Alben der Woche:Sei laut, alter Mann

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(Foto: David James Swanson/dpa)

Neues von Jack White, "Bilderbuch", "Calexico", "Jeans for Jesus" und Paula Hartmann. Und dazu die Antwort auf die Frage, wie man dem Vorwurf der kulturellen Aneignung entgeht.

Von SZ-Popkritikern

Jack White - "Fear of the Dawn"

Die Kollegin war sehr streng beim SMS-Austausch vor ein paar Tagen: "Alternde Rockstars, die unbedingt weiter harte Musik machen wollen, sich dabei ein bisschen zu sehr anstrengen und vergessen, was ihre Musik mal besonders gemacht hat." Das stimmt schon. Ein bisschen zumindest. Jack White, einst Mastermind der White Stripes, bringt auf seinem neuen Solo-Album "Fear of the Dawn" (Third Man Records/Membran) ja tatsächlich alles zusammen, was sein Schaffen bislang ausgemacht hat: Sehr tief in den Gain-Bereich übersteuerten Delta-Blues, mitteltief in den Gain-Bereich übersteuerten Singer-Songwriter-Folk und ein paar andere in unterschiedlich heftige Gain-Bereiche übersteuerte Genres, die zusätzlich buntere Farben einbringen. Nur alles noch ein bisschen lauter, verzerrter, angestrengter und ja, vielleicht auch ein bisschen krampfiger. Einerseits. Andererseits: Wirklich sehr viel von dem, was Jack White bislang gemacht hat, war extrem gut. Und wer, bitte, kann denn von sich behaupten, dass ein bisschen zu viel des Guten nicht hin und wieder Wunder tut? Eben. Also, wenigstens für den Moment: Sei laut, alter Mann! Im Juli soll übrigens dann gleich noch ein Album erscheinen. Jakob Biazza

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(Foto: Sony Music)

Paula Hartmann - "Nie verliebt"

"Ich bin auf der Suche nach Glück / du bist auf der Suche nach 'ner Vaterfigur / Sollbruchstelle Herz mit 'ner Basisfraktur." Die Berlinerin Paula Hartmann macht's wie ihre Kollegin Lina Larissa Strahl: von der (Kinder-)Schauspielkarriere mit Schwung in die Musik. Lina Larissa Strahl hat nach den "Bibi & Tina"-Filmen ein paar echt gute Alben aufgenommen. Paula Hartmann, die unter anderem schon als Matthias Schweighöfers Film-Tochter zu sehen war, veröffentlicht jetzt ihr Debüt "Nie verliebt" (Sony Music). Wo die Kollegin Strahl auf Euphorie und großen Pop setzt, geht es Paula Hartmann eher verhalten an, um nicht zu sagen düster. Gebremste Hip-Hop-Beats, leicht vernuschelter Gesang, Großstadt-R'n'B mit herber Note. Das geht ziemlich gut auf, die Musik steht für sich, die Texte transportieren viel Melancholie, siehe Beispiel, die Refrains sind stimmig. Da geht was. Max Fellmann

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(Foto: City Slang)

Calexico - "El Mirador"

Eigentlich lustig: Joey Burns und John Convertino kamen bis anhin ohne den Vorwurf der kulturellen Aneignung aus, dabei sind die zwei Gründer von Calexico US-Amerikaner und spielen Songs, die von vorn bis hinten klingen, als entstammten sie den Soundtracks mexikanischer Filme. Auf dem neuen Album "El Mirador" (City Slang) wieder: ein bisschen Folk und Rock mit Kaktus-Feeling, Mariachi-Trompeten und sehr viel Spanisch. Alles schön und stimmungsvoll wie gehabt, nur könnte man darüber im Jahr 2022 natürlich stundenlang diskutieren. Die Dreadlocks-Frage als Sombrero-Debatte, gewissermaßen. Aber zum einen tun die beiden, was sie tun, nun mal mit sehr viel Liebe. Und zum anderen genügt vielleicht ein Blick auf die Liste ihrer langjährigen Bandmitglieder, um Calexico immer schon als grenzüberschreitendes Projekt auszuweisen: Jairo Zavala, Jacob Valenzuela, Sergio Mendoza. Also: Todo está bien, ¿no? Max Fellmann

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Jeans for Jesus - "19xx_2xxx_"

Als die Schweizer Band Jeans for Jesus im Frühling 2020 eine Konzertanfrage vom Melt!-Festival bekam, waren die Mitglieder überrascht: Wir, in Deutschland? Ihr damaliges Album wurde von der Schweizer Popkritik zwar einhellig bejubelt und kletterte im Kleinstaat hoch in die Charts, aber was heißt das überall sonst schon. Sowieso waren ihre Texte meist auf Berndeutsch, einer tiefenentspannten Hobbit-Sprache mit schwerem Konsonanten-Defizit. Zum Auftritt kam es dann aus bekannten Gründen doch nicht. Stattdessen haben Jeans for Jesus in einer Geste der Völkerverständigung besagtes Album in Übersetzung neu eingespielt: "19xx_2xxx_" (Universal) wird "neunzehnundert zweitausend" ausgesprochen und erscheint nun zeitgleich auf Hochdeutsch und Französisch. Genauso weltgewandt klingt es auch. Perlglanz-Pop. Man kann sich den Vergleich mit den frühen Bilderbuch (zu den späten bitte eins weiter) kaum verkneifen. Die Falsettstimmen sind hochgepitcht, die Synthies federn und die Beats überschlagen sich. Im getriebenen "boom" kassiert die Band das Erbe der Boomer-Generation: ausgehölte Sozialdemokratien, Einfamilienhaushöllen, Atombomben - "Yo danke dafür". Timo Posselt

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Bilderbuch - "Gelb ist das Feld"

Bilderbuch, die mit Sicherheit lässigste, wahrscheinlich gewiefteste, womöglich aber auch tatsächlich beste und ansonsten eben nur gegenwärtigste Band Europas, ist mit ihrem neuen Album "Gelb ist das Feld" (Maschin Records) endlich im Schlager angekommen. Doch, doch. Die Zeichen dafür waren ja schon vorher da, man wollte sie womöglich nur nicht sehen. Und jetzt also: Ein großes, ungehemmtes Sehnsuchtsalbum. "Bergauf", zum Beispiel: "Kaltes Wasser, himmelblau / Wir geh'n bergauf, wir geh'n bergauf." Oder "Schwarzes Karma": "Die Sonne scheint on the Dopamin-Beach / Wo ich in meinen Träumen lieg / Trinke Wein über Mountain Tops." Die Musik dazu: schimmerndes C-Dur, geachtelter Bass, feinste, offen gepickte Austropop-STS-Gedächtnis-Gitarrenakkorde. Der Pre-Chorus kippt in die Moll-Parallele, man sammelt sich noch mal, ist für einen letzten Moment ganz bei sich, in sich, mit sich, für sich: "Oh, es brennt ein Feuer tief in mir, doch ich kann nix fühl'n." Und dann aber, schon in der folgenden Zeile, die plötzliche Erlösung: "Wenn ich sterbe, dann an Liebe Overdose." Liebe lieber lichterloh. Erlesener Kitsch. Ungeschütztes Herumfummeln an den Wünschen und Hoffnungen der Menschen. Durchaus famos. Jakob Biazza

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