Alben der Woche:"Baby, ich kann nicht aufhören zu weinen"

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(Foto: Michael Marcelle)

"Arcade Fire" kämpfen ganz locker mit Zweifeln und Beklemmungen, "Warpaint" drosseln die Experimente. Und immerhin bei Emeli Sandé ist endlich Sommer.

Von SZ-Popkritikern

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Warpaint - "Radiate Like This"

Die vier Musikerinnen von Warpaint werden seit Jahren für ihren psychedelischen Art-Pop gefeiert, der zwar immer spannend ist, aber manchmal auch ein bisschen anstrengend sein kann. Auf ihrem vierten Album "Radiate Like This" (Virgin) drosseln sie jetzt die Experimente. Vielleicht vertrauen sie ihren Songs mehr. Kaum Rhythmus-Gehacke, kaum Echo-Orgien, die Instrumentierung lässt viel Luft. Oft ist da nur ein verhaltener Beat, über dem die Stimmen schweben, als seien sie auf der Suche nach etwas zum Festhalten. Brauchen sie aber gar nicht. Alles ist Klang, so weich und sanft wie Federgras im Frühlingswind. Das britische Magazin Mojo sprach von einem "downbeat triumph", eine Verehrerin der Band schrieb auf Youtube unter das Video zur neuen Single "Champion": "A sweet return to an inner tranquil home". Süße Rückkehr in ein inneres, ruhiges Zuhause. Das trifft es sehr gut. Max Fellmann

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Pink Mountaintops - "Peacock Pools"

Geht es eigentlich vielen Menschen so, dass sie oft voll Spannung Begleittexte zu einer Ausstellung lesen, dann aber ziemlich enttäuscht sind von der Kunst? Die Vorfreu-Bilder im Kopf sind halt mitunter viel aufregender als die realen an der Wand. Die kanadische Indie-Rock-Band Pink Mountaintops hat eine kleine Liste erstellt mit den Einflüssen, die ihr neues Album "Peacock Pools" (ATO Records) prägen sollen: "Kulturelle Artefakte, David Cronenbergs Sci-Fi Werke, frühe Pink Floyd-Alben und John-Carpenter-Filme sowie auch ein 1991 erschienenes Essay der Feministin Camille Paglia über den Kult des Bodybuildings." Wow, her damit! Aber die Ausstellung, pardon, das Album lässt sich dann anders an - eher Indie-Pop der späten 80er-Jahre, ein bisschen Stone Roses und die Art britischer Vorstadt-Romantik, bei der einem automatisch ausgetretene Doc Martens an die Füße wachsen. Macht aber nichts, ist trotzdem gut und punktet mit ein paar schönen Melodien. Immerhin, ein ganz kleines bisschen frühe Pink Floyd findet sich tatsächlich, wenn man sehr genau hinhört. Und die Bodybuilding-Thesen kommen gegen Ende tatsächlich noch - der Song heißt der Einfachheit halber "Muscles". Max Fellmann

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(Foto: dpa)

Arcade Fire - "WE"

Allein der Song "Age of Anxiety"! Ein Zeitgeiststück, wunderschön, verträumt und traurig. Dabei voller Zweife. Ein hallendes und mal wieder fast überforderndes Erlebnis. "Baby, I can't stop crying", singt Arcade Fire-Frontmann Win Butler. Ruhige Klavierakkorde, zurückhaltende Bassdrum. Ein insgesamt nachdenklicher, vergrübelter Einstieg ins neue Album. Tolle Zeile: "It's an age of doubt and I doubt we'll figure it out / Is it you or is it me, each of anxiety". Mit "WE" (Sony Music) veröffentlicht die Band sieben intensive Songs, die sich von dort aus viel Zeit nehmen, um sich zu entfalten. Manchmal neun Minuten. Oft starten die Kanadier minimalistisch - sanfte Intros, hingetupfte Gitarren, klarer Gesang. Aber dann: immer mehr synthetische Beats, die den Arcade-Fire-Sound flimmernd neu aufsetzen. Jede Menge Echo. Große Streicher. Und viel Atem, als müsse Arcade Fire sich davon erstmal erholen. Eva Goldbach

