bedeckt München 30°

Abgerissenes Nationaltheater in Albanien:Der wohl größte Kulturskandal seit dem Fall des Kommunismus

Die albanische Polizei sorgte vor einem Jahr dafür, dass das 70 Jahre alte Nationaltheater in Tirana trotzt heftiger Proteste abgerissen werden konnte.

(Foto: Gent Shkullaku/AFP)

Vor einem Jahr ist das Nationaltheater in Tirana trotz eines Proteststurms abgerissen worden. Aktivisten kämpfen jetzt für einen Wiederaufbau - in einer Stadt, die nach und nach ihre Geschichte verliert.

Von Florian Hassel

Für die Schriftstellerin Lindita Komani verschwand vor einem Jahr mehr als eine Bühne, als 1500 Polizisten kamen, um im Zentrum der albanischen Hauptstadt Tirana das Nationaltheater abzureißen. Die Einsatzkräfte hatten sich weder von Dutzenden mit ihr im Theater protestierenden Aktivisten aufhalten lassen, noch davon, dass der Schauspieler Neritan Liçaj hoch oben auf einem Turm des Theatergebäudes ausharrte. Kurz nach fünf Uhr morgens rollten die Abrissbagger ans Gebäude. Wenig später waren die Menschen verscheucht und das Theater dem Erdboden gleichgemacht.

Für Lindita Komani, die zwei Jahre lang dafür gekämpft hatte, die führende Bühne des Landes zu erhalten, starb an diesem Morgen, dem 17. Mai 2020, "auch ein Stück albanischer Geschichte - und meiner Familiengeschichte". Ein Jahr später sind die Trümmer beseitigt. Aber der wohl größte Kulturskandal seit dem Fall des Kommunismus ist noch lange nicht beendet.

Das faschistische Italien wollte mit dem Bau seine Macht über Albanien demonstrieren

Als Italien 1938 in Tirana ein Kulturzentrum baute, das auch als Kino und Theater diente, wollte das damals faschistische Italien seinen Einfluss über seine faktische Kolonie Albanien demonstrieren. Architekt Giulio Bertè gelang mit dem Kulturzentrum das erste, architektonisch überzeugende Gebäude des Futurismus im Land. Mit Roms Dominanz war es bald vorbei. Als 1945 in Albanien die Kommunisten unter Enver Hoxha die Macht an sich rissen, stellten sie im Kulturzentrum 60 echte und eingebildete Gegner in Schauprozessen vor Gericht. Auch Lindita Komanis Großvater Qazim, ein Armeeoberst, war unter ihnen, Jahre später starb er im Gefängnis. Das Hoxha-Regime machte das Kulturzentrum zum Nationaltheater. Das blieb es auch, als es in Albanien 1991 mit dem Kommunismus vorbei war.

Neritan Liçaj, Schauspieler und Demonstrant auf dem Dach, hat in seinen 28 Jahren am Nationaltheater alles gespielt, was anfiel, "von Antigone bis Kafka, von Komödien zum Körpertheater". Seit zwei Jahrzehnten, sagt er, kämpfen Tiranas Schauspieler nicht nur gegen übliche Probleme wie zu wenig Geld, sondern auch gegen einen Mann: Edi Rama, erst Maler, dann Kulturminister, dann Bürgermeister Tiranas, seit 2013 Ministerpräsident. "Rama wollte unser Theater schon vor zwei Jahrzehnten abreißen lassen und hier lieber ein Megashopping-Zentrum bauen", sagt Liçaj. Im Mai 2020 brüstete sich Rama, er sei schon 1998 dafür gewesen, das Nationaltheater abzureißen und durch ein modernes Haus zu ersetzen.

16.4.21 Tirana Schauspieler Nerian Licaj vor Abrissstelle Nationaltheater_(c) Florian Hassel

Der Schauspieler Neritan Liçaj spielte 28 Jahre am Albanischen Nationaltheater, das vor einem Jahr abgerissen wurde. Im Hintergrund ist die Abrissstelle zu sehen.

