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Album "Power of Peace":Carlos Santana gelingt ein furioses Comeback-Album

Santana Plattencover

Versprüht das Flair eines Räucherstäbchenprospekts: Das Albumcover ließ zunächst Schlimmes erahnen.

(Foto: Sony)

Der Großgitarrist wirkte zuletzt ideenlos und schwer außer Form. Doch "Power of Peace" entfaltet eine gewaltige Wucht.

Von Andrian Kreye

Was für ein grandioses Album, dabei hätte auf den ersten Blick alles, aber auch wirklich alles schiefgehen müssen. Da ist zunächst das Prinzip des Albums als Familienaufstellung. Carlos Santana und die Isley Brothers haben für "Power of Peace" (Sony) ihre Gattinnen mitgebracht. Dass die Vermischung von Tisch und Bett mit Studio und Bühne oft zu einem hoffnungslosen Mangel an gegenseitiger Kritikfähigkeit geführt hat, ist weithin bekannt.

Dann ist da das Cover, welches das Flair eines Räucherstäbchenprospektes verströmt, mit Friedenstaube und esoterischer Kitschlandschaft samt Sinnspruch von Carlos Santana ("Die Abwesenheit von Konflikt ist Friede"). Man sollte auch nicht vergessen, dass Santana beim Versuch, die Woodstock-Besetzung seiner Band wieder aufleben zu lassen, im vergangenen Jahr ein grauenhaft schlappes Album abgeliefert hat, das noch schlapper war als alle seine (immer erfolgreichen) Versuche, mit Club-Méditerranée-Rock reich zu werden.

Zu guter Letzt besteht das Album mit einer Ausnahme aus extrem abgehangenen Blues- und Soul-Standards. Was in einer Zeit, in der jeder dahergelaufene Popstar versucht, sich vom absteigenden Ast seiner Karriere mit Leihgaben aus der Vergangenheit in zeitlose Größe zu retten, nur ins Verderben führen kann.

Die Hürden sind also gewaltig, die sich Carlos Santana, Ernie und Ronald Isley selbst in den Weg gestellt haben. Was das Erstaunen beim ersten Abhören nur noch steigert. Da ist gleich mal die große Entdeckung Cindy Blackman Santana, die Schlagzeug spielt ("auf jedem Song", wie auf dem Cover extra vermerkt wird, als gehe man davon aus, dass das Publikum Ehegatten nichts zutraut). Wobei die vor allem im Jazz schon lange eine der Besten war.

Die Titanen Art Blakey und Tony Williams waren in ihrer frühen Zeit in New York Mentoren. Sie hat mit Pionieren wie Pharoah Sanders, Ron Carter oder Sam Rivers gearbeitet. Und als sie Rockstar Lenny Kravitz 1993 am Telefon ein wenig vorspielte, ließ der sie gleich nach Los Angeles einfliegen und heuerte sie für seine Band an, in der sie immer noch spielt. Sie ist dann neben der Stimmgewalt von Ronald Isley auch der eigentliche rote Faden durch das Album. Zwischen ihrem virtuosen Jazz-Gespür und der Fähigkeit, für Rockstars auch über lange Strecken kräftig zuzuschlagen, funktioniert sie wie eine musikalische Anschubfinanzierung, die dafür sorgt, dass dem Album nicht einmal die Kraft ausgeht. Und Kraft haben die drei.

Man begreift auch sofort, warum Carlos Santana so davon schwärmte, dass er in den beiden Isleys Brüder im Geiste gefunden hat. Ronald Isley gehört zu den Soulsängern der ersten Stunde. Er verschwendet keine Note. Jeder Ton muss nicht nur sitzen, er muss Ausdruck allergrößter Gefühle sein. Da trifft er sich mit Santana, der mit seinen Sololinien, die er wie strahlende Lichtskulpturen über seine Bands stellt, dem ultramodernen Saxofonisten John Coltrane immer näher war als den Rockwurzeln im Bluesakkord.

Moderne Studiotechnik stattet das Klangbild mit zusätzlicher Wucht aus

Wobei Carlos Santana dann vor allem im Gegenspiel zu Ernie Isley über sich selbst hinauswächst. Ernie Isley hört man heute immer noch an, dass er 1964 mal einen unbekannten Gitarristen namens Jimi Hendrix für die Band anheuerte. Wenn er seine Gitarre durch das Wah-Wah-Pedal jagt, dient ihm das nicht als Effekt, sondern als wohl durchdachter Druckverstärker. Und zwingt Carlos Santana, selbst noch mal kräftig hinzulangen, die Laserstrahllinien hin und wieder mit Funk-Riffs anzuschieben. Überhaupt traut er sich, die polierte Klarheit seines Stils immer wieder für ein Maximum an Ausdruckskraft zu verlassen.

Unterstützt werden die Höhenflüge von Musikern, die zum Großteil aus Santanas Band rekrutiert sind. Die Ehefrauen der Isley Brothers sind natürlich auch noch dabei. Sie gehören zu den Hintergrundsängerinnen und -sängern, die aber nicht nur als musikalische Ornamente dienen, sondern daran erinnern, dass der Chor im Gospel dem Sänger das Fundament liefert, auf dem er brillieren kann.

Aufgenommen ist das alles so puristisch wie in für diese Musik guten alten Zeiten. Mit dem Unterschied, dass die moderne Studiotechnik dem Klangbild einiges an zusätzlicher Wucht verleiht. So etwas ist schon öfter zu sterilem Manufaktum-Soul geworden, wie man ihn im Kulturradio zu hören bekommt. Hier aber funktioniert es. Das liegt an etwas, was sich nicht erzwingen und auch nicht recht übersetzen lässt, was aber Carlos Santana sehr treffend als "Good Vibes" bezeichnet. Man kann es auch nicht so richtig beschreiben. Aber man hört und vor allem spürt es in fast jedem Song.

© SZ vom 04.08.2017
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