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Albena Azmanovas Buch "Kapitalismus an der Kippe":Radikale Reformen

Längst leiden nicht mehr nur die Verlierer unter dem System, sondern auch die Gewinner: Albena Azmanova.

(Foto: Georgi Vachev/OH)

Kann der Kapitalismus auch ohne Krise überwunden werden?

Von Sarah Zapf

Es klingt fast zu schön: Die linke Politologin Albena Azmanova, die für die britischer Universität Kent in Brüssel arbeitet, beschreibt in ihrem neuen Buch "Kapitalismus an der Kippe" in hoffnungsvoller Aufbruchsstimmung den radikalen Wandel des Kapitalismus ohne Krise. Nun könnte man meinen, dass etwas Radikales nicht ohne Krise zu haben ist, doch Azmanova zeichnet ein ganz anderes Bild.

Die dunklen Seiten des Kapitalismus - Ungleichheit und ständige wirtschaftliche Unsicherheit - schadeten ihrer Ansicht nach längst nicht mehr nur den "Armen und Ausgegrenzten", sondern auch all jenen, die sich bisher eigentlich als "Gewinner der Machtverteilung" fühlen durften. Für Azmanova leben wir deshalb nicht einfach unter dem Kapitalismus, sondern unter dem "Prekaritätskapitalismus", einem Kapitalismus also, bei dem potenziell jedes Leben permanent von Armut bedroht ist.

Wie soll nun aber unter der Bedingung des Prekariatskapitalismus eine "tiefgreifende Umwandlung" des Systems ohne echte Krise möglich sein? Viele linke Politiktheoretikerinnen und Politiktheoretiker sind inzwischen ja eher davon überzeugt, dass es ohne eine echte - also mitunter auch gewaltsame - Revolution nicht zu wesentlichen Veränderungen kommen kann.

Albena Azmanova: Kapitalismus an der Kippe: Radikaler Wandel ohne Krise. Edition Konturen, Wien 2021. 240 Seiten, 22 Euro.

Azmanova, einst selbst aktive Dissidentin im Kampf gegen die kommunistische Diktatur in ihrer Heimat Bulgarien, gründet ihre Hoffnung auf einen großen friedlichen Wandel darauf, dass die Lage Notwendigkeit von Reformen, die der sozialen und wirtschaftlichen Unsicherheit entgegenwirken, so unübersehbar mache. Diese Reformen schüfen dann jedoch die materiellen Voraussetzungen dafür, den "Protest in eine radikalere und konstruktivere Richtung zu lenken", was wiederum die "wütende Menge" in die Lage eines politischen Akteurs mit einer "positiven Agenda" zur Überwindung des Kapitalismus versetzen würde.

Auf diesem Weg entstünde dann eine "politische Ökonomie des Vertrauens", wodurch ein "Geist des Unternehmertums" und des "Experimentierens" gedeihen könne. Offen bleibt leider die Frage, ob eine Wirtschaft, in der jeder Vermögens- und Einkommenssicherheit besitzt, überhaupt möglich ist. Geht dies nicht mit einem zu hohen moralischen Anspruch einher, auf die sich unmöglich alle einigen können? Der grundlegenden Annahme, dass ohne ausreichende Existenzsicherung die Menschen die Kontrolle über ihr Leben verlieren, möchte man natürlich durchaus unbedingt zustimmen. Die Frage ist jedoch, ob politisch engagierte "sozialistische Millennials", die neue Generation, genügend zielgerichtete politische Kraft entwickeln können und wollen, um die Überwindung des Kapitalismus auf diese Art zu schaffen.

© SZ/crab
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