Alben der Woche:Vollmond, Rocky Mountains, 19. Jahrhundert

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(Foto: Rebecca Cabage/AP)

Neil Young hat wieder mit seiner Band "Crazy Horse" zusammengefunden, Benny Sings hat Songs als Ersatz für geschlossene Clubs. Und Alicia Keys: tanzt Steady Blues in Baggy-Pants und Crop-Top.

Von den SZ-Popkritikern

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Benny Sing - "Beat Tape II" (Stones Throw)

Wenn man Musik schätzt, mit der man sich schön funky uneigentlich durch den Tag schaukeln lassen kann, dann kann es nur ein Album der Woche geben: "Beat Tape II" (Stones Throw) vom niederländischen Lo-fi-R'n'B-König Tim van Berkestijn alias Benny Sings. Zum vorangegangenen, erst im April erschienenen Album "Music" des Sängers, Rappers, Produzenten und Songwriters konnte man sehr gut in Gedanken am Pool liegen und mit zusammengekniffenen Augen der Luft beim Flimmern zusehen. Zu neuen somnambul beschwingten Songs wie "Look What We Do" oder dem grandiosen "Beat 100", die im besten Sinn so klingen, als seien sie gerade eben erst aus dem Beat-Bastelkasten herausgepurzelt, fühlt sich der Weg vom Kühlschrank zur Couch so an, als teilte sich im Club die Menge, wenn man sich mit einem neuen Drink zur Tanzfläche aufmacht. Na gut, mit zusammengekniffenen Augen wenigstens. Jens-Christian Rabe

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Neil Young - "Barn" (Reprise / Warner)

Der unermüdliche Neil Young hat für sein 41. Studio-Album "Barn" (Reprise/Warner) mal wieder seine alte Band Crazy Horse aktiviert. Es heißt, man habe es diesen Sommer bei Vollmond in einer restaurierten Scheune aus dem 19. Jahrhundert in den Rocky Mountains aufgenommen. Auf dem Cover ist eine seltsam überdimensionierte Blockhütte zu sehen, vor einem Sonnenuntergang, den Bob Ross nicht kitschiger gemalt hätte. Da soll den alten Folkrockisten offenbar schon ganz warm ums Herz werden, bevor sie auch nur einen Ton gehört haben. Vollmond! Rocky Mountains! 19. Jahrhundert! 19. Jahrhundert? Was hat der Folkrock der 1970er eigentlich mit dem 19. Jahrhundert zu tun? Egal, die große Folkrockkunst war es ja immer auch, Musik aus einer Vergangenheit zu erfinden, die es gar nicht gegeben hat. Ein Glück immerhin, dass die ewig dünne Stimme von Neil Young und die schiere schleppend-kratzige Wucht seiner Arrangements noch jeden seiner Songs vor Kitsch bewahrt hat. Anders gesagt: Auf "Barn" ist Neil Young mal wieder auf außergewöhnlich hohem Niveau nicht besonders inspiriert. Jens-Christian Rabe

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Alicia Keys - "Keys" (Sony Music)

Treue bedeutet ja nicht Langeweile. Alicia Keys ist glaubwürdig bei sich, ähnlich wie ihr Doppelalbum "KEYS" (schlüssige Erbfolge nach dem letzten Album "ALICIA"). Die inzwischen 40-Jährige holt aus gefundener Zen-Mitte diamantklare Gospel-Weisheiten, verzwickte Jazz-Harmonien und gewohnt lässiges Pop-Hauchen. Das Album will sich nicht zwischen Streetstyle und intimer Piano-Session entscheiden. Vinylknistern, jemand legt die Nadel auf die Platte, zündet Kerzen an, um in Baggy-Pants und Crop-Top die Arme umeinander zu legen und Steady Blues zu tanzen. Das Konzept Alicia Keys am Klavier funktioniert damit selbst im verkopften Jahr 2021. Die selbsterklärte Queen braucht nicht viel Meta, nur großspurige Liebesschwüre. Und natürlich: babe, only you. Marlene Knobloch

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Jeff Parker - "Forfolks" (International Anthem)

Das böse Wort heißt Fahrstuhlmusik. Aber Popmusik als Soundtrack für Alltagserledigungen und Seelenmassagen aller Art - das ist eigentlich ein nobler Zweck. Es ist mitunter ja dringend geboten, sich nebenbei mit subtilem Synthiegezwitscher das Hirn ein wenig zu betäuben. Hauptsache nicht zu genau hinhören. Es gibt aber natürlich auch im Pop genau das Gegenteil: Musik, die erst dann nicht mehr stört, wenn man ihr wie einem Hörspiel aus Klängen lauscht. Der amerikanische Avantgarde-Pop- und Post-Rock-Gitarrist Jeff Parker, ehemals Gitarrist der gefeierten Post-Rock-Band Tortoise, macht solche Musik auf seinem neuen Album "Forfolks" (International Anthem) - und zwar allein mit einer unverzerrt gespielten semiakustischen E-Gitarre. Ist ja doch auch noch einmal eine ganz andere Ruhe, die sich finden lässt, wenn man auf seinem Trommelfell zur Abwechslung mal nicht nur blinder Passagier sein will. Jens-Christian Rabe

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