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Alben der Woche:Der mächtige Dollar und seine Sklaven

Judith Hill

Judith Hill

(Foto: Regime Music Group)

Peter Licht ist traurig, Sven Regener schunkelt und die "Kings of Leon" machen weiter Schwanzwedel-Rockpop. Nett. Bis man das neue Album von Judith Hill gehört hat.

Judith Hill - "Baby, I'm Hollywood" (Regime Music Group)

Es muss mit Judith Hill losgehen. Schließlich gibt es da draußen vermutlich Menschen, die in dieser Woche nur ein neues Album hören werden - und dann sollte sichergestellt sein, dass es sich dabei um "Baby, I'm Hollywood" handelt. Brettharter, wirklich absolut humorloser Funk. Soul-Wärme, die über die Wochen bis Mitte Juli trägt. Locker. Hill hat für Michael Jackson gesungen. Prince hat 2015 ihr Debüt "Back In Time" in den Paisley Park Studios co-produziert. Album Nummer drei ist womöglich trotzdem noch besser. Man höre stellvertretend "Americana", fühle, wie das Bass-Riff erste Unruhe aufkommen lässt, wie Percussion-Geflirr sie zur Bedrohung steigert. Wie die Synthies gemeinsam mit den Gitarren herankriechen, düster, furchteinflößend wie in der ersten Stunde guter Horrorfilme, in denen das Monster nur eine vage Andeutung ist - gestaltlos noch, aber immer da. Und dann höre man auf den Text: "Spider webs got me stuck all at the borders / They all protect the mighty dollar and her slaves / Just when things are getting a little better / you question capital, your ass gon' get erased". Erschreckend gut. Jakob Biazza

Billy Nomates - "Emergency Telephone"

(Foto: Invada Records)

Ja he, schon wieder eine neue EP von Billy Nomates - dabei ist das Debütalbum der Engländerin doch erst ein paar Monate alt. Ach, das war eine willkommene Überraschung im Sommer: kantiger Postpunk, viel Politik, nicht die Aggro-Variante, eher souverän, distanziert, selbstbewusst. Die Sleaford Mods, Brüder im Geiste, nahmen auf der Stelle ein Lied mit ihr auf, Videos machten die Runde, und Tor Maries, wie sie bürgerlich heißt, wurde bekannt - auch ohne Konzerte und all das, was eine Karriere normalerweise in Schwung bringt. Weil sonst gerade nicht viel geht, hat sie die Zeit also für eine weitere EP genutzt. "Emergency Telephone" ist nur fünf Stücke lang, aber das reicht Billy Nomates, um ihr Repertoire gleich noch mal zu erweitern: soulige Gesangslinien und Drum'n'Bass-Beat im Titelsong, dann eine ganz zarte Miniatur ohne Titel, vielleicht eine Handyaufnahme, dann wieder fast poppige Momente. Die inhaltliche Wucht bleibt. Im Sommer sang Billy Nomates genervt über Geschlechterrollen, "I won't shave everything off, I'm not 12" ich rasiere nicht alles, ich bin doch nicht zwölf. Die Ansage diesmal lautet: "I do not do heels", bei mir gibt's keine hochhackigen Schuhe. Braucht die Frau auch nicht, weil: coole Socke. Max Fellmann

Melvins - "Working With God"

(Foto: Pias/Ipecac (Rough Trade))

Es gibt Witze, die sind dermaßen simpel, dass man entschlossen ist, sie nicht witzig zu finden, aber dann zieht sie jemand so gnadenlos durch, dass man halt doch irgendwann kichern muss. Die Melvins, seit gefühlt 200 Jahren zuständig für abseitigen Lärmrock und unfassbare Frisuren, spielen auf ihrem neuen Album den Riesenklassiker "I Get Around" von den Beach Boys, sehr ordentlich, sehr präzise, mit allen Chören und Falsett-Einlagen. Der Unterschied: Sie singen durchgehend "I Fuck Around". Aber nein, das ist natürlich überhaupt nicht witzig. Übelster Pennälerhumor. Dafür ist man sich selbstverständlich viel zu fein - pfffhhleiderdochlustig. Weil sie die Idee so unbeirrt verfolgen wie Sacha Baron Cohen seine Borat-Rolle, wie Gerhard Polt seine Stammtischreden. Der Rest des Albums "Working With God" ist dann der ziemlich erwartbare Ritt durch schwere Riffs und Feedbackgedröhne, kennt man genau so von den Melvins seit Ewigkeiten. Aber dieser eine gut gelaunte Holzhammer-Gag - ach, der tut so gut, wenn da draußen gerade alles so unlustig ist. Max Fellmann

Kings Of Leon - "When You See Yourself" (Sony)

"When You See Yourself" von den Kings of Leon: Immer weiter Richtung Transzendenz.

