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Album "II" von Moderat:Zwischen Arroganz und Ekstase

Moderat Album "II"

Wer im Klub in die Lehre ging, kann auf der Rock-'n'-Roll-Bühne noch besser sein. So etwa lautet die Erfolgsformel von Moderat. Im Bild: das Cover des neuen Albums "II".

(Foto: Monkeytown)

Das Trio Moderat gilt als Fackelträger der Elektroszene. Auf ihrem neuen Album "II" verschmelzen sie zwei Welten miteinander und übersetzen Berliner Techno in melancholischen digitalen Pop. Dabei wird ihre Musik stets geleitet von einem tiefen Wissen um die Herkunft der Beats.

Von Alexis Waltz

Die meisten denken als Erstes ans Berghain, wenn es um elektronische Musik aus Berlin geht. An den angeblich berühmtesten Club der Welt, den Traum-Wolkenkratzer beim Ostbahnhof, wo jedes Wochenende die große Schlange steht. So etwas wie die geistige Heimat des Sounds, der noch an tausend anderen guten Orten gespielt wird: Viervierteltakt, Techno, House. Musik, bei der die Künstler zurücktreten hinter die Beats.

Die wenigsten denken bei Berliner Elektronik ans marktübliche Indie-Festival. Wo die jungen Leute mit dem Bierbecher auf dem Rasen stehen, eben vielleicht die Gruppe Phoenix und ihre Champagnergitarren gesehen haben, nebenan die Rapperin M.I.A. erwarten. Ein Publikum, das die klassischen Darreichungsformen des Pop weiterhin schätzt, die Künstler, die eben nicht zurücktreten - hinter nichts und niemanden.

Hierher gehören das Duo Modeselektor - Gernot Bronsert und Sebastian Szary - sowie der Musiker und Sänger Sascha Ring alias Apparat. Obwohl sie zweifellos elektronische Sounds machen; aus Berlin kommen; international zu den Fackelträgern der Szene gezählt werden. Ist das ein popkultureller Widerspruch?

Zwei Clowns und ein Beethoven

Ab und zu tun Modeselektor und Apparat sich sogar zusammen und veröffentlichen Platten unter dem Namen Moderat. Ihr zweites gemeinsames Album "II" (Monkeytown) erscheint nun, und es ist ein weiteres Indiz dafür, wie die drei Männer das eigentlich machen: die zwei Welten zu vereinen, Clubkultur und Frontalunterricht, die Anonymität der Ekstase und die Arroganz des Autors.

DJs tun das ja selten: Bronsert reißt bei Auftritten gern wie ein Clown Beine und Arme hoch, Szary lässt sich von der Menge auf Händen tragen. Sascha Ring sieht mit seiner Lockenmähne wie ein junger Beethoven aus, sein Gesang schwebt über den Beats, hinter ihm zucken riesige Videoprojektionen. Wer im Club in die Lehre ging, kann auf der Rock-'n'-Roll-Bühne noch besser sein. Und: Für den Festivalbesucher verkörpert er den ganzen, angeblichen Irrsinn Berlins.

Musiktheoretisch stimmt das nicht ganz. Vor allem die typischen, immer leicht bebenden Basslinien, zu denen man beim Hören des neuen Moderat-Albums wieder herrlich grimmig schauen kann, sind weder Techno noch House. Sie kommen aus der von Hip-Hop und Dub beeinflussten Clubmusik Londons. Das ist allerdings kein Missverständnis oder Etikettenschwindel: Modeselektor und Apparat mussten notgedrungen aus dem Berliner Betrieb heraustreten. Um die Kultur der Stadt in ihrer Hermetik, Eigentümlichkeit und Radikalität für ein internationales Publikum überhaupt begreifbar zu machen. Ein reines Technostück würde am Festivalvolk vorbeirauschen. Die Bassmusik, die auf "II" wieder so ausgiebig zitiert wird, übersetzt die Berliner Feiererfahrung auch für den Außenstehenden.

Das innere Wesen der Beats

Szary, Bronsert und Ring sind Spätgeborene. Verbrachten ihre Kindheit noch in der DDR, machten die ersten Techno-Erfahrungen in der Provinz. Als die drei in Berlin ankamen, war die erste große Technobegeisterung dort schon erschöpft, weshalb sie andere Nischen suchten. Das Duo Modeselektor schürfte in den Breakbeats, lud sich Gastsänger. Apparat experimentierte mit weniger tanzbetonter Elektronik, fing dann zu singen an und ging mit Band auf Tour. Neue Formen, die für alle drei auch ein Mittel waren, um ihre eigenen Erfahrungen mit der elektronischen Musik nach außen zu tragen. Auf eine Art, die international verstanden wird.

Und vielleicht ist es das, was den digitalen, oft tief melancholischen Pop auf dem neuen Gemeinschaftsalbum "II" so besonders macht: dass hier immer ein Wissen über die Macht, das innere Wesen und die Herkunft der Beats mitschwingt, das nie altklug ausgebreitet wird, aber immer durchscheint. Eine Qualität, die Elektrosong-Novizen mit ihren Undercut-Frisuren und Apple-Laptops gar nicht mitbringen können. Tanzen kann man trotzdem zu Moderat. Im stillen Kämmerlein, ohne Publikum.

© SZ vom 02.08.2013/jspe/pak
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