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Alben der Woche:Saftloser Nashville-Country-Teenie-Pop trotz Berghain

Kylie Minoge

Kylie Minoge: ewige Bubblegum-Pop-Fürstin und Camp-Königin.

(Foto: Simon Emmett/Darenote Ltd. 2018)

Kylie Minogue hätte besser in Berlin gefeiert, bevor sie "Golden" aufnimmt. Jared Leto wirkt wie ein Method-Actor in einer romantischen Komödie. Und die Eels ziehen mit nur einem "Schubidubidu" runter wie niemand sonst.

Eels - "The Deconstruction" (E Works Records)

Beim Hören des neuen, zwölften Albums "The Deconstruction" (E Works Records) des amerikanischen Sängers und Songwriters Mark Oliver Everett alias Eels wird man den Eindruck nicht los, dass der Mann das produktivste One-Hit-Wonder der Indiepop-Geschichte ist. Berühmt wurde er 1997 mit der depressiven Grunge-Hymne "Novocaine For The Soul". Und im Grunde klingt er noch heute so. Vielleicht ist diese gepresst-heisere Stimme einfach zu markant, um eine echte Entwicklung zuzulassen. "The Deconstruction" ist ja auch alles andere als ein schlechtes Album, es bleibt vielmehr auf hohem Niveau alles beim Alten. Und im Grunde ist das ja auch etwas: Der eine Mensch auf der Welt zu sein, der einen mit einem einzigen "Schubidubidu" am tiefsten runterziehen kann.

Jens-Christian Rabe

Kylie Minogue - "Golden" (Warner)

Man rätselt ja noch ein bisschen daran herum, was genau die ewige Bubblegum-Pop-Fürstin und Camp-Königin Kylie Minogue eigentlich im sagenumwobenen Berliner Techno-Club Berghain, wo sie vor ein paar Tagen mit Band ihr neues Album "Golden" (Warner) vorstellte, wirklich wollte. Sie ist natürlich seit jeher - wie Madonna - auch eine Schwulenikone und es waren dann ja auch alle, wie man hörte, angemessen grundlos ganz aus dem Häuschen - aber das am kommenden Freitag erscheinende neue Album ist doch noch schlapper geworden, als die erste, schon ziemlich spektakulär schlappe Single "Dancing" vermuten ließ. Saftloser Nashville-Country-Teenie-Pop statt wegweisende Beat- und Sound-Bastelein. Man hätte sich gewünscht, dass die Meisterin ein paar Mal im Berghain zu Besuch gewesen wäre, bevor sie es produzierte.

Jens-Christian Rabe

Thirty Seconds to Mars - "America" (Interscope)

Das Problem ist halt, dass Jared Leto das alles so bemerkenswert ernst nimmt. Also wirklich alles. Für "Chapter 27 - Die Ermordung des John Lennon" hat der Schauspieler mal 36 Kilo zugenommen - und Gicht davon bekommen. Für "Requiem for a Dream" lebte er wochenlang mit Drogensüchtigen auf der Straße. Antwort auf den Ratschlag eines Interviewers, der Frontmann von Thirty Seconds to Mars solle sich eine Familie zulegen, die brächte mehr Balance: "Das sagt mir Elon Musk auch immer." Natürlich ist so einer auch mit biblischer Ironiefreiheit Emo-Hard-Rock-Superstar - beileibe keine leichte Rolle. Und jetzt eben: Pop. Beziehungsweise eben nicht einfach nur Pop, sondern von Hollywood-Geist durchtränkter, in Schlachtruf-Pop überführter Emo-Hard-Rock. "Walk on Water"-Erlösungs-Rhetorik. "Errettung von Dämonen"-Herbeigekreische. Aber nun eben über kumuluswolkiges Synthie-Gebläh. Und da wird es schwierig. Die neuen Soundkulissen verzeihen den urwüchsigen Ernst nämlich weniger als die alten. Leto wirkt damit auf "America" (Interscope) immer wieder aggressiv falsch besetzt - wie ein Method-Actor in einer romantischen Komödie. Was er ja doch auch irgendwie ist.

Jakob Biazza

Rainbow Kitten Surprise - "How To: Friend, Love, Freefall" (Warner)

Nun, vollbärtige junge Männer, die Indiepop machen (und auch mal inbrünstig mit Kopfstimme jaulen), werden von manchen schon eine Weile eher als Plage angesehen. Die Gnade dieser Menschen wird das neue Album "How To: Friend, Love, Freefall" (Warner) der Band Rainbow Kitten Surprise nicht finden. Alle anderen werden mit Songs wie "Holy Wars" belohnt.

Jens-Christian Rabe

Hinds - "I Don't Run" (Lucky Number)

Ein Lob dem Dilettantentum: Auf "I Don't Run" (Lucky Number) scheinen die vier Damen der spanischen Rumpelindierock-Band Hinds auf die schönste Weise nicht allzu genau wissen zu wollen, was sie da eigentlich tun. Songs wie "The Club" oder "Tester" klingen wie die Strokes an ihren besten Tagen - nur viel klüger, also ohne den albernen, jungshaften Ernst und den altmodischen Größenwahn.

Jens-Christian Rabe

© sz.de/biaz

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