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Alben der Woche:So viel Talent - und dann doch wieder nur Uhren, Autos und Koks

Haftbefehl verschwendet sein Potenzial an Gangsta-Blabla, "Run The Jewels" gelingt ein Anti-Rassismus-Epos. Auch Florian Silbereisen und Thomas Anders haben ein Album. Es heißt "Das Album".

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Glenn Danzig - "Danzig Sings Elvis"

Dass Glenn Danzig sich eines Tages mal ein ganzes Album mit Elvis-Songs gönnen wird, darauf hätte man kommen können. Von seinen Fans wird der Mitgründer der legendären Misfits als "Evil Elvis" verehrt, mit seinem düsteren Bariton hat er immer wieder den King zitiert, mal behutsam, mal holzhammerdeutlich. Auf dem Album "Danzig Sings Elvis" lässt er Punk und Lärm weg und präsentiert Hits wie "Fever" und "Always On My Mind", dazu weniger gängige Songs wie "Lonely Blue Boy" oder "Like A Baby". Danzig bemüht sich nicht groß um Neuinterpretation, das sind alles einfach Verbeugungen vor Elvis, ganz geradeaus. Einerseits rührend, man merkt in jedem Ton, da hat sich einer einen Lebenstraum erfüllt. Andererseits stolpert Danzig immer wieder ins unfreiwillig Komische: Die hohen Töne jault er, die Begleitung rumpumbelt schwunglos dahin. Früher lag der Witz darin, dass Danzig die Elvis-Anleihen mit dröhnender Wucht kombinierte. So aber bleibt meistens nur düsteres Gesäusel. Das Ganze hat einen gewissen geisterhaften Charme, aber eher den einer Geisterbahn, an der die Farbe abblättert.

Max Fellmann

Run The Jewels -  'RTJ4'

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Run The Jewels - "RTJ4"

"RTJ4" als Album der Stunde, den Soundtrack zu den US-Unruhen zu bezeichnen, bietet sich bei Zeilen wie dieser durchaus an:"You so numb you watch the cops choke out a man like me / Until my voice goes from a shriek to a whispered 'I can't breathe'". Dass hier einiges zur aktuellen Lage passt, ist aber letztendlich nur Ausdruck der traurigen Kontinuität rassistischer Gewalt in den USA - und der tatsache, dass das Duo Run The Jewels die schon seit Jahren begleitet.

Von Rassismus und Unterdrückung im Amerika Donald Trumps als thematischem Rahmen mal abgesehen ist "RTJ4" ein überaus facettenreiches Album geworden, geschaffen von zwei Menschen jenseits der 40, die den Rapmusik in all ihren Schattierungen von N.W.A. bis Trap mitverfolgt haben: Auf "JU$T" trifft Pharell Williams auf den weiterhin zorngetränkten Rage-Against-The-Machine-Sänger Zack de la Rocha, die abwechselnd dazu auffordern, sich all die Sklavenhalter auf den Dollarscheinen anzusehen. Auf "Ooh lala" schaut zu sehr fein verstaubten MPC-Samplerbeats der alten Schule die Legende DJ Premier vorbei. Und auf "Pulling The Pin" verschmilzt die Gitarre von Stonerocker Josh Homme mit der Soulstimme von Mavis Staples. Zwischen all den Gast-Auftritten überbieten sich El-P und Killer Mike mit Sprachgewalt, dem alten Eh-schon-alles-egal-Humor der frühen Alben, aber eben auch mit der akuten Wut und Verzweiflung, die dieses Album so gegenwärtig macht.

