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Alben der Woche:Der Soundtrack zur Politik der Neuen Rechten

Die Dampfstrahl-Punkrocker Frei.Wild liefern hässliche Hölzchen, über die Freund und Feind springen dürfen. Außerdem: ein paar neue beste Zeilen aller Zeiten von Kreisky.

The Decemberists - "I'll Be Your Girl" (Rough Trade)

Colin Patrick Henry Meloy, Frontmann und Sänger der Indie-Folk-Rock-Band The Decemberists ist ein furchtloser Mann. Viele Alben lang hat er seine multiinstrumental begabte Zirkustruppe mehr oder weniger geschmackssicher durch dickensianische Räuberpistölchen oder pompöse Folk-Rock-Opern gelotst. Weil aber der Pop auch für einen Mann mit großer Vorliebe für viktorianische Literatur keine Ausnahme macht und es deshalb immer weiter nach vorne gehen muss, hat Meloy den Sound der Decemberists auf dem neuen Album "I'll Be Your Girl" (Rough Trade) ein gutes Stück weitergedreht. Gleich die erste Nummer "Once In My Life" wandelt sich von klassischer Folkschrummelei zur New-Order-Tanzparty und wieder zurück. Dass Meloy seine herrlich manieriert-antiquierte Lyrik jetzt mit Synthiewölkchen und brutzelnden Glam-Gitarren umgibt, ändert aber nichts an der Tatsache, dass hier einer immer noch die schönsten Seeräubermären seit Bertolt Brecht erzählt.

Julian Dörr

Frei.Wild - "Rivalen und Rebellen" (Rookies & Kings)

Ja, es ist wieder einmal so weit: Es gibt mit "Rivalen und Rebellen" (Rookies & Kings) ein neues, zwölftes Album der Südtiroler Dampfstrahl-Punkrock-Band Frei.Wild, die gerne mit allerlei Völkisch-chauvinistisch-nationalistischem herumzündelt, aber dann noch nicht rechts sein will, sondern einfach dagegen. Also gegen den Mainstream und seine "Systemmarionetten", die die Band und ihre Anhänger angeblich nicht so sein lassen wollen, wie sie am Ende aber doch sind. Das hässliche Hölzchen, über das die Freunde und Feinde diesmal springen dürfen, heißt "Geartete Künste hatten wir schon" und ist der Soundtrack zur Metapolitik der Neuen Rechten, bei der es im Kern ja nie um die Sachen selbst geht, sondern immer nur darum, dass alle anderen ewig "im Gleichstrom" schwimmen und die "wahren Rebellen" nur sie selbst seien. Musik zur Zeit in ihrer gruseligsten Form, die in den deutschen Mainstream-Pop-Charts ganz weit oben landen wird, sehr wahrscheinlich sogar auf dem ersten Platz, wie seit 2012 allein drei der vier letzten Alben der Band.

Jens-Christian Rabe

Kreisky - "Blitz" (Wohnzimmer Records)

Es gibt aber auch gute Nachrichten im Pop in dieser Woche, sehr gute sogar, ein perfektes Gegengift: Die neue Platte "Blitz" (Wohnzimmer Records) der österreichischen Indie-Band Kreisky um den ohnehin uneingeschränkt verehrungswürdigen Sänger, Songwriter und Austrofred Franz Adrian Wenzl ist da. Zackige Postpunk-Schrammel-Gewitter vom Feinsten und mal wieder ein paar neue beste Zeilen aller Zeiten des supersmarten Gaga-Pop ("Du bist mein Bauch, Bein, Po / Mindestens bis vier / Und ich sattle den Renault / Und ich bin dann nicht mehr hier") - und jetzt schon der Songtitel des Jahres: "Veteranen der vertanen Chance".

Jens-Christian Rabe

Meshell Ndegeocello - "Ventriloquism" (Naive)

Eine gute Cover-Version ist eine Kunst für sich. Denn wenn der Original-Song sehr bekannt und die neue Version ihm zu ähnlich ist, heißt es schnell: Ranschmiss! Andersherum wird es schnell als Respektlosigkeit verstanden, wenn sich das Cover vom Original zu weit entfernt. Meshell Ndegeocello weiß genau, wie man Songs sanft an die Hand nimmt und an die richtigen neuen Orte führt. Schon ihre Neo-Soul-Version des Bill-Withers-Hits "Who Is He And What Is He To You" (1996) war hervorragend. Für ihr neues, fantastisches Album "Ventriloquism" (Naive) hat die amerikanische Bassistin und Sängerin, die schon mit Madonna und den Rolling Stones gearbeitet hat, nur Cover-Versionen aufgenommen. Die Prince-Ballade "Sometimes It Snows In April" singt sie beinahe löchrig, aber ergreifend. Dem TLC-Hit "Waterfalls" spendiert sie ein verträumtes Steel-Guitar-Solo, so dass die verborgenen Blues-Qualitäten des Songs hervortreten. Auch wunderbar: wie Ndegeocello den Sade-Hit "Smooth Operator" mit polythythmisch vertracktem Jazz-Schlagzeug zum Dance-Song verwandelt.

Jan Kedves

Yo La Tengo - "There's A Riot Going On" (Matador)

Man muss das jetzt mal festhalten: Keine, wirklich keine Band dieser Welt kann sich so herrlich langsam in einen Song hineinschütteln wie Yo La Tengo. So auch auf der neuen, fast bis zur Fadheit zerdehnten und doch ganz und gar fantastischen Platte "There's A Riot Going On" (Matador). Die Klangwelt von Yo La Tengo entfaltet ihre Kraft im Nebulösen, im Gerade-So-Entrückten, dort, wo die Phrase "zum Greifen nah" tatsächlich greift. Ein Sound, wie der nächtliche Blick von Hoboken, New Jersey, aus - der Heimatstadt der Band - auf die glitzernde Skyline von Manhattan. Fern und doch so nah auf der anderen Seite des Hudson River. Sehnsüchtig angezerrte Gitarren und zwei Stimmen, für die das Englische das wundervoll lautmalerische Wort soothing kennt. Beruhigend, ja, wohltuend, auch, aber das wird dem heilsamen Schmerz dieser Musik nicht gerecht. Yo La Tengo haben sich in ihrer langen Karriere an der Frage abgearbeitet, wie leise man das Laute eigentlich drehen kann, sodass es einem immer noch Hirn und Herz durchpustet. Auf "There's A Riot Going On" haben sie die perfekte Lautstärke gefunden.

Julian Dörr

© SZ.de/crab/doer/luch

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