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Alben der Woche:Das Paradies, ein Trugbild

Remy Banks

Rapper Remy Banks.

(Foto: Ari Marcopoulos)

Der New Yorker Intellekto-Straßen-Rapper Remy Banks stellt den Blick scharf, Rhye polstert die Komfortzone und James Yorkston zeigt Reue - aber nur an ganz bestimmten Tagen.

James Yorkston - "The Wide, Wide River" (Domino)

Zu den ewigen Verdiensten des Indie-Folk gehört ja, die Niedergeschlagenheit und Traurigkeit, die man hier und da so in sich spürt, so lange von allen Seiten zu besingen, bis man sie - wenigstens so lange die Musik läuft - vielleicht immer noch nicht für die besten Freunde hält, aber doch zumindest für alte Bekannte. Schon bissl lästig, klar, aber sie lassen einen immerhin nie allein. Und überhaupt: Wer sagt denn, dass man deshalb gleich jeden Sinn für die lustige Ironie der Traurigkeit verlieren muss? Einer der britischen Großmeister der liebevoll-sardonischen Trost-Pop-Kunst ist seit nun auch schon wieder fast zwei Jahrzehnten der Sänger und Songwriter James Yorkston. Man höre auf seinem neuen Album mit dem Second Hand Orchestra, "The Wide, Wide River" (Domino), nur "A Very Old Fashioned Blues" oder "There Is No Upside". Und dann ist da ja noch die schönste Zeile in "Ella Mary Leather": "Ella Mary Leather / I regret ya' / but only on certain days of the year". Reue, aber nur an ganz bestimmten Tagen. Warme, weise Indie-Orchester-Hymnen, die man sich wie weiche Puscheln um die Ohren legen kann, ohne seine Gefühle an den Kitsch verraten zu müssen.

Rhye - "Home" (Loma Vista Recordings)

Mit diesem Gedanken im Kopf kommt man nun nicht ganz widerspruchsfrei zu einem kleinen Lob des kanadischen Sängers und Produzenten Michael Milosh und "Home" (Loma Vista Recordings), dem neuen Album seines Elektro-Pop-Projekts Rhye. Denn das Prinzip Ryhe ist gewissermaßen, die Komfortzone immer noch ein bisschen weiter zu polstern. Also den hübsch heiser-vernuschelten Kopfstimmen-Gesang Miloshs auf Synthie-Tupfern zu betten und dann alles auf leicht eingebremsten, ganz easy dahingepatschten Beats ein wenig in Zeitlupe herumschweben zu lassen. Wobei - vielleicht kommen wir so davon: Eigentlich kann man hier seine Gefühle gar nicht mehr an den Kitsch verraten, weil es eher darum geht, beim Hören zu einem völlig unbeschwerten wolkig-beschwingten Tagtraum zu werden. Dödeldösen deluxe. Ahhhh.

Remy Banks - "Phantom Of Paradise"

In vertrautere Verblendungszusammenhänge zurücklabern lassen kann man sich dann vom 32-jährigen New Yorker Intellekto-Straßen-Rapper Remy Banks und dessen neuem Album "The Phantom Of Paradise". Die Wolken sind hier eher dichte Rauchschwaden aus dem mobilen Cannabis-Fachhandel. Und mit zusammengekniffenen Augen wird hier nicht gedöst, es werden vielmehr die Sinne scharfgestellt. Wie sonst sollte man auch unsere ganzen Trugbilder vom Paradies in den Blick bekommen, diese alten Schlawiner.

Bicep - "Isles" (Ninja Tune)

Das DJ-Duo Bicep aus Nordirland hat für "Isles" (Ninja Tune) tief in der Rave-Rumpelkammer gewühlt und ein sphärisch-verwehtes, mit abgrundtief-stumpfen Beats, flatternden Synthie-Bässen und staubtrocken knallenden Rimshots unwiderstehlich schiebendes Album aus Chicago House, Breakbeats, Detroit Techno und Disco zusammengerührt. Man höre nur "Apricots". Geschichtsbewusst und kundig genug, um nicht zu billig zu klingen, aber billig ballernd genug, um sich damit vom Küchenteppich kurz in den Club träumen zu können.

© SZ
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