Quentin Lichtblau

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Shaw & Grossfeldt - "Klavier"

Wenn man die Klavier-Miniaturen von Hauschka genauso gern mag wie den Minimal-Dub von Basic Channel, und auf einmal kommt ein Album daher, das beworben wird als "combining the prepared piano minimalism of Hauschka with Basic Channel style dub techno", dann: Hurra! Das Album "Klavier" ist ein Gemeinschaftsprojekt des Elektro-Tüftlers Jas Shaw (Simian Mobile Disco) und des Kölner Kunststudenten Bas Grossfeldt. Die beiden entdeckten gemeinsam die Möglichkeiten des Yamaha-Disklaviers - das ist ein echtes Klavier, das sich durch elektronische Sensoren mit einem Computer verbinden lässt. Einer spielte das Klavier per Software, der andere manipulierte es parallel durch Dämpfung der Saiten, Betätigen der Pedale usw. Herausgekommen sind sieben Stücke mit lustig minimalistischen Titeln, die sich aus der Lautstärkenangabe ableiten, wie "Klavier fff" (laut) und "Klavier mp" (eher leise). Die Beats, die sie daruntergelegt haben, hätte es nicht unbedingt gebraucht, die Klangwolken und Stottertöne des Klaviers allein wären spannend genug. Aber so ist das Ganze auch noch sehr kopfnickbar.

Max Fellmann

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Thomas Anders & Florian Silbereisen - "Das Album"

And now for something completely different: Thomas Anders und Florian Silbereisen haben ein Album zusammen aufgenommen. Es heißt "Das Album". Schlager-Überdosis mit Ballermann-Tendenz. Selbst wenn man sich vornimmt, nicht zu lachen, sie machen es einem nicht leicht. Schon die ersten drei Lieder sind von Rhythmus, Melodie und Aufbau quasi ein- und dasselbe - und heißen dann auch noch: "Sie sagte doch sie liebt mich", "Sie hat es wieder getan" und "Sie ist wieder da". Wie soll man die 187 Witze sortieren, die einem da automatisch durch den Kopf jagen? Lieber ein ganz ernst gemeinter Gedanke zu Anders' samtenem Gesang: Wenn der Mann mal alt und weißhaarig ist, soll er bitte alle mit einem sauberen Chanson-Album verblüffen. Er könnte das.

Max Fellmann

Rapper Haftbefehl - 'Das weiße Album'

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Haftbefehl - "Das Weiße Album"

Quasi-höchste Daseinsform im Pop: Künstler mit Signature-Sound. Ein Strat-Solo von David Gilmour zum Beispiel, ein paar Klavier-Akkorde von Elton John, ein "Hi-Hiiii" oder "Ooooh" von Michael Jackson. Wenige Töne, Unverkennbarkeit. Bei Haftbefehl ist es das nasal hingerotzte "Aaahh", das er fast immer vor seine Strophen stellt. Ein faszinierendes Geräusch - ein Drittel Verzweiflung, zwei Drittel Überheblichkeit. Jan Böhmermann kann es gut imitieren, und wenn die besonders schlauen Bubis dich nachäffen, hast du's als glaubwürdiger Rapper ja geschafft. Pop-Olymp - irgendwo in Offenbach. Hätte vor ein paar Jahren auch keiner Gedacht. Und jetzt also "Das Weiße Album", was beides ist: Beatles-Referenz-Größenwahn - aber leider auch (es ist natürlich hauptsächliche eine Drogenmetapher) ärgerliche Talentverschwendung. Haftbefehls irre Kraft, die vor allem aus dem einen Drittel Verzweiflung schöpft, ist noch da. Die Welt, aus der er herausbrüllt, fühlt sich noch immer kalt und berückend an. "Ich steh mit Rücken an der Wand /Hand an mei'm Schwanz / Andere am Ballermann / Ganzer Körper angespannt". Befreiungs-Lyrik über beklemmende Beats. Ein gewaltiges Anschreien gegen die Enge der Gesellschaft. Und dann ist die Erlösung aber leider doch wieder nur die blödeste Form der Kapitalismus-Hörigkeit: aggressiv ausgestellter Reichtum. So viel Talent - und dann doch wieder nur Uhren, Autos und Koks.

Jakob Biazza

Rapper Haftbefehl

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Mit Rücken an der Wand? Mit Rücken am Ledersitz! Haftbefehl veröffentlicht "Das Weiße Album".

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