Taylor Swift - "Lover" (Universal Music)

Man muss sich die (politische) Macht immer wieder ins Gedächtnis rufen, sonst versteht man das Phänomen Taylor Swift nicht. Nicht ganzheitlich zumindest. 120 Millionen Menschen folgen der Sängerin auf Instagram. Knapp 85 Millionen sind es auf Twitter - 20 Millionen mehr als bei Donald Trump. Wenn die 29-Jährige etwas sagt, hat das Gewicht, was natürlich ein Euphemismus ist. Gewicht haben Leitartikel. Swifts Follower-Zahlen grenzen an demokratische Legitimation. Und die Sache mit solchen Irrwitz-Superlativen ist ja nun die: Man sammelt nicht das Äquivalent eines ziemlich großen Landes hinter sich, wenn man sich zu früh zu eindeutig äußert. Die Sängerin hat das besser verstanden als quasi jeder sonst. Deshalb blieb sie ungreifbar. Erst ein bisschen Country-Sweetheart mit Nashville-Wurzeln. Dann ein bisschen mehr Pop-Queen. Zuletzt etwas dunkler. Trump-Anhänger konnten das mögen, die Alt-Right-Bewegung versuchte, sie als eine der ihren auszugeben. Für Obama-Fans funktionierte der Star aber eben auch noch. Die Sache mit solchen Irrwitz-Superlativen ist aber nun auch die: Wer auf ewig ungreifbar bleibt, der entgleitet. Die große Frage zum neuen Album "Lover" (Universal Music) war also: Ist da eine Position? Bekommt man Swift also zu fassen?

Die kurze Antwort darauf lautet: Nein. Dafür ist "Lover" - anders als die Singles vermuten ließen - zu kalkuliert. Es versucht zu sehr, musikalisch wie textlich alle Seiten der Sängerin zu zeigen und zu bedienen: Country, Karamell-Pop, Herzschmerz-Balladen, Empowerment. Außerdem ist es genau darin mit 18 Songs viel zu lang (was im Streaming-Zeitalter, in dem sich die wenigsten noch um Alben scheren, natürlich auch kalkuliert ist) und streckenweise erschreckend banal. Die etwas längere Antwort lautet, dass eine Position doch strahlt: die für die Liebe. Und damit gegen vieles, was sie vergiftet - geifernde Internet-Trolle etwa, Schwulenfeindlichkeit, bigotte und sexistische Doppelstandards und die Ablehnung alles Fremden. In Zeiten des Hasses könnte man das wohl auch dann fast als politische Positionierung durchgehen lassen, wenn die vorangegangene Aufzählung nicht eine ziemlich exakte Zusammenfassung des Charakters des US-Präsidenten wäre. Von Jakob Biazza

Bild: TS/Republic 23. August 2019, 08:192019-08-23 08:19:08 © sz.de/biaz