Alben der Woche:"Scharrrfe Spreeeeewaldgurrrken"

Lesezeit: 4 min

Silk Sonic

Ein Abend mit "Silk Sonic": Bruno Mars, Gastgeber Bootsy Collins und Anderson Paak (v. l.).

(Foto: Atlantic Records/Warner Music)

Himmel, was für eine Pop-Woche: Adele ist glücklich, Sting selbstverliebt. Shirin David macht sehr bösen Rap und der "Rammstein"-Gitarrist singt. So was wie Englisch.

Von Jakob Biazza

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Silk Sonic - "An Evening with Silk Sonic" (Atlantic Records / Aftermath Entertainment)

Die Plattenfirma hatte über Monate und bis zuletzt ein mittel-irres Gewese um "An Evening with Silk Sonic" gemacht, das gemeinsame Album von Bruno Mars und Anderson Paak: viele Sensations-Kollaborations-Superlative, Gigantentreffen-Huberei, Album-des-Jahres-Attitüde. Dazu ein Geheimhaltungs-Gehühner auf dem Niveau militärischer Angriffspläne auf befreundete Staaten. Das ist ein bisschen schade. So (!) gut ist das Album nämlich nicht. Was beileibe nicht heißt, dass es schlecht ist. Ist es nämlich nicht. Gar nicht. Wie gut man etwas am Ende findet, hängt ja nur leider auch damit zusammen, wie viel man am Anfang erwartet hat. Und man rechnete nach dem ganzen Buhei eben mindestens mit einem Heilmittel gegen Corona, der Einhaltung des 1,5-Grad-Klimaerwärmungs-Zieles, Freibier, Überstundenausgleich und immerkleinen Katzenbabys für alle. Deshalb ein bisschen Erwartungsmanagement. Die Zusammenarbeit der beiden amerikanischen R'n'B-Superstars bringt all das: nicht. Stattdessen gibt es einfach ein extrem souveränes, ganz hüftlockeres und sehr geschmeidiges Funk-and-Soul-Album. Quirlige Drums, wunderbar federnde Grooves, flatternde Gitarren, strandwarme Spätsommer-Keyboards - und Bootsy Collins und Thundercat. Womit etwaige Fragen nach dem Bass auch geklärt wären. Dazu Chöre und Synthies wie liebevoll inszenierte Softpornos mit Gegenlichteinstellungen und viel Kuscheln vorher und nachher. Nicht mehr. Aber: auch nicht ein winziges bisschen weniger. Jakob Biazza

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Sting - "The Bridge" (Universal Music)

Auch wenn man Sting und seine Musik mag, muss man dem Mann eine anstrengende Neigung zur Selbstgefälligkeit bescheinigen. Auf seinem neuen Album "The Bridge" inszeniert er sich wieder als thinking man's popstar. Sting, der Anspruchspopper für den bessergebildeten Musikfreund. Er macht sich so seine Gedanken über die Liebe, das Leben, das große Ganze - vergisst darüber aber die starken Melodien, die ihn einst berühmt gemacht haben. Bei aller Sympathie, "The Bridge" hinterlässt den Nachgeschmack einer Lesung, bei der ein gut gekleideter Autor selbstverliebt in seinem Tagebuch blättert. Schade. Max Fellmann

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Emigrate - "The Persistence Of Memory" (Sony Music)

Der Rammstein-Gitarrist Richard Zven Kruspe hat unter dem Namen Emigrate ein neues Soloalbum aufgenommen. "The Persistence Of Memory" (Emigrate Production / Sony Music) ist sein viertes. Und es ist bestimmt auf irgendeiner Ebene ganz fantastisch und brillant (der Gitarren-Sound, der wie bei der Hauptband gleichzeitig industriell hart und klinisch exakt sein soll, aber diesmal leider ein bisschen nach matsch-wummsigem Home-Recording klingt, ist es nur eher nicht; und die Casio-Klingelingeling-Synthies auch nicht). Leider wird zumindest in Deutschland aber niemand je genau genug hinhören können, um etwaige musikalische Genialität zu erkennen. Man ist schlicht zu beschäftigt mit der Frage, warum - in Gottes Namen - jemand, der ein derart radebrechendes Englisch spricht (und singt!), Englisch sprechen (oder singen! oder texten!!) will. Alles, wirklich absolut alles an diesem Album klingt, als würde ein humorvoller Ostküsten-Amerikaner die Wörter "Thüringer Bratwurst" über einen Walzer rappen wollen - nur eben von einem Deutschen.

