Alben der Woche:Als sei Prince selbst auf Regenwolken aus dem Himmel herabgestiegen

Wie übertrifft man schwindelerregende Groove-Könnerschaft und ein aufrechtes Soul-Herz? Thundercat zeigt es. Yves Tumor revolutioniert indes den Pop - mit Musik für gequälte Seelen.

Thundercat - "It Is What It Is" (Brainfeeder)

1 / 5
(Foto: N/A)

"It feels so cold and so alone / Just need some sort of song", singt Stephen Lee Bruner alias Thundercat. Das Intro seiner neuen Platte "It Is What It Is" (Brainfeeder) klingt aus, der altbekannte Fummelbass beginnt zu blubbern, ein Space-Chor hebt ab, klar, der Song heißt ja auch "Innerstellar Love", und Kamasi Washingtons Saxofon schraubt sich in Spiralen hinauf in den Sternenhimmel. Womit eigentlich schon alles gesagt ist über das neuste Werk des begnadeten Bassisten und Vieleskönners aus der Virtuosenbande rund um das kalifornische Label Brainfeeder. Zusammen mit Flying Lotus, Kamasi Washington und Kendrick Lamar hat Thundercat in den vergangenen Jahren mal eben zweieinhalb Genres revitalisiert. Gibt es seiner Geschichte nach der Durchbruchsplatte "Drunk" von 2017 überhaupt noch etwas hinzuzufügen? Und wenn ja, wie? Wie übertrifft man schwindelerregende Könnerschaft, eine stilsichere Hüfte für den Groove und ein aufrechtes Soul-Herz? Indem man alles wieder genau so macht, nur ein bisschen weniger. Auf "It Is What It Is" schaltet Thundercat vom sechsten in den fünften Gang, vertraut ab und zu tatsächlich seiner Stimme und ihren schmeichlerischen Pop-Melodien ein bisschen mehr als seinen immer noch beeindruckenden Bassläufen. Und entdeckt dabei den inneren Beach Boy.

Yaeji - "What We Drew" (XL Recordings)

2 / 5
(Foto: N/A)

Die US-Koreanerin Yaeji wurde in New York geboren, ging als Kind mit ihren Eltern nach Südkorea und kehrte als Erwachsene zurück in die USA. Und weil sie sich in der Zwischenzeit am eigenen Laptop das Produzieren beigebracht hat, gibt es heute eine der interessantesten elektronischen Musikplatten des Jahres zu hören - irgendwo zwischen feinem K-Pop und verschwitzten Hymnen aus den New Yorker House-Clubs. Die Songs von Yaejis Debüt-Mixtape "What We Drew" (XL Recordings) knarzen trocken, ohne viel Ballast federn sie über die Tanzfläche. Hier ein einfaches Kick-Pattern, da eine Snare. Musik wie aus dem Baukasten. Was aber gar nicht abwertend gemeint ist, denn: Was gibt es an einfachen Bausteinen auszusetzen, wenn man sie zu so etwas Grandiosem zusammenbauen kann? Wichtig ist allerdings auch Yaejis Stimme, ihr mal koreanisches, mal englisches Sprechflüstern, das in seinem Rhythmusgefühl beinahe Rap ist. So wie auf "Waking Up Down", in dem Yaeji zu rudimentären Beat-Strukturen runterrattert, was sie so alles drauf hat. Es ist eine Menge.

Purity Ring - "Womb" (4AD)

3 / 5
(Foto: N/A)

Nach mehr als fünf Jahren melden sich Purity Ring zurück. Die kanadische Band veröffentlicht dieser Tage ihr drittes Album "Womb" (4AD). Der erste Song "Rubyinsides" gibt die Richtung vor: Electro-Pop auf der Schlingerspur, ein paar Beats mit Herzrhythmusstörung und reichlich Autotune-Gesang. Purity Ring wandeln dabei auf dem leidlich schmalen Grat zwischen Melancholo-Pop und Trap und bedienen sich großzügig von beiden Seiten. Das Problem: Die Zutaten sind inzwischen ein bisschen langweilig geworden. Was vor ein paar Jahren noch nach der Zukunft des Pop klang, dröhnt heute aus jedem Handylautsprecher.

Yves Tumor - "Heaven For A Tortured Mind" (Warp Records / Rough Trade)

4 / 5
(Foto: Warp Records/Rough Trade)

Der Produzent und Experimentalkünstler Yves Tumor schafft Songs, über die man Seminararbeiten schreiben, die man zerlegen, sezieren und erforschen kann. Oder man hört sie ein einziges Mal und kriegt sie nicht mehr aus dem Kopf. So wie auf "Kerosene!", über den nach anderthalb Minuten eine Naturgewalt hereinbricht, ein Gitarrensolo wie ein Orkan, als sei Prince selbst auf purpurnen Regenwolken aus dem Himmel herabgestiegen. Eine Minute lang tobt und jault und schmachtet diese Gitarre, der Song könnte jetzt zu Ende sein, gesagt ist ja sowie alles, aber er will einfach nicht enden. Zu gut findet er sich selbst. Zu gut ist er. Mindestens drei Mal windet er sich noch um die eigene Achse, Gastsängerin Diana Gordon schmettert los, auf einmal steht man mitten in einer Achtziger-Powerballade von Pat Benatar. "Heaven To A Tortured Mind" ist Überwältigungsmusik. Tumor rebelliert gegen die Einschränkung, wirft sich gegen die Käfige, von Genres, von Musik, vom Leben. Jede Kreissägengitarre ein Aufschrei, jedes Schepperschlagzeug ein Aufbegehren gegen die Zustände. Das Ergebnis ist: revolutionärer Pop, im wahrsten Sinne des Wortes.

5 / 5
(Foto: Ninja Tunes)

Wie übertrifft man schwindelerregende Könnerschaft, eine stilsichere Hüfte für den Groove und ein aufrechtes Soul-Herz? Indem man alles wieder genau so macht, nur ein bisschen weniger. Und mit Pfeife. Der Künstler Thundercat. Alle Folgen der Alben der Woche gibt es hier.

© sz.de - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: