Alben der Woche:"Sturzflug in das Haus von Alice Weidel"

Albumveröffentlichung - 'Todesliste' von Audio88 & Yassin

Nennen wir ihren Stil mal antirassistischen Zeckenrap: Yassin Taibi (l.) und Florian Kerntopf alias "Audio88 & Yassin".

(Foto: Marius Knieling/dpa)

Audio88 & Yassin veröffentlichen ihre "Todesliste", Sia "Music". Rainald Grebe macht jetzt Popmusik - und Robin Thicke noch mal was mit Pharrell.

Von Jakob Biazza

Audio88 & Yassin - "Todesliste" (Normale Musik/Groove Attack)

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Politisierter Deutschpop I: Audio88 & Yassin sind im Figuren-Kabinett des hiesigen Hip-Hop eine besonders schartige Spezies: Nennen wir ihren Stil mal antirassistischen Zeckenrap - und meinen das zunächst grundpositiv. Wenn Rap sich mit den eigenen, weißen Privilegien auseinandersetzt, statt mit dicken Uhren, tut das durchaus mal gut ("In der Fabrik fällt dir wortwörtlich die Decke auf den Kopf / Doch dein Tod war nicht umsonst, check meinen Fashion-Blog"). Auf ihrem inzwischen auch schön fünften Album setzt das Duo Namen, Institutionen und all deren Unterstützer ("Du warst erst bei Burda, jetzt bist du bei Hitler") allerdings auf die Namensgebende "Todesliste" (Normale Musik/Groove Attack). Mit ganz viel lyrischem Ich, versteht sich - aber dafür, wie im gleichnamigen Song, "Plus 1": "Steig als Phönix aus der Asche meiner Feinde / Sturzflug in das Haus von Alice Weidel". Und man muss natürlich fair bleiben: Wenn das lyrische Ich von Bushido nicht auf Grünenpolitiker und Homosexuelle schießen soll, dann sollten Audio88 & Yassin auch keine AfD-Politiker einäschern. AfD-Politiker sind ja auch Menschen. Menschen, die Dinge wie "Die Dekonstruktion der Gesellschaft läuft auf Hochtouren. (...) Erst wenn von der deutschen Identität nichts mehr übrig ist, werden linke Sozialingenieure zufrieden sein" twittern. Aber trotzdem.

Rainald Grebe - "Popmusik" (Tonproduktion Records)

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Politisierter Deutschpop II: Der Autor, Dramaturg, Regisseur, Schauspieler, Comedian, Komponist, Liedersänger, Obstbauer (er über sich) Rainald Grebe macht jetzt Popmusik. Das ist eine Nachricht, die Fans - sowohl von Grebe als auch von Popmusik - beunruhigen könnte. Die Transformation von Kleinkunst zu Groß-Pose, von Kabarett-Ironie zu Pop-Pathos geht schließlich oft genug in alle Richtungen schief. Deshalb findet Grebe einen, das muss man ihm lassen, ziemlich smarten Trick: Größenwahn. Er macht nicht einfach nur "Popmusik" (Tonproduktion Records), er nennt sein Album einfach gleich so - als sei es eine Art letztgültiger Erkenntnisraum des Genres. Und druckt den Titel dann auch noch in der Typographie von Coca Cola aufs Cover. Pumpt die Songs mit Synthies und Drum-Computern auf. Zitiert sich einmal quer durch die jüngste (deutsche) Musikgeschichte - Trio-Ding-Dong-Dada-Beats, Autotune-Quatsch. Zitiert leider auch Gauland, kritisch natürlich - Politsorgenlyrik, Vogelschiss-Quatsch. In seinen guten Momenten klingt das, als hätte Helge Schneider ein Wimmelbild aus den Schnipseln besserer Titanic-Ausgaben collagiert. In seinen schlechten, wie Peter Maffay, der betüdelt die Vorwärts vorsingt. In seinen besten Momenten durchzieht eine warme Melancholie die Songs. "Letzter Flug der Flugbegleiterin / zum letzten Mal in die Luft / Ich hab jeden Tag die Sonne geseh'n / Und jetzt Schluss".