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Waldeck - 20 dope noir years

Wie stehts eigentlich mit dem Wort "angenehm"? Darf man Musik angenehm nennen? Oder beschimpft man sie damit versehentlich als minderwertig, gefällig, Hintergrund? Der Wiener Klaus Waldeck macht (ohne seinen Vornamen) seit 30 Jahren ausgesprochen angenehme Musik, und das ist hier völlig positiv gemeint. Anfang der 90er-Jahre bewegte er sich im Kruder & Dorfmeister-Dunstkreis (jaja, auch da ständig die Angenehm-Frage). Später gründete er sein eigenes Label Dope Noir und veröffentlichte Alben verschiedener Bands und Projekte wie Waldeck Sextet, Soul Goodman und Saint Privat - hinter denen aber immer er selbst steckte. Ein lustiges Rollenspiel zwischen Downbeat, Electro-Swing und Chanson. Zwischen Computer-Bastelei und liebevoll live gespieltem Easy-Listening-Jazz. Dafür, dass diese Art von Musik in der Zwischenzeit sehr vehement ihren Weg in die Werbung gefunden hat, kann Herr Waldeck nichts. Sie schafft eben ein gewisses Wohlgefühl. Was wäre dagegen einzuwenden? Zum 20. Geburtstag seines Labels hat der multiple Mann jetzt eine Werkschau zusammengestellt: 32 Stücke auf einem Doppelalbum. Mal tanzbar, mal zurückgelehnt, in perfekter Dosierung zwischen melancholisch und freudvoll. Kann man exakt so durchlaufen lassen. Mit einem Wort: angenehm. Max Fellmann

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C Duncan - "Alluvium"

Wenn die Bild-Zeitung von irgendetwas nichts mitbekommen hat, von dem die meisten anderen wussten, schreibt sie gern von "geheimen" Machenschaften (die geheime Hochzeit von X, der geheime Vereinswechsel von Y). Die Entsprechung hier wäre eine Hymne auf den "Geheimtipp" C Duncan: Der schottische Sanft-Popper ist eine echte Entdeckung. Vielleicht aber auch nur in dieser Kolumne, und alle anderen wussten es längst. Der Mann hat immerhin schon drei Alben veröffentlicht, seine Songs werden in englischen Fernsehserien verwendet und überhaupt. Sein neues, viertes Album heißt "Alluvium" (Bella Union) und ist, um es einfach mal geradeaus zu sagen, absolut wunderbar. Popsongs wie Seifenblasen, zart flirrend im Gegenlicht, Melodien, hingemalt wie mit den Farbkästen von Brian Wilson und Burt Bacharach. Duncan haucht 14 Songs, die einen emporheben können, mitnehmen auf einen kleinen Flug durch die Wolken, während von unten Scott Walker und Rufus Wainwright raufwinken. Übrigens: Aufgenommen hat Duncan dieses kleine große Wunderwerk ganz allein. Nur auf "The Wedding Song" hat er zwei klassische Musiker als Gäste: seine Eltern. Ist das nicht rührend? Ist das nicht schön? Max Fellmann

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(Foto: Label)

Emeli Sandé - "Let's Say For Instance"

Immerhin bei Emeli Sandé ist schon Sommer. Genau genommen ist es das für sie offenbar immer, wenn der geliebte Mensch da ist ("It's always summer, everytime you come over"), aber mit Blick aus dem Fenster macht einem das gerade ja trotzdem Hoffnung. Auch der Rest auf "Let's Say For Instance" (Chrysalis) ist schwül und ein bisschen wolkig - Soul, Jazz, ein paar getragene Saxofon-Passagen. Ganz stabiler Groove die meiste Zeit. Dazu dreiviertel-große Refrains, schnittige Chöre und wenige Überraschungen. In Summe vielleicht ein kleines Bisschen egal - aber in lauschig. Eva Goldbach

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