Süddeutsche Zeitung

Jazzkolumne:Sprengmeister

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Zum ersten Mal kann man die kompletten Aufnahmen der Konzerte von Albert Ayler und Mary Parks im südfranzösischen Museum der Fondation Maeght anhören.

Von Andrian Kreye

Wenn man sich die Aufnahmen von Albert Aylers Konzerten in der Fondation Maeght anhört, jenem Kunstmuseum in den Hügeln über Nizza, ahnt man, was für Sommernächte man da versäumt hat. Auch wenn man damals im Juli 1970 noch viel zu jung oder noch gar nicht geboren war. Ayler trat damals an zwei Abenden in einer geodätischen Kuppel auf, die die Kunststiftung auf ihrem Gelände aufgebaut hatte. Es gibt ein Radiointerview mit Ayler aus dieser Woche. Er erzählt da über seinen Weg vom Rythm and Blues seiner Jugend zu seiner Rolle als Pionier der Jazz-Avantgarde. Dabei hört man die Grillen im Hintergrund, die einen so lautstarken Sommersoundtrack lieferten, dass man sofort das Gefühl bekommt, den Duft von Lavendel und heißen Felsen in der Nase zu haben. Jazz war für den Kunsthändler Aimé Maeght eine Leidenschaft.

Duke Ellington hatte mit einer kleinen Combo bei ihm schon gespielt, Sun Ra mit großem Orchester. Die Musiker liebten diesen Ort. Zwischen den Skulpturen von Miró und Giacometti, den Gemälden von Chagall, Matisse und Kandinsky bekamen sie dort den Platz in der Kulturgeschichte der Moderne, den sie ihnen daheim in Amerika noch nicht zugestanden. Albert Ayler kam mit einem Trio und seiner Lebensgefährtin Mary Parks. Die rezitierte Gedichte und spielte Sopransaxofon.

Ayler hatte eine schwere Zeit damals. Sein Bruder Donald war psychisch schwer krank. Ayler machte sich Vorwürfe deswegen, bekam selbst Depressionen. Donald hatte lange Trompete bei ihm gespielt. Ähnlich kompromisslos. Doch dann hatte Albert ihn aus der Band geworfen. Die Plattenfirma Impulse versuchte zu der Zeit, Albert Ayler zum Rockstar zu machen, da passte ein zweiter Extrembläser nicht ins Konzept. Drei Alben wurden aufgenommen. Der Gitarrist von Canned Heat Henry Vestine wurde angeheuert, der R'n'B-Schlagzeuger Bernard Purdie, Ayler experimentierte mit dem Dudelsack. Die Kritiken waren vernichtend, die Verkäufe flau.

Alles schon drin - die Haltung des Punk, der Sound der Loft Avantgarde, das Lyrikverständnis der Slam Poetry

Wenn man nun die Konzerte in der Fondation Maeght anhört, die in einer liebevoll aufbereiteten Box mit dem Titel "Revelations" (Elemental) erstmals in Gänze erscheinen, versteht man schon, wie jemand draufkommen konnte, aus dem Pionier des Free Jazz einen Rockstar machen zu wollen. Seine Motive und Themen kommen aus der Urschreitiefe des Blues und Gospel. Man verliert sich selten, findet immer wieder die Basis, kann mitpfeifen, wenn man mag. Als letztes Stück vor den Zugaben des zweiten Konzerts spielt Ayler zum Beispiel das Stück "Thank God for Women", bei dem er selbst singt, eine Art Manifest des männlichen Feminismus, das er noch als Single herausbringen wollte. Das hätte auf jedem Rockfestival gezündet. Das Publikum bricht dann auch in einen Jubel aus, als wäre es auf einem. Auch das Stück "Music Is the Healing Force of the Universe" hätte mit dem Gedicht über die kosmischen Heilkräfte der Musik eine Hippie-Hymne werden können.

Welche explosive Kraft Albert Ayler auf dem Tenorsaxofon entwickelte hört man allerdings vor allem in Stücken wie "Masonic Inborn", "Spirits" oder den halben Dutzend Fassungen von "Revelations". Da spielt er sich aus seinen trügerisch schlichten Motiven in Ekstasen, die John Coltrane damals als Vorbild dienten, die Bahnen des Jazz und der westlichen Musik zu verlassen. Das ist nicht mehr der Free Jazz der kollektiven Improvisation. Da ist ein Sprengmeister am Werk, der dem Blues und dem Gospel ganz neue Kräfte verleiht. Was man nicht wusste - Parks konnte auf dem Sopransaxofon durchaus mithalten. Auf den ersten Veröffentlichungen dieser Konzerte, die ein paar Jahre später erschienen, hatten sie die Passagen mit ihr weitgehend ausgelassen. Dass da eine Dimension fehlte, wird jetzt deutlich. In ihrer Gesamtheit zeigt "Revelations" nicht nur Ayler in später Höchstform. Da steckt auch schon viel drin, was erst Jahre später zum Tragen kommen sollte - die Haltung des Punk, der Sound der Loft Avantgarde, das Lyrikverständnis der Slam Poetry. So gibt es im umfangreichen Booklet auch nicht nur Texte anderer Tenorgiganten wie Sonny Rollins, Archie Shepp und James Brandon Lewis, sondern auch von Rockstars wie Thurston Moore und Carlos Santana.

Ganz zum Schluss bedankt sich Mary Parks sehr höflich beim glücksbeseelten Publikum und bei der Stiftung. Kaum hörbar sagt Ayler dann: "Ich würde ja noch etwas sagen, aber ich kann nicht mehr sprechen, weil ich so heftig geblasen habe!" Es sollten die letzten Wort sein, die von ihm auf Band überliefert wurden. Vier Monate später fand man seine Leiche im New Yorker East River. Die Todesursache wurde nie geklärt.

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