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Sia - "Music" (Warner Music)

Sia hat der SZ jüngst die Formel enthüllt. Die für den perfekten Pop-Hit - vielleicht sogar das gute Leben. Manchmal ist das ja dasselbe. Sie muss sie kennen: Keine andere Künstlerin hat mehr Videos in Youtubes "Milliarde-Views-Club". Rihannas "Diamonds" soll sie in 14 Minuten geschrieben haben. Also, bitte: "Victim to victory", erklärte die australische Sängerin, funktioniere sehr gut. "Sie fangen traurig an - das Problem. Dann erzeugen Sie Spannung über den Pre-Chorus. Den Refrain müssen Sie unbedingt in Dur setzen und dort die Lösung unterbringen. Dann ein Post-Chorus, der Sie an die Lösung erinnert. Dann kommt natürlich die zweite Strophe, in der Sie erklären, wie es sich anfühlt, die Lösung gefunden zu haben. Kurz zurück in die Spannung, noch mal Dur-Refrain - und dann halt noch ein sanftes Outro." Gern geschehen. Ach so: "Music" (Warner Music), sowohl der Film als auch der Pathos-Pop-Soundtrack (beide erscheinen am Freitag), funktionieren nach der Formel. Und wie.

Ein großes Porträt von Sia gibt es mit SZ-Plus hier.

Mayer Hawthorne - "Rare Changes" (Big Bucks/Groove Attack)

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Nicht dass jetzt gleich wieder jemand übereilig mit dem Label "Retro-Soul" um sich schmeißt. Ganz so einfach ist das bei Mayer Hawthorne ja eben nicht. Klar, der Amerikaner macht gut bezwirnte, Hornbrillen-bewährte Musik, die deutlich Mayfield/Hayes/White-geschult ist. Er stellt das Ganze aber, anders als die Detailimitatoren und Authentizitätsfanatiker des Genres, eher von den Füßen auf den Kopf. Die ersten Songs seine Karriere produzierte er, weil er möglichst geschmeidiges Soul-Material brauchte, das sich für Rap-Songs sampeln ließ - aber zu faul war, die Rechte an Originalwerken zu erbetteln. Der 42-Jährige denkt also eher vom urbanen Jetztzeit-Endprodukt aus zum Retro-Rohplayback und von dort wieder zurück nach vorne. Eine Art Neo-Soul-Retro-R'n'B-Kreislauf also. Klingt kompliziert. Meint aber einfach, dass sich auf "Rare Changes" (Big Bucks/Groove Attack) mal wieder ein paar sehr feine R'n'B-Schmeichler finden, die im Geist durchaus im Jahr 2021 zu Hause sind, aber dabei den warmen Flausch alter, analoger Keyboards, Bässe und Drums haben, und das Krisselige alter, sehr gezielt eingesetzter Synthesizer.

Robin Thicke - "On Earth, and In Heaven" (Lucky Music)

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Und das ist wiederum ziemlich genau das, was "On Earth, and In Heaven" (Lucky Music) von Robin Thicke fehlt. Nicht ganz grundsätzlich - der Hohn, der über Thicke vergossen wurde, nachdem er mit dem von Pharrell produzierten "Blurred Lines" für ungefähr siebzehn Club-Saisons in Folge zur Referenzgröße erst für Party-Hits und dann für Sexismus geworden war, das Niveau (von beidem) auf Albumlänge aber nie halten konnte, ist inzwischen doch sehr alt geworden. Das neue Werk des Kanadiers segelt nun auch samtig und schwül vorbei. Man schielt bei der Produktion aber arg auf die verschiedenen Formate, die die etwas blödere Hälfte des Radios so bedienen kann: Komm, machen wir erst mal Bossa, Bossa geht gut, es ist ja bald Sommer und dann gibt es wieder Werbung mit Cabrios und alkoholfreiem Bier. Jetzt Soul! Jetzt mehr Soul, aber mit Spanisch, Spanisch mag gerade jeder. Auch im Sommer. Dann 6/8-Schwof und dann noch irgendwas, bis endlich der Song mit Pharrell kommt. Der aber leider auch ein bisschen klingt, als würde eine (ziemlich gute) Top-40-Coverband ein Pharrell-Medley spielen. Dann kommt noch mal irgendwas.

© SZ
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SZ PlusFilm "Music" von Sia
:Den Refrain unbedingt in Dur setzen

Sängerin Sia war mal fast tot - Depressionen, Drogen. Dann entdeckte sie die Formel für den perfekten Pop-Hit. Und vielleicht sogar für das gute Leben. Ein Treffen.

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