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Album "Sonic Highways" der Foo Fighters:Täter aus Leidenschaft

Dave Grohl Foo Fighters

Dave Grohl von den Foo Fighters

(Foto: Andrew Stuart)

Viel mehr als eine augeklügelte Werbeaktion: Die Foo Fighters gehen mit "Sonic Highways" neue Wege, zu jedem Song gibt es eine einstündige Dokumentation. Darin trifft Sänger und Ex-Nirvana-Drummer Dave Grohl auf sensible Außenseiter - und zynische Arschlöcher.

Von Felix Reek

Für jeden Musikfan gibt es einen "Backstreet-Boys-Moment". In meinem Fall war das ein Konzert von The Germs vor einigen Jahren in einem kleinen Münchner Club. Im Verlauf des Konzertes schaute ich nach rechts. Dann nach links zu meinem Bruder. Dann wieder nach rechts. Dann wieder zu meinem Bruder. Ich zu ihm: "Ähhh ... Neben mir steht Dave Grohl." Er zu mir: "Ja, klar." Ich wieder zu ihm: "Nee, wirklich." Er drehte sich nach rechts, stockte und sagte: "Scheiße, neben dir steht Dave Grohl!"

Wie sich herausstellte, spielte der ehemalige Nirvana-Schlagzeuger und heutige Kopf der Foo Fighters mit seinem Projekt Them Crooked Vultures am darauffolgenden Tag in der Stadt und nutzte die Gelegenheit, sich das Konzert seines Bandkollegen Pat Smear anzusehen (der Gitarrist der Germs ist auch Mitglied der Foo Fighters).

Obwohl es ziemlich schwerfiel, entschied ich mich, Grohl nicht anzusprechen - oder aber wie ein pubertierendes Mädchen einst beim Anblick eines Backstreet Boys zu kreischen. So einer ist schließlich auch Grohl nicht. Er hätte mich nicht verstanden. Grohl gehört einer Generation von Musikern an, die ohne die typischen Allüren eines Rockstars auskommen. Und die ihre Berühmtheit nutzen, um die eigenen musikalischen Vorbilder und Einflüsse an die nächste Generation weiterzugeben.

Eine Hommage an die Underground-Kultur der USA

Auch sein jüngstes Projekt steht in dieser Tradition. Zum neuen Foo-Fighters-Album "Sonic Highways" drehte Grohl für den Pay-TV-Sender HBO eine achtteilige Dokureihe. In jeder Folge gastiert die Band in einer anderen amerikanischen Stadt, darunter Chicago, Washington, Nashville. Fünf Episoden sind bereits ausgestrahlt und per iTunes auch in Deutschland verfügbar, drei weitere folgen in den kommenden Wochen. Was nach einer ausgeklügelten Werbemaßnahme klingt, ist jedoch viel mehr als das: Es ist Grohls Hommage an die Musik der Vereinigten Staaten.

In der ersten Folge besucht Grohl Steve Albini, in dessen Studio in Chicago die Foo Fighters den Song "Something From Nothing" aufnehmen. Der 52-Jährige gilt als genialer Produzent. Er ist kompromisslos, ein elitäres "zynisches Arschloch", wie es seine Kollegen ausdrücken. In einem Interviewausschnitt aus den 1980er-Jahren sagt er: "Ich sehe keinen Triumph darin, eine Platte an jemanden zu verkaufen, der sie nicht versteht. Diese Musik ist für ein ausgewähltes Publikum."

Außerdem fällt der Satz: "Nirvana ist die größte Band, mit der ich jemals gearbeitet habe und arbeiten werde." Diese Aussage unterstreicht Albini mit einem Rülpsen. Grohl empfindet es trotzdem als sein "wertvollstes Geschenk", mit dem Produzenten gearbeitet haben zu dürfen. 1993 nahmen Nirvana und Albini "In Utero" auf, das die Plattenfirma zunächst als "unhörbar" ablehnte.

In der zweiten Episode schlendert Grohl durch die Gänge des In Ear Studios in Washington. An den Wänden hängen die Alben der Hardcore-Punks Bad Brains, von Minor Threat und Black Flag - Grohls musikalische Kindheit in den Achtzigern, wie der 45-Jährige sagt. Der Mann, der sie aufgenommen hat, sitzt schüchtern vor der Kamera. Don Zientara ist kein Punk, sondern ein Familienvater, dessen Studio über das ganze Haus verteilt ist: Wohnzimmer, Schlafzimmer, Bad. Überall stehen Boxen und Equipment, dazwischen tollen die Kinder.

"Sonic Highways" erzählt vor allem von Außenseitern, von Tätern aus Leidenschaft.

Selbst Obama empfängt Grohl

Punkrocker oder Countrystars wie Zac Brown, dem Grohl einen großen Teil von Folge drei in Nashville widmet. Behutsam interviewt er vergessene Helden wie den scheuen Roky Erickson - als könnte der an Schizophrenie erkrankte Pionier der Psychedelic-Bewegung jederzeit aufstehen und wegrennen.

Und dazwischen? Kommentieren große Namen der Musikbranche: Willie Nelson, Pharrell Williams, Billy Gibbons (ZZ Top), Joe Walsh (The Eagles), Robbie Krieger und John Densmore (The Doors), Mike D (Beastie Boys), Slash, Dolly Parton. Selbst Präsident Barack Obama empfängt Dave Grohl. Oder umgekehrt?

Zum Abschluss jeder Folge spielen die Foo Fighters einen Song ein, der Text ist aus den vorher gezeigten O-Tönen zusammengestellt. Aber der Entstehungsprozess der Lieder ist nebensächlich. In "Sonic Highways" geht es um etwas viel Essenzielleres. Grohl zeigt in seiner Dokumentation, wie wertvoll Musik ist. Unzählige neue Künstler tun sich auf, liebgewonnene werden in die Erinnerung zurückgedrängt.

Grohl will dieses Erbe seiner Heimat konservieren; es geht ihm in "Sonic Highways" um die Songs und Interpreten, die aus ihm den Musiker gemacht haben, der er heute ist. Das will er an seine Fans weitergeben. Das war schon bei Nirvana so. Und das ist heute noch so.

© SZ.de/cag/jobr/lala
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