(Foto: Florian Hassel)

Unter Rama verschwindet in Tirana ein historisches Gebäude nach dem anderen, wird die Stadt mit Wolkenkratzern, Apartmentblocks und Malls überzogen. Den Zuschlag bekommen die immer gleichen Bauunternehmer, etwa Shkelqim Fusha. Im Februar 2018 schlägt Fusha der Stadt, geführt von Ramas früherem Kulturminister Erion Veliaj, vor, im Stadtzentrum ein neues Nationaltheater zu bauen - und sechs Wolkenkratzer mit Wohnungen und Geschäften.

Fusha gehören dort nicht einmal drei Prozent des zum Bau benötigten Landes, der Löwenanteil ist öffentlicher Besitz - etwa des Nationaltheaters. Die albanische Bürokratie - von der Stadt bis zum Regierungschef und von dessen Partei kontrolliertem Parlament - liefert in wenigen Wochen alle Gutachten, Stellungnahmen, Abstimmungen. Das Kulturministerium setzt an einem Maitag 2018 eine siebenköpfige Arbeitsgruppe ein, die noch am gleichen Tag das Fusha-Projekt absegnet und empfiehlt, das Parlament möge in Eilprozedur ein entsprechendes Sondergesetz beschließen. Am 5. Juli 2018 wird das Gesetz verabschiedet.

Als die Polizei das Theater räumen will, besetzen Hunderte Kulturschaffende das Gebäude. Fast zwei Jahre wechselten sie sich als Wachen ab, selbst nachdem die Stadt Strom und Wasser sperrte. "Was uns Mut gemacht hat, war die internationale Resonanz", sagt Komani. Deutsche und österreichische Theater, Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, die EU forderten Regierungschef Rama auf, das Nationaltheater zu erhalten. Vergeblich. Am 8. Mai 2020 überträgt die Rama-Regierung das bisher dem Kulturministerium gehörende Nationaltheater der Stadt. Und obwohl der Staatspräsident diesen Beschluss als verfassungswidrig anficht, beschließt der Stadtrat in einer Geheimsitzung den Abriss. Im Morgengrauen des 17. Mai 2020 - Tirana ist im Corona-Lockdown - wird das Gebäude zerstört.

Keine zwei Wochen später rühmt sich Bürgermeister Erion Veliaj des Dialogs "mit internationalen Finanzinstitutionen". Die Europäische Investitionsbank (EIB) habe "ihre Bereitschaft gezeigt, das neue Theaterprojekt mit günstigen Bedingungen zu finanzieren". Tatsächlich aber sagt die den EU-Mitgliedsstaaten gehörende EIB keinerlei Kredit zu. Und das liegt auch an Lindita Komani.

16.4.21 Lindita Komani_(c) Florian Hassel

Die Schriftstellerin Lindita Komani setzte sich lange für den Erhalt des Nationaltheaters in Tirana ein und kämpft jetzt für dessen Wiederaufbau.

(Foto: Florian Hassel)

Nach dem Abriss des Theaters setzte Autorin Komani, die Gedichte und Kurzgeschichten schreibt und an einem Roman arbeitet, die Kenntnisse ein, die sie beim Wirtschaftsstudium in Graz erwarb. Komani schrieb an EIB und die Europäische Wiederaufbaubank EBRD, an IWF und Weltbank, informierte die Banker über mutmaßliche Gesetzesbrüche, Anzeigen und die Klagen vor dem Verfassungsgericht - und bat, kein Geld bereitzustellen. "Immerhin haben wir dafür gesorgt, dass bisher überhaupt nichts begonnen werden konnte", sagt sie.

Einem Sprecher des Bürgermeister zufolge will die Stadt, die nun anstelle von Bauunternehmer Fusha das neue Nationaltheater baue, zur Finanzierung inzwischen "einen besseren Deal" mit dem Abu Dhabi Fund for Development (ADFD) abgeschlossen haben, dem Investmentfonds des Golfemirats. Der Baubeginn des vom dänischen Architekturbüro Bjarke Ingels entworfenen neuen Theaters sei im Sommer. Der ADFD indes bestätigte der SZ den angeblichen Kredit ebenso wenig wie das Architekturbüro einen nahen Baubeginn - oder auch nur, dass es nicht mehr für Fusha, sondern für die Stadt Tirana an dem Projekt arbeitet.

