Alben der Woche:Jeden Funken von Menschlichkeit verlieren

Liam Gallagher wird kein begnadeter Songwriter mehr, Shirin David steigert Konsumgeilheit bis zur Ideologiekritik und Thees Uhlmann witzelt über Avicii.

Von den SZ-Popkritikern

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Brittany Howard - "Jaime" (Sony Music)

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Quelle: SZ

Brittany Howard, eigentlich Kopf und Sängerin der Alabama Shakes, hat mit "Jaime" (Sony Music) ihr erstes Soloalbum aufgenommen. Das Debüt der Alabama Shakes war vor sieben Jahren mit elegant verrumpeltem Soulbluesrock eine kleine Retropop-Sensation, die sie mit dem Nachfolger "Sound & Color" und famosen Songs wie "Don't Wanna Fight" fortsetzten. Auf "Jamie" fehlen Geniestreiche dieser Art, das ist aber gar kein besonderes Problem. Die Platte ist dafür eine große, immer leicht verschleppte, warme Soul-Meditation, retro und doch nie altbacken, was auch am ganz eigenen Zauber der Stimme Howards liegt, die immer ein bisschen so klingt wie ein Frosch mit einer sehr, sehr guten Soulstimme.

Jens-Christian Rabe

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Shirin David - "Supersize" (Juicy Money Records)

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Quelle: SZ

Die Hamburger R'n'B-Sängerin und Rapperin Barbara Shirin Davidavicius alias Shirin David. Sie wurde als Youtuberin und Beauty-Gesamtkunstwerk bekannt, eine "Influencerin". Ihrem Kanal folgen mittlerweile auch schon über 2,6 Millionen Abonnenten. Allein ihre Single "Gib ihm" wurde über 43 Millionen Mal abgerufen, die Hits "Ice" und "Brillis" ebenso millionenfach. Neben Helene Fischer dürfte sie gerade der große weibliche deutsche Popstar schlechthin sein. Alles ist hier grell lackiert und prall und übergroß. Bei "Gib ihm" etwa besteht die Kulisse aus riesigen Versace- und Gucci-Einkaufstüten, das Video ist eine einzige gigantische Feier von Reichtum und Überlegenheit, so ostentativ konsumgeil und absurd sozialdarwinistisch, dass es im Grunde schon wieder ganz harte Ideologiekritik ist: "Sie bezahlen mich dafür / dass ich atme." Wie schrieb einst der große amerikanische Popkritiker Lester Bangs? "Wahre Kunst hat immer menschliche Werte besungen, aber was sollen wir machen, wenn das Äußerste, was unsere größten Kunstwerke bestätigen können, die Angst ihrer Schöpfer ist, zusammen mit dem Rest der Menschheit langsam aber sicher jeden Funken von Menschlichkeit zu verlieren?"

Jens-Christian Rabe

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Thees Uhlmann - "Junkies und Scientologen" (Grand Hotel Van Cleef)

Uhlmann

Quelle: Foto: Grand Hotel van Cleef

Sitzen fünf alte Indierock-Männer in der Kneipe. Was wie ein Witz-Anfang klingt, ist im Fall von Thees Uhlmanns Album "Junkies und Scientologen" das gefühlte Setting und eher traurig: Uhlmann hat sich zum Klampfen an einem an einem kleinen, klebrigen Stammtisch eingerichtet. Dort sitzen unverstandene Herrschaften in Lederjacken, die ein Talent für Metaphern und zeitlose Beschreibungen eines Bartresen haben. Heute aber fühlen sie sich mal mehr, mal weniger ernsthaft bedroht von Rappern, die ihnen die Frauen wegnehmen ("Ich bin der Fahrer, der die Frauen nach HipHop Videodrehs nach Hause fährt"), einem Zeitgeist, der deutschpathetisches Geschrammel eher auf Antenne Bayern verortet - und, Hauptfeind jedes Gitarren-Truthers: der elektronischen Musik. Gerade letztere hat Uhlmann offenbar böse zugesetzt, weswegen er einen Song über den schwedischen Musiker Avicii geschrieben hat ("Avicii"). Der war so etwas wie das personifizierte Gitarrenrocker-Feinbild: Jung, schön, hyperkommerziell erfolgreich mit ganz schlimmem EDM. Avicii hat sich aber auch im vergangenen Jahr im Oman mit 28 das Leben genommen, da muss man nach vierzehn Astra natürlich noch mal draufhauen, ist doch eh schon alles egal: "Was machst du im Oman?", fragt Uhlmann, verbindet die Frage mit einer "Oh Mann"-Wortspielkatastrophe und wünscht "eine gute letzte Reise, zum Abschied leise winken". Kunst werde ja nicht schlecht, "nur weil das viele hören", zwinkerzwinker an die gröhlenden Rest-Indie-Kumpels. Kunst wird nicht gut, nur weil sie keiner hört.

Quentin Lichtblau

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Liam Gallhager - "Why Me? Why Not." (Warner)

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Quelle: SZ

Die Jahre sind an Liam Gallaghers Stimme nicht spurlos vorübergegangen. Er hatte ja lange, viel länger, als es Oasis gab, die beste Rockstimme der Welt. Niemand konnte noch in der formelhaftesten Ballade seine grenzenlose Hochnäsigkeit so druckvoll und glockenklar daher rotzen. In seinen besten Momenten brachte er das Kunststück fertig, stumpfe Arroganz und blinden Größenwahn wie die unterhaltsamste Form höherer Weisheit erscheinen zu lassen: die Zukunft des Cool hieß Liam Gallagher. Bei jüngsten Auftritten klang der bald 47-Jährige allerdings nicht mehr wuchtig, sondern nasal und erschreckend saftlos. Auf dem nun erscheinenden neuen Soloalbum "Why Me? Why Not.", nur echt mit dem Punkt hinter der zweiten Frage, ist davon nicht wirklich etwas zu merken. Ein begnadeter Songwriter wird er allerdings nicht mehr und auch kein kongenialer Kurator der Ideen seiner Helfer. Mainstream-Poprock-Versuche mit Streicherleim wie "One Of Us" sind sogar richtig schlimm. Songs wie "Once" oder "Shockwave" könnte eine gute Oasis-Tribute-Band aufgenommen haben, für Hardcore-Fans geht das irgendwie in Ordnung. Wenn er sich aber wie in "The River" so roh anhört wie der Liam Gallagher der Neunziger, der sich nichts mehr wünschte, als zu klingen wie John Lennon in den Siebzigern, dann ist plötzlich doch alles wieder da. Als (neben seinem verhassten Bruder Noel) lustigster schlecht gelaunter Rock'n'Roll-Theoretiker hat er seinen Platz in der Popgeschichte ohnehin sicher, seitdem er einmal - auf Youtube gibt es einen Clip davon - einer Gruppe Kindergartenkinder erklärte, warum man unbedingt so laut furzen solle, dass es jeder hört. Lebe er für immer!

Jens-Christian Rabe

© SZ.de/qli
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