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Alben der Woche:Ein Wesen, gebaut aus reinem Licht und Hybris

Dieter Bohlen klingt wie ein sehr alter Hirtenhund mit Asthma. Dazu: Neues von "Trash Kit" und "Die Kerzen".

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Die Kerzen - "True Love" (Staatsakt)

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Quelle: SZ

Die deutsche Band Die Kerzen veröffentlichen ihr Debütalbum "True Love" (Staatsakt). Retrokuschelfunk, bei dem man sich fragt: "Sind das die Pet Shop Boys auf deutsch?" Aber dann sind die Kerzen doch ironischer. Sie machen New Romantic, geben ihm aber durch übertrieben genaue Erfüllung der Form, leichte Variationen bei der Instrumentierung und durch schön verschrobene Texte einen neuen Dreh, so dass sich Fremdheit und Vertrautheit überlagern. Am Ende hört man trotzdem Achtziger-Synths, Achtziger-Melodien, Achtziger-Drums und Achtziger-Gesang mit all seiner fahlen Empfindsamkeit. Nur dass eine Pose, die aus der Zeit gefallen ist, immer im stillen Ozean der Ironie landet. Mal mit elegantem Kopfsprung, manchmal auch als Arschbombe. Naja, immerhin kann man derzeit wirklich jede Erfrischung brauchen.

Juliane Liebert

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The Soft Cavalry (Pias/Bella Union)

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Quelle: SZ

Rachel Goswell, bekannt von Slowdive, veröffentlicht gemeinsam mit ihrem Ehemann als The Soft Cavalry ein unbetiteltes Dream-Pop-Album (Pias/Bella Union) mit unheimlichem Touch. Träumerische Hallflächen, sanfter Gesang, Gitarrenakkorde aus dem Indiepop-Baukasten. Bei "Dive" knurrt am Ende fast noch eine Rockhymne aus dem einlullenden Gesäusel des Edelpops. In "Bulletproof" kontrastiert ein kalter Maschinenbeat ein melancholisch kreiselndes E-Gitarren-Motiv, das auch aus einem älteren Cat-Power-Song stammen könnte. Im Video führen die beiden Bandmitglieder in schwarz-weiß vor schwarzem Hintergrund mit ausdrucksloser Miene Gebärdensprache vor. Musik zwischen Tagtraum, Verletzlichkeit und Gruselgraben. Dabei aber doch auch sehr eingängig. Matt leuchtende, feinstrukturierte Popminiaturen mit feinen kalten Stacheln. Wie das wohl als Eissorte hieße?

Juliane Liebert

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Dieter Bohlen - "Dieter feat. Bohlen - Das Mega Album!" (Sony Music Catalog)

Dieter Bohlen - 'Dieter Feat. Bohlen'

Quelle: dpa

Dies ist eine Verneigung: "Dieter feat. Bohlen" (Sony Music Catalog) ist ein Album, das hauptsächlich aus Neuversionen alter Bohlen-Hits besteht. Sie fühlen sich an, als habe man das Emotionszentrum von Bret Easton Ellis - also eine mit Trockeneis ausgekleidete Kühlkammer - in eine KI eingespeist, die die Kosten-Nutzen-Tabellen eines Lehman-Brothers-Bankers befüllt und anschließend in Musik umgewandelt hat. Dieter Bohlen singt sie selbst. Er klingt dabei trotz Auto-Tune wie ein unzulänglich beatmeter, sehr alter Hirtenhund mit Asthma. Es ist ihm egal. Er hat längst eine höhere Evolutionsstufe erreicht: ein Wesen, gebaut aus reinem Licht, Hybris und Kalkül. Er ist unverwundbar. Das Album trägt den Untertitel "Das Mega Album!".

Jakob Biazza

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Trash Kit - "Horizon" (Upset The Rhythm)

Trash Kit - "Horizon" (Upset The Rhythm)

Quelle: Upset The Rhythm

Trash Kit, drei Musikerinnen aus London, stellen die Hierarchie der Instrumente auf den Kopf und gewinnen dem alten Post Punk so wirklich noch etwas ab: Das Schlagzeug ist hier zum Beispiel nicht einfach zackiger Begleiter, sondern fast schon Lead-Instrument ("Coasting"), die Stimme serviert dafür eher Stichwörter als Lyrics. Dazu kommt etwas Polyrhythmik und ein paar Ethio-Jazz-Bläser-Tupfer ("Horizon"). Aber gerade, wenn alles allzu ziellos improvisiert erscheint, gibt's einen abrupten Bruch, eine plötzliche Wendung - und die Tightness des Post Punk ist doch wieder da.

Quentin Lichtblau

© sz.de/crab

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