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Alan Bates:Die Scheußlichkeit des Fleisches überwinden

Wie ein großer Vogel vor dem endgültigen Flug: Zum Tod des englischen Film- und Theaterschauspielers Alan Bates.

Von Fritz Göttler

Gewaltige Vitalität, überschüssige Energien, ungenierte Kraftmeierei - das kommt einem in den Sinn, wenn man an Alan Bates und seine Filme denkt. Die ekstatischen Tanz- und Liebesmomente in "Alexis Sorbas", die einfachen englischen Landleute in "The Go-Between" und "Far From the Madding Crowd", die von den Edelfräuleins - beide Male verkörpert von der großartigen Julie Christie - zwar aufrichtig geliebt, aber leichtfertig den Regeln der Gesellschaft geopfert werden, und natürlich die wilden Jungs in der Lawrence-Verfilmung "Liebende Frauen", wo er sich einen heftigen Ringkampf liefert, nackt, nachts, mit Oliver Reed. Noch Jahrzehnte später hat Bates diese Szene als einen der entscheidenden Punkte seiner Karriere, seines Lebens gesehen: männliche Nacktheit erstmals in einer Großproduktion, Regie Ken Russell, auf der Leinwand, eine unerhörte Erfahrung. "Als wir die Szene drehten, war es okay - es tat weh, aber es war okay. Aber dann die Muster, du liebe Güte . . . Ich glaube, das war eine Lektion in Demut. Wenn du über die Scheußlichkeit deines Fleisches hinweg kommst, kannst du über alles hinweg kommen."

Dem Leben trotzen, ohne ein Held dabei zu werden - Alan Bates

(Foto: Foto: dpa)

Das Leben sollte Alan Bates in der Tat übel mitspielen, 1990 starb sein Sohn Tristan mit 19 an einem Asthma-Anfall, zwei Jahre später starb seine Frau Victoria, auf mysteriöse Art, sie schwand einfach dahin - a wasting disease nannten es die Ärzte. Mit Tristans Zwillingsbruder Benedick baute Bates zum Gedächtnis das Tristan-Bates-Theater am Covent Garden in London auf.

Unheimlicher Patient

Dem Leben trotzen, ohne ein Held dabei zu werden, das scheint die Parole von Bates gewesen zu sein. Manchmal musste man ihm - siehe Sorbas - erst mal beibringen, was er alles anfangen konnte mit seinem Leben. Später hat er den Marcus Antonius eine seiner Lieblingsfiguren genannt, ein Mensch, der den Göttern gleich kommt: "Wie ein großer Vogel, der abzuheben versucht zu seinem endgültigen Flug." Man spürt den ungestümen jungen Bates in solchen Visionen, den Jüngling der "Look Back in Anger"-Generation, jener zornigen jungen Männer, die in den Fünfzigern und Sechzigern die britische Bühne beherrschten und kurz darauf auch das Kino. Ein Höhepunkt war dann der Hamlet, den er Anfang der Siebziger spielte - nicht in Konkurrenz zu anderen Inszenierungen mit Ian "Gandalf" McKellen, Martin Potter (dem "Satyricon"-Star) und Richard Chamberlain.

Überschüssige Energien, wahrhaftig! Später haben sie sich bisweilen in Selbstzerstörung gewandelt, in Frankenheimers obsessivem "Fixer" oder in Skolimowskis "The Shout" - Bates als unheimlicher Patient, der bei den Aborigines die Technik gelernt zu haben scheint, wie man mit einem Schrei töten kann.

Stets präsent

Seit den Achtzigern wechselte Bates gelassen zwischen leuchtenden Klassikern - Theater, Fernsehen, Kino, die alten wie die modernen, Shakespeare und Tschechow, Pinter und Stoppard - und megalomanen Figuren aus Politik und Geschichte: Diaghilew im Nijinsky-Film von Herbert Ross, ein Mabuse-Abklatsch in Chabrols "Dr. M", ein Claudius, der Mel Gibsons Hamlet zusetzt in Zeffirellis Verfilmung, und Dressler, der verschwörerische Altnazi in "The Sum of All Fears", für den die Zerstörung der Welt so simpel ist wie eine Rechenaufgabe.

Kraft und Herrlichkeit stecken in diesen Rollen - aber auch akzeptiertes Versagen. Man braucht die Verzweiflung, um sich gegen sie aufzulehnen. Man kann nicht nach oben kommen, ohne unten gewesen zu sein. In allen Rollen ist dennoch jene Sehnsucht zu spüren nach Geborgenheit in der Gemeinschaft - wie es am schönsten offensichtlich 2001 bei der Arbeit an Altmans "Gosford Park" verwirklicht war. Bates war der Butler in einer Multistar-Besetzung, er war im dritten Glied, aber stets präsent. Am Sonntag ist Alan Bates im Alter von 69 Jahren in London gestorben.

© SZ vom 29.12.2003
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