Alben der Woche:Eine feministische Version von Coldplay

Moaning Lisa verbinden das ganz große Gefühl mit rauem, lärmigem Rock. Und Neneh Cherry will den Wahnsinn unserer Zeit hinter sich lassen.

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Moaning Lisa - "Do You Know Enough?" (Hysterical Records)

Moaning Lisa

Quelle: Hysterical Records

Als in den Neunzigern Frauen endlich Gleichberechtigung in der kratzigeren Independent-Gitarrenmusik einforderten, nannten sie sich selbst Riot Grrrls - als Reclaiming einer dämlichen Fremdbezeichnung. Bis heute viel zu wenig gewürdigt werden Team Dresch, die mit "Don't Try Suicide" eines der schönsten Liebeslieder der Neunziger Jahre geschrieben haben. Das Revival dieser Musik klingt wie frisch aus dieser Zeit importiert. Ein wenig trifft das auch auf Moaning Lisa und ihre EP "Do You Know Enough?" (Hysterical Records) zu, aber etwas unterscheidet sie von ihren Kolleginnen: der Einfallsreichtum ihrer Melodien, die stilistische Vielfalt ihrer Songideen. Das Ganze ist weniger Lofi als ihrerzeit Team Dresch, mehr auf die große Pop-Apotheose hin produziert, wodurch allerdings auch die Retrofalle vermieden wird. In "Carrie (I want a Girl)" gibt eine trocken taumelnde Rhythmusgitarre den Einstieg, dann folgt der Vers mit schnarrendem Bass, "I wanna girl who is an activist" und "I wanna girl who is all mine" singen sie, bis der Song in den großartigen Zeilen gipfelt: "Give me a Kim Deal, a Courtney Barnett! / A Florence Welch, an Annie Clark! / Give me an Ellen Page, an Ellen DeGeneres! / Give me, give me, give me a Carrie Brownstein!" Gerahmt wird das von fast singenden Sologitarren, Feedback, dem ganz großen Gefühl, aber immer auch rauem, organischem, lärmigem Rock. Wenn man die EP gehört hat, sieht man zwei mögliche Zukünfte für Moaning Lisa: Entweder sie werden die würdigen Nachfolgerinnen von Team Dresch. Oder eine feministische Version von Coldplay. Hoffen wir das Beste.

Juliane Liebert

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Neneh Cherry - "Broken Politics" (Smalltown Supersound)

Neneh Cherry

Quelle: Smalltown Supersound

Bei diesem Album sollte man die Skip-Automatik gleich so einstellen, dass Track 5 immer automatisch übersprungen wird. Denn subtrahiert man "Deep Vain Thrombosis" (ja, tatsächlich: ein viereinhalbminütiger Song über eine tiefe Venenthrombose und die Schmerzen, aua!), dann ist das neue Album von Neneh Cherry, "Broken Politics" (Smalltown Supersound), ganz wunderbar. Die Songs heißen "Slow Release", "Faster Than the Truth" oder "Synchronised Devotion", in letzterem lautet der Refrain: "It's my politics living in a slow jam". Es geht um Geschwindigkeit, oder vielmehr: ums Auf-die-Bremse-Treten. Die schwedische Sängerin, Rapperin, Spät-Achtziger-Legende ("Buffalo Stance"), Stil-Ikone und hipste Pop-Großmutter aller Zeiten beschäftigt sich mit der Frage, inwiefern Sehnsucht nach Entschleunigung nicht einfach nur blöder Landlust-Eskapismus sein kann. Sondern aktiver, wirksamer Widerstand gegen die aktuellen Rasereien von Politik und Populismus. Die musikalische Antwort, die sie mit ihrem Produzenten Kieran Hebden alias Four Tet gefunden hat: dubbig verhallte Downtempo-Beats, die gar nicht so sehr nach den Neunzigerjahren klingen und mit klirrenden Sounds wie Harfe oder Glockenspiel kombiniert sind. Cherry lässt sie in Motiven, die häufig wie gegen den Beat gesetzt klingen, um ihre Stream-of-consciousness-Lyrics herumzirkeln. Aus "Faster Than the Truth" lässt sich der legendär verstolperte Drum-Groove aus "50 Ways to Leave Your Lover" von Simon & Garfunkel heraushören. Er ist (nachgespielt, nicht gesampelt) auf tiefstes Bass-Böllern geschnallt und passt ganz ausgezeichnet dazu, dass Cherry hier eben nicht eine Liebesbeziehung, sondern, allgemeiner und politischer: den Wahnsinn unserer Zeit hinter sich lassen will.

Jan Kedves

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Cave - "Allways" (Drag City)

Cave

Quelle: Drag City

Das neue Album der psychedelischen Droneband Cave heißt "Allways" (Drag City), kein Tippfehler. Im Auftakt starkes Aroma von Kraut, verfeinert mit trockenem Funk, einige fast zappaeske Melodiefloskeln zur Deko. Es hinterlässt die Anmutung eines "Ocean's Eleven"-Soundtracks. Ein wenig denkt man auch an jene Szene aus "Frantic" von Roman Polanski, in der Harrison Ford im Schatten der Freiheitsstatue auf einem Hausboot aufwacht und in eine jammende Funkband stolpert. Die kunstfertig variierte rhythmisierte Monotonie weckt auf jeden Fall schlummernde Tanzbedürfnisse. "Aharaha" dreht sich in mittlerem Tempo brummelnd um sich selbst. Hippierockige Gitarren quäken dazwischen. Das ist manchmal erhellend, manchmal fühlt man sich auch in einer Krautrockzeitschleife gefangen, als hätte man diese Musik schon in hundert aus den Siebzigerjahren stammenden Varianten gehört. Bevor das allerdings wirklich ermüden kann, ist es auch schon wieder vorbei. An einem schönen Sommerherbsttag würde man gerne mit einem erfrischenden Drink mit Cave im Proberaum sitzen und sie einen einzigen einstündigen Track spielen lassen. Vorausgesetzt, der Raum hat Fenster mit Blick auf die Skyline.

Juliane Liebert

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Tamino - "Amir" (Communion Records)

Tamino

Quelle: Communion Records

"Amir" (Communion Records), das Debütalbum von Tamino, einem klassisch ausgebildeten Sänger, Gitarristen und Pianisten, könnte in seiner Dramatik und Großgestik ganz klassischer White-Boy-Theater-Pop sein, von der Spielart eines Konstantin Gropper zum Beispiel. Schwarz und samtig sind die Tiefen ausgekleidet, die Höhen flehen sanft der Erlösung entgegen. Könnte. Wenn da nicht dieses feine Schlingern und Schwingen wäre, in das der junge Mann mit belgischen, ägyptischen und libanesischen Wurzeln jeden seiner Songs versetzt. Zu Beginn von "So It Goes" dröhnen Breitwand-Streicher wie aus "Lawrence of Arabia", auf "Habibi" grummelt eine einsame Gitarre in der Dunkelheit, Tamino lässt seine Stimme immer wieder in arabische Tonvariationen abtauchen. So klänge Nick Cave, wäre er nicht im australischen Hinterland geboren, sondern im Libanon. Jonny Greenwood hat als Produzent auf "Amir" Hand angelegt, man merkt das, "Each Time" klingt wie ein arabeskes Radiohead-Outtake. Dem oft schwulstschweren Genre Kammerpop zeigt Tamino die Grenzen auf - und darüber hinaus.

Julian Dörr

© SZ.de/doer
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