Alben der WocheImmer tut irgendwem irgendwas weh

Wanda simulieren Tiefgründigkeit, Iggy Pop wird zum Gefäß für andere - und das verschollene Album von Miles Davis ist ein Zeitdokument. Mehr aber auch nicht.

Von den SZ-Popkritikern

Iggy Pop - Free (Caroline International)

Iggy Pop hat Journalisten immer wieder zu fantasievollen Beschreibungen aller möglicher Zustände menschlicher Haut beflügelt. Sein Körper, hieß es, sei "geschmeidig und ledrig, weniger aus Marmor geschnitzt als in Flankensteak gemeißelt". Die "Lederhaut" sei mal von der Sonne verbrannt, mal vom wilden Leben gegerbt. Das liest sich ganz spaßig, führt aber auf die falsche Fährte. Es gibt ja kaum einen Künstler, der es so frisch durch die Jahrzehnte geschafft hat wie Iggy Pop. Sein Lebenswerk ist keines, das sich durch beständige künstlerische Neuerfindung auszeichnete, klar. Aber eben doch eines aus schönen konzentrischen Kreisen, die sich mit den Jahren immer enger um das Zentrum seiner Kunst schlossen. Was uns zu "Free" führt, dem neuen Album, das Iggy Pop zusammen mit dem Jazz-Trompeter Leron Thomas aufgenommen hat. "I wanna be free", raunt er da in die ersten Takte eines verwehten Bläser-Arrangements hinein. Und dann kommt erstmal: nichts. Die Songs auf "Free" mäandern zwischen Free-Jazz und Ambient. In weite Klanglandschaften spricht Pop Gedichte von Lou Reed und Dylan Thomas oder redet über Internetpornografie. Stagediving wäre hier in etwa so angebracht wie bei einer Dichterlesung. Was nun doch nach Neuerfindung klingt, ist Iggy Pop in seiner bislang reinsten Form. "Das ist ein Album, auf dem andere Künstler für mich sprechen, aber ich leihe ihnen meine Stimme", schreibt er in den Liner-Notes. Mit 72 Jahren ist Iggy Pop ganz zum Gefäß geworden. Ein Körper für die Kunst, ein Vehikel für die Musik. Von Julian Dörr

Bild: Caroline International 6. September 2019, 04:542019-09-06 04:54:29 © SZ.de/qli