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Alben der Woche:120 Fäuste für die Vergeltung

Kamasi Washington bettelt nicht länger um Gerechtigkeit. Und der Berliner Rapper Capital Bra übt sich in dezenter Selbstironie.

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Capital Bra - "Berlin lebt" (Team Kuku/Sony Music)

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Quelle: SZ

Die neue Nummer-1 der Single-Charts ist "Berlin lebt" von Capital Bra. In dem harten Trap-Song rappt Vladislav Balovatsky, wie Capital Bra bürgerlich heißt, zu Sirenen-Samples, die wohl das Heranrasen der Berliner Polizei andeuten sollen, über "Para". Jeder Mensch in Deutschland sollte inzwischen wissen, dass damit Geld gemeint ist, und zwar bitte ein ganzer Haufen davon. "Berlin lebt" ist der Vorbote des gleichnamigen neuen Capital-Bra-Albums (Team Kuku/Sony Music), das am Freitag erscheint und mit einiger Sicherheit ebenfalls zum Nummer-1-Hit wird. Man ist im härteren deutschen Straßenrap ja inzwischen auf das Schlimmste gefasst, aber: Antisemitische oder homophobe Reime hört man hier keine, was dieser Tage ja durchaus eine Erleichterung ist. Und wie sieht es mit der Frauenfeindlichkeit aus? Wenn in "Berlin lebt" von einer "Bitch" oder einer "Schlampe" die Rede ist, ist damit offenbar auch keine Frau gemeint, sondern allgemein "das Leben". Durch das Video rollen viele teure Sportwagen, weshalb die Welt schrieb, Capital Bra füge, anders als humorfrei böse Rapper wie Bushido oder Kollegah, in seine Drastik auch "eine fast noble Form der Selbstironie" ein. Aus den Raps ist das nicht zwingend herauszuhören, aber im Video gibt es ein Indiz: Der Mercedes-AMG-Roadster, mit dem Capital Bra durch die Stadt cruist (V8-Biturbo, 557 PS), hat kein Berliner Kennzeichen, sondern da steht: OHV. Landkreis Oberhavel. Von wem hat sich Bra denn diesen Flitzer ausgeliehen? Und: Lässt sich mit einem Leihwagen glaubhaft das Revier markieren?

Jan Kedves

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Gang Gang Dance - "Kazuashita" (4AD)

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Quelle: SZ

Das schönste schräge Pop-Album der Woche heißt "Kazuashita" (4AD) und kommt von der New Yorker Avantgarde-Pop-Band Gang Gang Dance. Sieben Jahre lang hat das Quartett, das mit der LP "Saint Dymphna" (2008) zum Liebling der Popkritik wurde, nichts Neues veröffentlicht. Die Mitglieder sind eben auch sonst noch ziemlich umtriebig, als Künstler oder als Künstlerin. Lizzi Bougatsos ist die Frontfrau von Gang Gang Dance und singt immer noch mit dieser irre hohen Elfenstimme, die zugleich an Kate Bush, Yoko Ono und Grimes erinnert. Ist das Englisch? Man versteht jedenfalls kein Wort. Was aber gar kein Problem ist, denn eigentlich soll sich der Gesang ja auch nur wie ein weiteres Instrument über den verschlurften Dream-Pop legen, in dem sich wilde Noise-Passagen mit süßlich-sentimentalen Elegien abwechseln. Das letzte Stück, "Salve On The Sorrow", ist ganz wunderbar. Musik, die den Hörer anschmeichelt, ihn aber zugleich einem ordentlichen Härtetest unterzieht. Denn man muss das absichtlich Schräge ja auch mögen.

Jan Kedves

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Kamasi Washington - "Heaven & Earth" (Young Turks)

Kamasi Washington

Quelle: Young Turks

Es geht bei einer Jazz-Platte für gewöhnlich ja nicht um die Texte, aber das hier ist auch keine gewöhnliche Jazz-Platte, sondern "Heaven & Earth" (Young Turks), das neue Mammutwerk des messianisch verehrten Kamasi Washington, weshalb man kurz über die Worte nachdenken sollte, die diesem knapp zweieinhalbstündigen Weltraumflug vorangestellt sind: "Our time as victims is over/ We will no longer ask for justice/ Instead we will take our retribiution", heißt es in "Fists of Fury". Raus aus der Opferrolle, klar. Aber dann: Wir betteln nicht länger um Gerechtigkeit. Reden ist vorbei. Jetzt gibt's auf die Kasse. Die Bläser schmettern, der Chor schraubt sich nach oben, die 60-köpfige Formation donnert voran. 120 Fäuste für die Vergeltung. Ein Auftakt, der zeigt, warum Kamasi Washington neben Kendrick Lamar zu den politisch hellsten Köpfen der Musikszene an der US-amerikanischen Westküste zählt. Im Gegensatz zu Lamar braucht Washington dafür aber eigentlich keine Worte. Es ist die Art und Weise, wie er mit Musik umgeht. Wie er feste Formulierungen aufweicht und Grenzen überschreitet. Auf "Heaven & Earth" hat er den Durchmesser seiner Welt noch einmal vergrößert. Synthesizer, Wah-Wah-Gitarren, retrofuturistischer Funk und Latin-Rhythmen. In Washingtons Jazz findet der Pop seinen Platz. Weshalb der Spruch, das sei Jazz für Leute, die eigentlich keinen Jazz hören, Quatsch ist. Kamasi Washington macht Pop für Leute, die eigentlich keinen Pop hören.

Julian Dörr

© SZ vom 20. Juni/SZ.de/crab/doer/biaz

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