(Foto: Sony Music)

Weiche Schale mit weichem Kern, das ist als Schokopralinenrezept eine echte Herausforderung, für die Kings Of Leon aus Tennessee jedoch seit einigen Jahren der musikalische Erfolgsfaktor. Als heulende Wölfe begannen sie im 2000er-Rockzirkus, die USA-Erfolge kamen erst nach der selbstgewählten Verniedlichung. Aber weil es wirklich wahnwitzig öde wäre, auch das achte Album "When You See Yourself" wieder als zahnlos verhallten Schwanzwedel-Rockpop zu bezeichnen, sagen wir jetzt mal: Da steckt eine Sehnsucht nach Idylle drin, eine nachhaltig grüne Vision, vielleicht die Geburt eines neues Öko-Rock-Trends. Im Ernst: Kann man hören. Aber man kann ja vieles. Joachim Hentschel

Regener Pappik Busch - "Ask Me Now"

(Foto: Universal Music)

Bei Element Of Crime holt Sven Regener die Trompete nur gelegentlich raus, dafür legt er sie jetzt über eine ganze Albumlänge gar nicht mehr weg. Auf "Ask Me Now" spielt er mit zwei alten Freunden unter dem Namen Regener Pappik Busch Jazz-Standards der 40er- und 50er-Jahre. Die Besetzung Trompete / Klavier / Schlagzeug, nicht mal ein Bass, wirkt wie: Joa, wir drei waren halt gerade beisammen, und dann haben wir einfach mal losgespielt. Tatsächlich wird's auch nie besonders virtuos, alles eher ein Geschunkel quer durch Gassenhauer wie "Round Midnight", "Chasin' The Trane" oder "Groovin High". Keine großen Jazz-Soli, hier ein bisschen Molltonleiter, da ein wenig Dideldum, immer in den Grenzen der guten alten Jazz-Notensammlung "Real Book". Hat was von GI-Kapelle im Nachkriegsdeutschland. Aber gerade das macht das Unternehmen auch sympathisch. Da will niemand etwas beweisen, da will niemand Grenzen sprengen. Da freuen sich einfach nur drei ältere Herren daran, Lieder zu spielen, die sie mögen. Im besten Sinne: völlig ok, Boomer. Max Fellmann

Peter Licht - "Beton und Ibuprofen"

(Foto: Tapete Records)

Peter Licht geht es nicht gut. "Wir sind verloren. Wir fallen in die Tiefe. Wir tasten umher. Wie die Sterne am Tage. Wir Obdachlose of Pain." Lockdown-Depression? Nein, mit der Arbeit an seinem neuen Album "Beton und Ibuprofen" hat er schon vorher angefangen. Aber dann wurde halt alles immer noch schlimmer und immer noch trostloser. Schließlich hatte Licht elf Stücke zusammen, mal bodenlose Tristesse, mal vorsichtige Selbstaufmunterung. Er nennt sie "Rettungslieder". Musikalisch geht es in alle Richtungen gleichzeitig, himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt, Indie-Pop von zartem Gitarrenflirren bis zum Lärmausbruch, offen für alles, immer auch mit dem Mut zur Peinlichkeit. Das zieht manchmal etwas in den Mundwinkeln ("Beton ist schweres Thema"), wird an anderer Stelle dafür grandios, vor allem beim Medizin-Mantra "Ibuprofen" mit seinem stoischen Krautrock-Beat. Und manchmal gönnt er sich ironisch gebrochene Zuversicht, dann wird es fast hymnisch: "Die Technik wird uns retten", singt Peter Licht, "und die Liebe auch". Sehr gut gesagt. Warten auf den Impfstoff und unbedingt zusammenhalten: die Gegenwart in zwölf Silben. Max Fellmann

© SZ/biaz
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