Alben der Woche:Das Herz, ein unzerstörbares Gummiobjekt

Foy Vance Pressefotos

"Gimme the hair of the dog that bit me": der nordirische Singer-Songwriter Foy Vance.

(Foto: Babysweet/Warner Music)

Waghalsiger Folk-Pop von Someone. Und dazu: die vorpandemischen Depressionen von Homeshake, Foy Vances Drogenentzug, Liebesleid von Saint Etienne und eine der besten Bands der Welt.

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Someone - "Shapeshifter" (Tiny Tiger Records)

Die Waghalsigkeit der Woche kommt von Tessa Rose Jackson, genannt Someone. Was erst einmal überraschen mag, weil sie ganz seidenweichen Folk-Pop macht, geschmackssicher und gerade mit soviel Psychedelic-Microdosing in Form von Hallschwaden und halbwachen Vocals versehen, dass es einem ein leicht debiles Lächeln ins Gesicht malt. Was also hat sie getan? Etwas Unaussprechliches. Aber wir holen kurz Luft und sagen es, so schwer es fällt: Sie hat "Blowing in the Wind" gecovert. Und zwar ganz traditionell mit Fingerpicking. Sollte sich dahinter eine sadistische Neigung verbergen, hätten wir einen Tipp fürs kommende Album: "Morning Has Broken". Aber das bisschen perverse Folter macht "Shapeshifter" (Tiny Tiger Records/Warner/ADA) natürlich nicht weniger lieblich und gekonnt. Deshalb nur noch ein kurzer Hinweis an Promotextautoren: Keine debütierende Musikerin - wirklich nobody, also auch nicht Someone - hat es verdient, mit einem halben Dutzend berühmter Kollegen verglichen zu werden, bevor sie nicht wenigstens die Chance hatte, ihren eigenen Stil zu zeigen. An dem arbeitet die niederländisch-britische Singer-Songwriterin nämlich durchaus, wie gerade der letzte und titelgebende Track "Shapeshifter" zeigt, der den introvertierten Sound mit einem nervösen Bass-Drive versieht, ins Orchestrale weitet und in einer expressiven Coda ausklingen lässt. Juliane Liebert

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Foy Vance - "Signs of Life" (Warner Music)

Feines Konzept: Ein Trennungssong, schablonenhaft, phrasig fast - auf den ersten Blick. "You no longer make me happy / You no longer make me smile / You've taken everything, that's good within me". Du machst mich nicht mehr glücklich. Kein Lächeln. Alles Gute ausgesaugt. Dieser Kram. Feine, rotstichige, nordirische Trauer in der knarzigen, strahlenden Folk-Stimme. Darunter tranige, traurige Harmonien. Und dann aber die Wendung: "Gimme the hair of the dog that bit me". Konterhalbe, würde man in Bayern sagen. Reparaturseidl in Österreich. Jedenfalls: Sanft landen. Saufen, um das Elend nach dem Saufen zu lindern. Irgendwann nahm der Sänger und Songwriter Foy Vance dann dazu Schmerztabletten. Aspirin vermutlich erst. Und dann eben irgendwann Zeug, das bei einem ehrlichen irischen Hangover zumindest ein bisschen was bringt. Irgendwann ging es dann nicht mehr ohne Codein. Also kalter Entzug. Ein paar Tage durchkotzen. Und dann, es gab ja Corona, was soll man sonst tun, wieder ein Album. Das ist nun erschienen. "Signs of Life" heißt es. Ein Entzugsalbum irgendwie, das schon. Trennung von den Drogen. Und wohl auch ein Stück Pandemie-Musik, introvertiert im Angang, auf sich zurückgeworfen (Vance spielte fast alle Instrumente selbst), die Stimmung stark gedimmt. Aber auch: Aufbruch, Hoffnung, wunderschöne Klavier-Voicings, wuchtig hingepatschte Drums, ganz exakt gesetzte Gitarren, große, seelenreinigende Chöre, irgendwo zwischen Gospel, gregorianischem Choral und Sea Shanty. Anspieltipps: der Titelsong, oder "It Ain't Over". Bei letzterem geht es, hoffentlich, wirklich um eine Liebesbeziehung. Jakob Biazza

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Homeshake - "Under The Weather" (Sinderlyn/Cargo)

Ansonsten gibt es neue Musik von Peter Sager. Peter Sager, genannt Homeshake, war auch vor der Pandemie schon viel zu Hause. Daher vermutlich sein Alias (nicht über den Scharfsinn wundern, Popkolumnenautorinnen sind darauf trainiert, selbst feinste Anspielungen zu erkennen). "Under The Weather" (Sinderlyn/Cargo) - eine englische Redewendung für "nicht ganz fit sein" - musikalisiert demnach auch keinen Lockdown-Koller, sondern Peter Sagers ganz ureigene Depression. Die klingt wie ein erschöpfter Devonté Hynes (aka Blood Orange), also wie synthverglitzerter Soul mit weichen Knien. Das ist überraschenderweise ziemlich schön. Was auch für sein Video zum Song "Vacuum" gilt, in dem eine eierköpfige Figur mit knetigen, roten Lippen trübsinnig durch eine neonfarbene Zukunftsstadt im "Blade Runner"-Stil stapft. Juliane Liebert

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Low - "Hey What" (Sub Pop)

Nach "Blade Runner" im weitesten Sinne klingt auch "Hey What" von Low. Low sind sowieso eine der besten Bands dieses Planeten, wie man schon vorher unschwer an ihrem Cover von "Last Night I Dreamt That Somebody Loved Me" erkennen konnte. Einen Smiths-Song so zu covern, dass man nicht lieber das Original hören möchte, ist ein Kunststück für sich. Wobei: Inzwischen ist man ja sehr froh, wenn man Morrisseys Songs ohne Morrissey hören kann. Ihr neues Album beginnt mit dem Track "White Horses", und der geneigte Zuhörer bemerkt sofort die weißen Pferde, die durch den Gitarrenlärm jagen. Eine wilde Jagd, nicht wie die Band, sondern wie die wilde Jagd aus der Volkssage, die als Vorbote von Kriegen, Pest und generellem Unheil galt und die Seelen von Schlafenden mitzieht. Das tut "Hey What" mit seinen Soundscapes, hypnotischen Stimmen und sich überlagerndem, fein justiertem Krach auf jeden Fall. Juliane Liebert

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Saint Etienne - "I've Been Trying To Tell You" (Pias)

Wem das zu düster ist, der kann sich stattdessen auch Saint Etienne hingeben. Die Band dürfte seit ihrem "Only Love Can Break Your Heart"-Cover jedem bekannt sein, der schonmal Liebeskummer hatte. "I've Been Trying To Tell You" ist ihr siebtes Studioalbum und zugleich ein Filmprojekt. In ihm beschwören sie die Neunziger herauf. Und sie nehmen sich Zeit damit, lassen die Welt, in der man noch Röhren- statt Flatscreenfernseher hatten, in warmen Klangfarben allmählich aufglühen. Das Herz ist hier schon so oft gebrochen und wieder zusammengeknetet worden, dass es eine Art unzerstörbares Gummiobjekt geworden ist, das man wie einen Flummi in Zeitlupe durch den Pop-Raum hüpfen sieht. Die wilde Jagd kann einen, solange man diese Musik spielt, auf jeden Fall nicht aus den eigenen Träumen rauben. Juliane Liebert

© SZ/biaz
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