Deshalb auch ein kleiner Nachtrag zur Frage, wie man mit übergroßen Song-Vorbildern umgehen sollte - und auch nur, weil der fantastische Dave Gahan ja gerade auch "Always On My Mind" gecovert hat, bekannt unter anderem durch Elvis, und zwar wirklich irritierend schön: So, wie Kruspe das zusammen mit dem Rammstein-Sänger Till Lindemann tut (also so, als würde ein humorloser Texaner die Wörter "Scharfe Spreewaldgurken" über einen fiebrigen Dancehall-Beat synkopieren wollen), könnte man es auch sehr gut lassen. Jakob Biazza

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Adele - "30" (Sony Music)

"30" sei ihr "bisher persönlichstes Album", hat Adele jüngst gesagt. Es ist die schaurige Knallphrase, die Prominente oft benutzen, um ihre Produkte notdürftig interessanter zu machen. Bei Adele stimmt es zur Abwechslung. Im Song "My Little Love" zum Beispiel, den Adele ihrem neunjährigen Sohn nicht nur zusingt, sondern in dem das Kind sogar selbst zu hören ist: unwirkliche Atmosphäre, ein Unterwasserchor, ein hallender Echolot-Rhythmus. Für Adele, die musikalisch sonst eher handfest agiert, ist das ein gewagter, transzendentaler Klang, der im Guten an den Trip-Hop der 90er-Jahre erinnert. Wozu sie dann flammend von ihren Versäumnissen als alleinerziehende Mutter singt, bis die Stimme des Sohnes geisterhaft aus dem Nebel taucht.

Toll. Bis Adele irgendwann doch an die Grenzen des Konzepts stößt. Und so bleibt am Ende von "30" das halbtrockene Gefühl, dass man in weiten Teilen eher einem Selbsterfahrungsmonolog gelauscht hat, einer gesungenen Sprachnachricht, als wahrhaft großen Songs. Die 1977 von Roland Barthes getroffene Beobachtung, "dass der Diskurs der Liebe heute von extremer Einsamkeit ist", kann man 2021 wieder anwenden. Langsam brauchen wir eventuell eine neue Sprache der Liebe. Joachim Hentschel

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Shirin David - "Bitches brauchen Rap" (Universal)

Die große Frage beim zweiten Album von Barbara Schirin Davidavicius, genannt Shirin David, lautete ja: Kann sie das? Ein reines Rap-Album. Harte, straßen-schmutzige Beats, fiese Synthies, böse Bässe. Trägt ihre Stimme das? Ihre Attitüde? Der Flow? Nun, was soll man sagen: Sie hat es ja schon angedeutet, als sie auf dem "Weißen Album" von Haftbefehl im Song "Conan x Xenia" rappte - und zwar fast den besseren Part. Jetzt zeigt sie es auf Albumlänge. "Bitches brauchen Rap" (Universal) ist ein tiefensouveränes Stück Deutschrap-Geschichte. Besser als sehr viel von dem Zeug, das da gerade sonst so auftaucht. Nein, viel besser. Härter auch. Wir erleben hier gerade den Machtwechsel in der Männerdomäne. Jakob Biazza

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Elbow - "Flying Dream 1" (Polydor/Universal)

Man muss die Briten von Elbow natürlich lieben. Für die kerzenschummrige Festlichkeit ihrer Songs. Für ihren im Herzen großen, bezaubernd kleinen Kammermusikpop. Für die Peter-Gabriel-Haftigkeit von Sänger Guy Garvey. Die feinen Instrumentierungen. Die schlauen, zirkus-chaotischen Arrangements. Die kruden, aber am Ende doch immer wieder nach Hause tapernden Melodiebögen. Und dafür, dass sie eigentlich, ja eigentlich sogar Hymnen können. Ihr Song "One Day Like This" etwa lief in England oft und dann immer absolut passend, wenn olympischer Sport oder Fußballspiele aus der Premier League in Action-flirrenden Bildern zusammengefasst werden mussten. Feines Pathos, wenig Peinlichkeit. Toller Kunstgriff. Leider ist der Song inzwischen auch schon wieder 13 Jahre alt. Und seither hat sich die Band weit und immer noch weiter zurückgezogen auf ein etwas zielloses Mäandern. Zu viele Strophen, zu wenige Refrains. Das ist auch auf dem am Freitag erscheinenden Album "Flying Dream 1" (Polydor/Universal) nicht recht anders. Man treibt und flaniert und streunt, man täuscht an, schlägt Haken und dreht ein paar sehr bezaubernde Pirouetten. Alles sehr schön. Nur ein richtig, richtig guter Song (zumindest im Sinne von Hit) will dabei nicht gelingen. Jakob Biazza

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