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Alben der Woche:Nach der Lachtherapie der Schmiersuff

Nenas neues Album hat was von Yoga-Retreat mit Eckkneipen-Finale. Und Woodkids "S16" könnte auch als musikalische Begleitung von Blockbuster-Drohnenaufnahmen durchgehen.

Von den SZ-Popkritikern

6 Bilder

cover; K A N Z L E R S K U N S T

Quelle: Dirty Hit

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Beabadoobee - "Fake It Flowers" (Dirty Hit)

Eigentlich klingt das alles viel zu einfach: Mit 17 bekam Bea Kristi von ihrem Vater eine Gitarre und begann unter ihrem Instagram-Namen Beabadoobee Songs zu schreiben. Gleich der allererste, eine verwaschene, spärlich instrumentierte Bedroom-Ballade namens "Coffee", wurde zum viralen Superhit. Heute ist Kristi auch erst 20, wohnt noch bei ihren Eltern in London und hat für ihr Debütalbum "Fake It Flowers" (Dirty Hit) interessanterweise den Verstärker aufgedreht: weg vom Süßlich-Selbstgemachten, hin zu einer Gitarrenästhetik, den man von Alternative-Bands der Neunziger kennt, von Veruca Salt oder den Lemonheads. Malmend, melodisch und dicht sind die Gitarrenwände jetzt. Darüber liegt aber immer der feine Schimmer verträumter Popmelodien, weswegen die Musik im Netz mittlerweile unter dem schönen Begriff "Bubblegum Grunge" geführt wird. Die Texte drehen sich um klassische Themen des Erwachsenwerdens, aber schön geradeaus erzählt und mit intimen Details. In den besten Momenten ("Care", "Worth It") klingt das wunderbar dynamisch. Wie ein neues Subgenre, das nach einer Welt vor Social Media und 9/11 klingt, aber von der Generation Z erzählt.

Annett Scheffel

cover

Quelle: Island

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Matt Berninger - Serpentine Prison" (Book's/Concord)

Apropos: Einen Gitarren-Sound, den man so auch schon kennt, gibt es auch von Matt Berninger. Auf "Serpentine Prison" (Book's/Concord), seinem Debüt als Solokünstler, probiert der Sänger von The National überraschend wenig Neues aus. Dabei wäre so eine Soloplatte nur spannend gewesen, wenn sie sich neben die bekannten, elegant-rustikalen Indie-Folk-Pfade gewagt hätte. Höchstens ein Stück weiter in Richtung Americana und weg von den teils nervösen The-National-Songstrukturen geht es auf dem von der Stax-Records-Legende Booker T. Jones produzierten Album. So sind die neuen Songs zwar schön, und Berningers trockener Bariton auf dieselbe schlichte Art tröstlich wie ein hochgeknöpfter Mantel in kühler Nacht; etwas mehr Variation hätten sie aber gut vertragen.

Annett Scheffel

cover

Quelle: Island

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Woodkid - "S16" (Island)

Ein pop-ökonomisch interessanter Fall ist der Franzose Yoann Lemoine. 2013 erfand sich der gelangweilte Videoregisseur als Popmusiker Woodkid neu. In der Spur des Erfolgs der hypersensiblen Elektro-Introspektionen von James Blake baute er seine Marke aber mehr in Richtung Naturromantik und digitalem Bombast: ein hipper Pathos-Pop, der bald zum Soundtrack von Filmen, Modeschauen und Werbespots wurde. Ein Album genügte für sieben Jahre gute Auftragslage. Nun erscheint ein Nachfolger: "S16" (Island) ist nach chemischem Symbol und Atomzahl von Schwefel benannt und arbeitet sich an dessen Bedeutungsebenen ab: zwischen organischer Grundlage und dämonischer Mystifizierung, Leben und Sündenfall, Mensch und Maschine. Inhaltlich bietet das genug Spielraum. Die Musik dazu klingt allerdings merkwürdig unfrisch: eine Art Orchester-Neo-R'n'B mit hochtrabendem Gesang, dicken Streicherschichten und vibrierenden Bässen. "S16" ist weniger Popalbum als Angebotskatalog für die musikalische Begleitung von Blockbuster-Drohnenaufnahmen.

Annett Scheffel

Albumveröffentlichung 'Licht' von Nena

Quelle: Laugh and Peas

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Nena - "Licht" (Laugh and Peas)

Sie habe ihren gesunden Menschenverstand, "der die Informationen und die Panikmache, die von außen auf uns einströmen, in alle Einzelteile zerlegt", schreibt Nena auf Instagram. Man stelle sich also vor, wie ihr gesunder Menschenverstand, eine Lederjacke tragend, auf die Sängerin einströmende Fakten mit Kung Fu-Kicks zerlegt - Peng! Puff! Peng! So lange, bis alles kaputt ist und am großen, weiten Ende der Welt ein Wochenendseminar mit Yoga und Lachtherapie stattfindet, das mit einem windigen Schmiersuff in einer Schlager-Eckkneipe endet. So ungefähr klingt Nenas neues Album "Licht".

Philipp Bovermann

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Quelle: Musikbetrieb R.O.C.K.

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The Screenshots - "2 Millionen Umsatz mit einer einfachen Idee" (Musikbetrieb R.O.C.K.)

Wenn man sich im tief ironischen Twitter-Kosmos verirrt, stößt man fast zwangsläufig auf Dax Werner, Kurt Prödel und Susi Bumms. Unter dem Bandnamen The Screenshots lassen sie Versatzstücke aus Agentursprech und Werbefloskeln mit dem Klischee von ehrlicher, handgemachter Rockmusik kollidieren. Das ergibt genau die absurden Alltagsbeobachtungen, die die Ärzte immer zu machen glauben. Eine humoristische Bestandsaufnahme unserer banalen Gegenwart. Auch die popkulturellen Großthemen, Liebe und Verlust, werden also ausdiskutiert und reflektiert: "Irgendwie haben wir keine gemeinsame Schnittmenge mehr, was unsere Vorstellung von Glück angeht". Und wie heißt das Ganze? "2 Millionen Umsatz mit einer einfachen Idee". Eh klar.

Moritz Fehrle

Albumveröffentlichung 'Licht' von Nena

Quelle: dpa

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Der gesunde Menschenverstand von Nena trägt am liebsten wohl Lederjacke. Manchmal aber auch Blazer.

© SZ.de/tmh

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