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Alben der Woche:Trost vom befransten Jeansjacken-Ärmel

Das Albumcover hat's angedroht: Sterile Musik kommt von Ex-Spice-Girl Melanie C. Und Jon Bon Jovi glaubt zu wissen, was die Welt jetzt braucht: übersauber produzierte Umarmungen.

Von den SZ-Popkritikern

5 Bilder

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Quelle: SZ

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Aloe Blacc: All Love Everything (BMG)

Aloe Blacc kennt man als eine ziemlich gute Stimme des Revivals eines Genres namens Soul in den späten Nuller- und frühen Zehnerjahren. Oder aber von "Wake Me Up" 2013, einem dann doch eher fürchterlichen EDM-Folk-Track von Avicii, bei der nach anderthalb Minuten Blacc am Lagerfeuer die Autoscooter-Fanfaren donnern. Das ist jetzt aber auch schon wieder sieben Jahre her, und Aloe Blacc hat ein neues Werk namens "All Love Everything" (BMG Music) fertig gestellt. Und auch wenn darauf zwar nicht mehr die Fanfaren drohen, passiert leider doch etwas zu oft ähnlich fatales: Fängt ein Song wie "Family" zum Beispiel noch mit einem recht intelligenten Trio aus Rimshots, mit dem Handballen gedämpfter Gitarre und Blaccs nach wie vor sehr guter Stimme an, löst sich die rhythmisch gegenläufige Spannung in einem faden Gute-Laune-0815-Refrain mit "Despacito"-Harmonien auf, der auch, sagen wir, von Dieter Bohlen stammen könnte. Überhaupt scheint der Rückzug ins Private, das Durchhalten im schönen kleinen Familien-Glück ("Wherever You Go"), das man ihm natürlich gönnt, als die textlich offenbar einzige Inspiration dann doch eher dünn. Besonders eigenartig wird das beim Song "Harvard", wenn er sich selbst, immerhin ein Star mit einem Vermögen von ein paar Millionen Dollar, mit einer alleinerziehenden Single-Mutter mit zwei Jobs vergleicht und fragt: "Don't we all got issues?" Nun ja.

Quentin Lichtblau

cover

Quelle: SZ

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Hot Chip: Late Night Tales (Late Night Tales)

Ganz anders geht es auf der renommierten "Late Night Tales"-Serie des gleichnamigen britischen Labels zu. Hier dürfen bekannte Künstler jeweils ihre Version einer ultimativen Zuhause-Selektion für spätabends veröffentlichen, immer unter der Voraussetzung, dass sich darauf auch ein paar exklusive eigene Nummern befinden. Diese Ehre kommt nun den Londonder Indie-Elektro-Ikonen von Hot Chip zu: Die schielen in ihrer Mischung neben etwas zu kuscheligen Piano-Nummern von Nils Frahm ("Ode") oder Daniel Blumberg ("The Bomb") dann doch ein ganz wenig Richtung Tanzfläche. Zum Beispiel mit Suzanne Krafts "Femme Cosmic" oder Fever Rays "To The Moon And Back" oder dem dubbigen "King In My Empire" von Rhythm & Sound und Cornell Campbell. Obwohl das ganze stimmungsmäßig also durchaus in mehrere Richtungen und Epochen ausgreift, früher nannte man das mal "eklektisch", stimmt bei dieser Mischung aber doch auch ziemlich genau. Überragt wird alles allerdings von den eigenen Produktionen (etwa "Nothing's Changed"), vor allem dem absolut grandiosen Cover der Transgender-Ballade "Candy Says" von Velvet Underground. Und als ob das nicht reichen würde, liest der Vater von Hot-Chip-Sänger Alexis Taylor am Schluss noch aus "Finnegans Wake" von James Joyce vor - schon wieder so ein Rückgriff aufs Buch, ist das etwa ein Genre?

Quentin Lichtblau

Album '2020' von Bon Jovi

Quelle: dpa

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Bon Jovi: 2020 (Island Records)

Corona hat diesem Album gut getan. Eigentlich wäre "2020" (Island Records) von Bon Jovi schon im Mai erschienen, sollte ein bisschen über die Präsidentschaftswahl erzählen und würde seither durch die Mainstream-Radios dudeln. Aber Jon Bon Jovi schrieb im Homeoffice noch zwei Songs (über Corona und George Floyd) und hat es damit zu einer Platte gemacht, bei der sich Menschen gegenseitig ihre befransten Jeansjackenärmel auf die Schultern legen sollen. Denn diese Welt - singt er auf der Single "Do What You Can" - braucht trotz Social Distancing eine Umarmung. Der Trost ist natürlich blitzeblank produziert: sanft anschwellende Studiogeigen, zart gezupfte Banjos, voluminöse Chöre, die empathisch summen und so weiter und so weiter. Anders gesagt: Die ganze klassisch klebrige Epik aus ewigen E-Gitarren-Soli und großen versöhnlichen Botschaften. Wobei das eigentlich Schlimme ist, dass die Lage so düster ist, dass man das alles gar nicht so übel findet, wie man es täte, wenn die Lage nur ein bisschen besser wäre.

Marlene Knobloch

Melanie C - Fearless Album Melanie C

Quelle: Red Girl Media

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Melanie C: Melanie C (Red Girl Media)

Besonders schlechte Zeiten sind die Corona-Monate für die elektronische Musik. Clubs und Labels versuchen mit gestreamten DJ-Auftritten einigermaßen im Spiel zu bleiben, ein großes Clubsterben dürfte trotzdem bevorstehen. Nicht jeder hat schließlich wie Melanie Chisholm, die in den vergangenen Jahren als DJ durch die Diskotheken Großbritannien tourte, das Glück ein zweites Standbein als Ex-Spice-Girl zu haben. Zieht man den alten Ruhm ab, bleibt auf dem selbstbetitelten achten Album von "Sporty Spice" allerdings kaum mehr übrig als fader Elektro-Pop. In den Strophen geht es hier und da noch angenehm düster zu, doch spätestens in den Refrains verlässt die Produktionen verlässlich der Mut. Dann klingt das Album wieder so steril, wie es das Cover vermuten lässt.

Moritz Fehrle

Rockband Bon Jovi

Quelle: Ian West/dpa

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Sollen sich doch mal alle versöhnen, ja? Findet zumindest Jon Bon Jovi und spendiert Umarmungen auf dem neuen Album.

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