, reiste er hin, einmal, zweimal, und vor dem dritten Mal wusste der Fotograf und Musiker bereits, dass dort nicht nur Farben und Bilder auf ihn warteten, sondern auch Töne. Also nahm er eine Rekorder mit, um sie aufzuzeichnen. Ein künstlerisches Ziel hatte er aber nicht. "Ich mache mir nie einen Plan, es kommt eh immer anders, das ist meine Herangehensweise", erklärt er. Zu den erwarteten Geräuschen, etwa dem omnipräsenten Hupen der Autos und Motorräder, drang unverhofft viel Musik auf ihn ein. Sie lockte ihn aus dem Schlaf und aus der Reserve. So wird er eines Morgens von einem "Rumpeln und Pumpeln" geweckt, schlüpft in die Hose, schnappt sich das Aufnahmegerät, irrt ein paar Straßenzüge umher, folgt dem Trommeln und hat Glück, mitten in eine nepalesische Hochzeitsgesellschaft zu geraten. Und während Hühner gackern und ein Lastwagen durch die Gasse tuckert, scheppert eine Kapelle in roten Anzügen - die Red Suits Wedding Band - fröhlich einen Hochzeitsmarsch.

Es scheppert und dengelt oft auf den Straßen und Baustellen. Was für andere Lärm ist, ist für Haslinger Rhythmus. Und dazwischen wird richtige Musik gemacht - von Künstlern mit und ohne Behinderung: Mit Glück landet er auf einem Militärbegräbnis samt Funeral-Band, ein blinder Bettler trommelt, "fünf Ladys und zwei Rhythmen" verschlingen sich ineinander, Vögel zwitschern - und ist das ein Schlagerstar oder ein Mantra-Vorbeter, der da in Pashupatinath bei Nacht mit viel Hall über Lautsprecher singt? Haslinger bleibt auch bei einem Straßenumzug in Bhaktapur an einer kratzenden Schellackplatte von Lahuray Dai hängen; die Sängerin folgt der Tradition von Volksmusik-Divas wie Devi Waiba.Die Field Recordings entwickeln einen faszinierenden Sog, schmeißen das Kopfkino an, als stünde man mitten in einer asiatischen Stadt.

Alles ist real, und doch auch nicht echt. Denn Haslingler reichte das Gesammelte nicht. Zu pur. In München rief er seinen Freund Markus Acher an, ob der sich die Aufnahmen anhören wolle. Und der vielbeschäftigte Klangbesessene brachte nicht nur seine Gong-Sammlung ins Studio mit, sondern auch den Electro-Sound-Spezialisten seiner Band The Notwist, Cico Beck, der, wie sich herausstellte, zufällig Freunde in Nepal hat.

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Sie ließen sich von Klängen inspirieren, spielten zu allen Aufnahmen etwas dazu, Haslinger zum Beispiel Geige und Tuba, obwohl er bei seiner Band Zitronen Püppies vor allem singt und Gitarre spielt. Manchmal brauchte es wenig, wie bei der Hochzeitscombo, manchmal machten sie mehr: Etwa bei den Frauengesängen, die sie zerschnipselten, immer wieder in Schleifen abspielten, und mit dem typisch asiatischen Sound des Harmoniums und Drone-artigem Elektrobrummen kreuzen.

Wobei: Sie machen sich fast einen Spaß daraus, dass man am Ende in ein Ratespiel gerät: Was ist ursprünglich und was hinzugefügt? Was nach westlichem Pop klingt, kommt dann doch aus Kathmandu, denn die Nepali hätten sehr eingängige Melodien, und es gebe auch einen traditionellen Rap, wo eine Frau gegen einen Mann singt, fast schon Hip-Hop, sagt Haslinger. Im Waisenhaus - wo man ihn als jungen Doppelgänger seines Vaters feierte - hat er das Mädchen Devendra Gurung seine traurige Geschichte rappen lassen. Wo der europäische Zuhörer auf den Orient tippt, spielen doch die drei Münchner mit den Klischees und den Erwartungen. Alles verschwimmt. "Ich kläre das nicht auf", sagt der Künstler. Dafür erzählt er im Booklet viel von Land und Leuten, gar von den Streitigkeiten der verschiedenen Ethnien im Kathmandu-Tal einst und heute, ebenso wie von der Rolle der Frauen dort. So wird der Tonträger im Trikont-Verlag ein richtiges Vinyl-Album, mit impressionistischen, eines Reiseschriftstellers würdigen Beobachtungen und freilich auch mit vielen Fotos. Das ist nie Folklore, nie Elendsschau, meistens ist es nah am Leben.

So konnte Haslinger das aber noch nicht stehen lassen. Er machte eine Kunstinstallation im Maximiliansforum daraus, einen irren Trip, in dem sich die Klangstücke mit Dia-Projektionen mischten. Das Collagenhafte sei eine Hommage an das Improvisationstalent der Nepali, sagt er. Das gefällt ihm, und so hat er in der Neuauflage der Ausstellung fürs Kösk beim Festival "Inklusive Kunst und Kultur in München" wieder alles anders gemacht: Es läuft ein Video, die Bilder sind nun großformatig als Drucke auf Plexiglasplatten zu sehen. Ob er sie verkaufen würde? "Ich habe noch gar nicht drüber nachgedacht, ob die jemand haben will", sagt er, "falls ja, würde ich das Geld spenden".

Songs From The Kathmandu Valley , Medien-Collage im Kösk, Eröffnung am Freitag, 20. September, 19 Uhr, Schrenkstraße 8

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