Zudem ist der juristische Kampf längst nicht beendet. Albaniens Präsident Ilir Meta zufolge wurden allein beim Sondergesetz vom Juli 2018 mehrfach die Verfassung und weitere Gesetze, Verträge mit der EU und eine von Albanien unterschriebene Europäische Kulturerbekonvention gebrochen. Zwar hielten Klagen des Präsidenten vor dem Verfassungsgericht den Abriss des Nationaltheaters nicht auf. Denn Albanien feuerte bei einer von EU und USA durchgesetzten Justizreform Dutzende korrupte Richter - und hatte jahrelang kein entscheidungsfähiges Verfassungsgericht.

Schauspieler Neritan Liçaj hat seit über einem Jahr kein Theater mehr gespielt. Das Übergangstheater ist seit Beginn der Pandemie geschlossen

Doch seit Dezember 2020 gibt es wieder genug Verfassungsrichter. "Das Verfassungsgericht will nun am 3. Juni über die Legalität des Sondergesetzes und des Übertragungsbeschlusses verhandeln", sagt Metas juristischer Berater Bledar Dervishaj der SZ. Es sind nicht die einzigen Klagen: Schauspieler, Bürgergruppen und die Demokratische Partei haben 22 beteiligte Staatsdiener einschließlich des Regierungschefs Rama angezeigt. Bisher allerdings fehlen Anzeichen dafür, dass die albanische Justiz tatsächlich ermittelt oder die Mächtigen des Landes anklagen könnte.

Schauspieler Neritan Liçaj hat seit über einem Jahr kein Theater mehr gespielt. Das als Ausweichquartier gedachte Übergangstheater ist seit Beginn der Pandemie geschlossen. Wo das Nationaltheater abgerissen wurde, klafft immer noch nur eine Lücke. "Unser Ziel ist einfach", sagen Liçaj und Lindita Komani: "Wir wollen, dass das Nationaltheater genau so, wie es war, wieder aufgebaut wird."

Vor der Parlamentswahl am 25. April versprach Oppositionsführer Lulzim Basha, er baue das Nationaltheater originalgetreu wieder auf, sollte er gewinnen. Doch nicht er gewann, sondern Ministerpräsident Rama. "Jetzt geht die Betonierung und Enthistorisierung Tiranas weiter", sagt Lory Amy, eine amerikanische Kulturforscherin, die sich in Tirana für die Bewahrung des verbleibenden Kulturerbes einsetzt.

Nur wenige Schritte vom abgerissenen Nationaltheater entfernt steht an der Toptani-Straße das Sarajet, eine zwischen 1833 und 1840 von einem osmanischen Fürsten gebaute zweistöckige Holzvilla, eine der wenigen, die in Albanien überlebt haben. Tiranas Bürgermeister Erion Veliaj will die Besitzer des Sarajet und eines ebenfalls historischen Nachbarhauses, bisher beide Kulturdenkmäler, enteignen. Dem angesehenen Infodienst Exit News zufolge, der Baupläne einsah, soll am Ort der historischen Gebäude ein 45 Stockwerke hoher Wolkenkratzer gebaut werden. Ein Sprecher des Bürgermeisters dementiert dies.

© SZ/RJB
Zur SZ-Startseite
Bilder zu Albanien-Geschichte E-Tag Samstag 24.4.21

Albanien
:Tristesse unter Obstbäumen

Warum die Familie Murati zweimal für Ministerpräsident Edi Rama gestimmt hat, ihn aber am Sonntag kein drittes Mal mehr wählen wird. Eindrücke aus einem Land, in dem Politikerskandale kaum Folgen haben.

Von Florian Hassel

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB