Süddeutsche Zeitung

Nachruf auf Alan Parker:Der Bilderzauberer

Der Regisseur Alan Parker, Teil einer Gruppe brititscher Werbefilmer, die Anfang der Siebzigerjahre Hollywood eroberten, ist gestorben.

Von Tobias Kniebe

Sie wurden gleich kritisch beäugt, die Bilderzauberer, die Anfang der Siebzigerjahre den britischen Werbefilm aufmischten, bevor sie das Kino und bald auch Hollywood eroberten. Adrian Lyne, die Brüder Tony und Ridley Scott und eben auch Alan Parker gehörten zu dieser Clique. Nur Stil und keine Substanz, das war der Anfangsverdacht der Etablierten - und die Bilder der Neuen waren tatsächlich glatter, glamouröser und sehr viel verführerischer als alles zuvor.

Parker, geboren 1944 im Londoner Arbeiterviertel Islington in einfachen Verhältnissen, legte zum Beispiel gleich damit los, dass er Kinder sehr stylishe Gangster spielen ließ, darunter Jodie Foster, 1976 in "Bugsy Malone". Danach heuerte Hollywood ihn an, "Midnight Express" zu verfilmen, ein Drehbuch von Oliver Stone. Da sah selbst ein erschreckendes türkisches Foltergefängnis plötzlich aufregend genug für einen massiven Kinohit aus, während die Musik unaufhaltsam elektronisch voranpreschte. Es folgte "Fame" im Jahr 1980, die Mutter aller Kreative-Träumer-Filme, in dem ein Ensemble von jungen Musikern, Tänzern und Schauspielern sich an einer New Yorker Schule für Performing Arts für den Weltruhm abrackert.

Damit war eine Art Lebensthema gefunden, denn zu Musikfilmen hat es Alan Parker immer wieder hingezogen. Im nächsten Schritt wirkte er als kongenialer Erfüllungsgehilfe von Pink Floyd, als er deren Konzeptalbum "The Wall" in einen Kinofilm verwandelte, der dann jahrzehntelang ein Dauerbrenner in den Programmkinos war, mit Bob Geldof in der Hauptrolle. Ganz anders, aber ähnlich beliebt war später "The Commitments", eine sehr irische Roddy-Doyle-Adaption über eine Gruppe Jugendlicher in Dublin, die um jeden Preis eine Soulband gründen wollen. Da war endlich auch so viel Herzenswärme zu spüren, dass die Kritiker davon abließen, ihn immer nur als Effekthascher zu geißeln. Warum er sich dann aber darauf einließ, mit Madonna in der Hauptrolle das Musical "Evita" zu verfilmen, wird ein Rätsel bleiben. Das Unternehmen sorgte 1996 für sehr viel Aufmerksamkeit und Schlagzeilen, in der Filmgeschichte hat es dann aber doch keine Spuren hinterlassen.

Im Rückblick betrachtet war Parkers Filmauswahl von erstaunlicher Bandbreite und oft kaum vorauszusehen, traf aber sehr oft den Nerv der Zeit. "Angel Heart" zum Beispiel war eine eher absurde Geschichte - Mickey Rourke als Privatdetektiv erhält vom Teufel persönlich, gespielt von Robert De Niro, einen obskuren Auftrag, der ihn in die schweißtreibende Hitze und Erotik von New Orleans führt. Ende der Achtzigerjahre galt dieser Film aber trotzdem eine Zeitlang fast als Inbegriff von Geheimnis und Sexyness.

Irgendwann war der Mann dann aber auch von den härtesten Cineasten anerkannt, wurde Chairman des British Film Institute und des UK Film Council und zum Ritter geschlagen. Am Freitag ist Alan Parker nach längerer Krankheit gestorben. Er wurde 76 Jahre alt.

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Quelle:
SZ vom 01.08.2020
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