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Alben der Woche:Anprollen gegen die Besinnlichkeit

Das tun die Toten Hosen, vollverzerrt. Das neue AC/DC Album hat was von einem Flugzeug, das nicht abheben darf. Und Patricia Kelly probiert's mal mit "Stille Nacht".

Von den SZ-Popkritikern

7 Bilder

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Quelle: SZ

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In der Fernsehserie "Friends" erhält eine der drei Frauen viele Jahre nach ihrer Schulzeit die Gelegenheit, mit dem Kerl auszugehen, den sie damals angehimmelt hat. Leider macht der dann dieselben Sprüche wie früher. Am Ende sagt sie: Ich habe immer von einem High-School-Date mit ihm geträumt, jetzt hatte ich ein High-School-Date mit ihm. So ähnlich ist es mit "1995" von Kruder & Dorfmeister. Auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs (also ungefähr zur Zeit von "Friends") hoffte man immer, die beiden würden endlich mal ein ganzes Album aufnehmen. Kam aber nie. Neben den vielen Remixen blieb es bei einer Handvoll eigener Stücke. Die beiden gefielen sich ganz gut in ihrer Rolle als strenge Qualitätskontrolleure, sie behaupteten, nicht mal ihre eigenen Stücke entsprächen ihren Ansprüchen. 25 Jahre später veröffentlichen sie nun doch, was sie damals beisammen hatten. Und wer sich immer ein Album von K&D in den Neunzigern gewünscht hat, kriegt jetzt genau das: ein Album von K&D in den Neunzigern. Jazzige Drumloops, rauchiges E-Piano, kurze Vokal-Schnipsel, ordentlich Echo. Viele Menschen betrachten ja heute diese Zeit etwas abfällig. "Friends"? Altbackene Witzelei. Kruder & Dorfmeister? Wohlfühl-Trip-Hop. Das ist etwas ungerecht. Man darf sich auch freuen, dass diese Stücke jetzt zu hören sind. Andere Musiker und DJs verlassen sich auf öde Jubiläumsboxen mit Musik, die jeder längst kennt. Die zwei Wiener dagegen spielen Archäologen in eigener Sache.

Max Fellmann

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Quelle: SZ

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Da wir gerade beim Thema Rückschau sind: Die Toten Hosen haben wieder ein Album mit Cover-Versionen aufgenommen. "Learning English Lesson 3". Diesmal keine Punkrock-Klassiker, sondern, so der Untertitel, "Mersey Beat! The Sound Of Liverpool". Die frühen Sechziger also. Wer da murrt, das sei doch nur Marketing wegen Campinos Buch über seine Kindheit und seine Begeisterung für englischen Fußball: Ja, eben! Das Album ist als Soundtrack dazu gedacht. Die Songs sind mit Liebe ausgewählt, von "Hippy Hippy Shake" bis "Needles And Pins" (The Searchers), von "Slow Down" (eigentlich ein Rock'n'Roll-Song aus den Fünfzigern, aber auch gespielt von den Beatles) bis zum unvermeidlichen "Ferry Cross The Mersey". 15 Songs, keiner über drei Minuten, gute halbe Stunde Spaß für ältere Herren. Den eleganten Swing der Originale ersetzen die Toten Hosen oft durch prollige Vollverzerrung, aber nun, es sind eben die Toten Hosen. Angenehm aus der Reihe fällt das warm gespielte "You're No Good" (kennt man eher von Linda Ronstadt, war aber zuvor auch mal ein Hit in England). Und ob man die Band nun mag oder nicht: Am Ende bleibt der Eindruck, die machen das hier richtig gern. Grundsympathisch.

Max Fellmann

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Patricia Kelly veröffentlicht "My Christmas Concert", ein Live-Album von fast pastoraler Besinnlichkeit. Auch hier "Stille Nacht" und andere Klassiker, alles betont innig, gern mit Kinderchor. Gegen die Version von "Happy X-Mas (War Is Over)" kann sich John Lennon nicht mehr wehren. Aber Patricia Kelly kann sich ja auch nicht dagegen wehren, dass sie "An Angel" singen muss, den größten Hit ihrer Familie. Will ihr Publikum so, Amen.

Max Fellmann

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Quelle: SZ

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Nur noch ein paar Wochen bis Weihnachten, und schon erscheinen an allen Ecken und Enden die Alben, die immer um diese Zeit raus müssen wie der Hund nach dem Abendessen. Chilly Gonzales geht das Thema auf "A Very Chilly Christmas" gewohnt verschmitzt an: "Stille Nacht" als schwermütige Moll-Elegie, "Oh Tannenbaum" am einsamen Saloon-Klavier, "Last Christmas" als heimelige Stubnmusi, Klavierperlereien im Stil seiner erfolgreichen "Solo Piano"-Alben, immer mit ironischem Mut zum Kitsch, dazu die Gäste Leslie Feist und Jarvis Cocker. Für Gonzales-Fans sowieso ein Fest, aber auch für alle anderen sehr hübscher Christbaumschmuck.

Max Fellmann

Album 'Power Up' von AC/DC

Quelle: dpa

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AC/DC - "Power Up" (Columbia Records)

Ohne Stadiontournee ist das neue AC/DC-Album "Power Up" tatsächlich nur genau das: ein neues Album. Ein Flugzeug, das nicht abheben darf. Kaum gerecht zu beurteilen, wenn das Wesentliche fehlt, die Konzertvorfreude. Bis auf zwei sehr solide Songs ist das Ganze denn auch eher ein mittelprächtiger Aufguss, obwohl alle lebenden Mitgleider wieder beisammen sind und Angus Young betont, dass sein verstorbener Bruder Malcolm in Gedanken immer präsent sei. Aber gut, das Soll ist erfüllt, und die Klassiker wie "Let There Be Rock" oder "Shoot To Thrill" gibts ja trotzdem noch. Jetzt fehlen halt nur die Stadionkonzerte. Seufz.

Max Fellmann

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Zum Schluss noch ein echter Spaß: "Das Weihnachtsalbum". Deine Freunde produzieren seit Jahren gewitzten Hip-Hop für Kinder (der sich auch an die Eltern richtet). Lauter gute Ideen, vom "XXL Wunschzettel" bis zur unfassbar lustigen Trap-Parodie "Die Rache der Blockflöte". "Ein ganz normaler Sommertag" handelt davon, wie Weihnachten in der klimaveränderten Zukunft aussehen könnte. Und "Die Krassesten Schlitten" sind natürlich nicht Lamborghinis, sondern die, mit denen der Weihnachtsmann unterwegs ist. Für einen ruhigen Abend unterm Weihnachtsbaum alles viel zu überdreht - aber gut gegen allzu viel Besinnlichkeit.

Max Fellmann

'Die Toten Hosen' - Auftritt in Speyer

Quelle: dpa

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Man muss sie nicht mögen, aber nach dem Hören des neuen Albums hat man immerhin den Eindruck: Die machen das gern, die "Toten Hosen".

© SZ/tmh
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