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Alben der Woche:Wie Disney-Filme auf Monster-Energy-Schlafentzug

Geiger David Garrett hat den Soundtrack seines Lebens zusammengestellt. Und "Travis" klingen, als steckte noch ein famoses Album in ihnen. Das aktuelle ist es leider nicht.

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Travis - "10 Songs" (BMG)

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Quelle: SZ

Die große Zeit der schottischen Brit-Pop-Band Travis um Sänger und Songwriter Fran Healy ist jetzt auch schon wieder ein paar Jahre her. Aus der zweiten Reihe hinter Oasis und Blur servierten Travis mit "U16 Girls", "Tied To the 90s" und natürlich "Why Does It Always Rain On Me" in den ausgehenden Neunzigern aber einige sehr schöne Folk-Rock-Hits für Indie-Jungs vom Gymnasium mit Weltschmerz ohne Grund. Und dann gelang ihnen nebenbei noch die beste Coverversion aller Zeiten des Britney Spears' Hits ". . . Baby One More Time", die offenbarte, was für große Songwriterkunst sogar im Kirmes-Pop der Neunziger stecken kann, wenn man ihn nur mit einer akustischen Gitarre spielt. Anders als ihre großen Bewunderer von Coldplay bogen sie allerdings nach dem frühen Ruhm nicht in Richtung blitzeblank glasiertem Highscore-Stadionpop ab, sondern machten irgendwie immer weiter mit demselben, nur mit weniger Erfolg und weniger guten Song-Ideen. Respektabel, aber nicht mehr wirklich zwingend. Und so klingt leider auch das neue, neunte Studioalbum "Ten Songs" (BMG), obwohl Fran Healy schon immer noch die beste leicht angekratzte Stimme der Welt haben kann - und die wunderbar tastend angerumpelten ersten 44 Sekunden von "Valentine" den Eindruck erwecken, dass in dieser Band mindestens noch ein famoses Album steckt. Vielleicht wäre eine Platte mit formvollendet dahingeschrammelten akustischen Cover-Versionen der Mainstream-Pop-Songs der jüngeren Vergangenheit ein Anfang.

Jens-Christian Rabe

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Future Islands - "As Long As You Are" (4AD)

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Quelle: SZ

Verwehter Uptempo-Synthie-Indiepop, gesungen von einem heiseren Mann mit schütterem Haupthaar und gigantischen Geheimratsecken, der seine T-Shirts und Hemden gerne in der Hose trägt und seine Gürtel deutlich zu weit über der Hüfte. Samuel T. Herring, Sänger der amerikanischen Band Future Islands, sieht eher aus, wie, hm, ein trauriger Verwaltungsbeamter beim Feierabendbier. Am Mikrofon ist er dann natürlich ein Gigant der unterdrückten großen Gefühle. Herold aller im Alltag ewig schüchtern Verklemmten, aller von den Umständen verhinderten Romantiker. Anders gesagt: Herring und seine Band sind so etwas wie die unwahrscheinlichsten und gleichzeitig überzeugendsten Indiepop-Helden der Gegenwart - und auch auf ihrem neuen, sechsten Album "As Long As You Are" (4AD) vollkommen auf der Höhe ihrer Kunst. Wenn man in der feuchten Dunkelheit des Herbstes abends erschöpft nach Hause fährt in irgendeiner Stadt, sollte man sich zu dieser Musik von den orange-roten Lichtern der Straßenlaternen blenden lassen.

Jens-Christian Rabe

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Sun Ra Arkestra - "Swirling" (Strut)

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Quelle: SZ

Seit dem Tod von John Gilmore 1995 leitet der 96 Jahre alte Saxophonist Marshall Allen das Sun Ra Arkestra, das berühmteste Avantgarde-Jazz-Ensemble. Wobei das viel zu anstrengend und ehrwürdig klingt für den kunstvoll verbeulten Orchester-Jazz, den es auch auf dem fabelhaften neuen Album "Swirling" (Strut Records) zu hören und zu bestaunen gibt. "The Sky is a sea of darkness / When there is no sun to light the way", heißt es an einer Stelle im Chor - der Himmel ist ein Meer der Finsternis, wenn es keine Sonne gibt, die den Weg weist. Und die Pointe ist natürlich, dass aus diesem Kitsch-Satz ein einziger schräger Saxophon-Ton im richtigen Moment eine reine, tröstende Wahrheit machen kann.

Jens-Christian Rabe

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David Garrett - "Alive - My Soundtrack" (Universal)

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Quelle: Decca Records

Es liegt nicht an ihm. Nicht direkt jedenfalls. Wirklich. David Garrett kann ja alles spielen und vieles davon auch großartig. Musik-Enthusiast ist er auch. Das merkt man seiner Zusammenstellung von Songs für dieses Cover-Album an und man merkt es auch dort, wo er sich ein bisschen Raum lässt. Wo die Leichtigkeit durchkommt. Die schiere Freude daran, was er alles interpretiert bekommt ("Happy" von Pharrell Williams wäre da der Referenz-Song). Aber das hilft nichts. Nichts davon. Das, was auf "Alive - My Soundtrack" (Universal) an Playbacks um Garretts Geige herumarrangiert ist, klingt nämlich, als hätte man einen Produktions-Algorithmus mit einer Big-Data-Analyse unter den allerscheußlichsten der deutschen Schalmei-Ritterbands gefüttert. Und ihm dann unter Monster-Energy-Drink-Schlafentzug (Geschmacksrichtung "Zero Ultra") sämtliche Disney-Filme der vergangenen zehn Jahre gezeigt und gesagt: Und jetzt mach, was du fühlst. Genau so klingt das. Nur in pathetisch.

Jakob Biazza

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Quelle: Decca Records

Kann auch "Happy": Geiger David Garrett.

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© SZ/biaz
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