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Aktion an der Schaubühne:Wer säße in einem realen Weltparlament?

Einen anderen Fall schildert Feri Irawan, der sich gegen die Vernichtung der Regenwälder auf Sumatra einsetzt. Er berichtet davon, wie große Firmen Millionen Hektar Land zerstörten, um dort mit der Unterstützung von europäischen und deutschen Regierungsprogrammen Palmölplantagen zu errichten. Dürren und Waldbrände entstanden, Bauern wurden enteignet, vertrieben und versklavt, nur damit Europäer Seife und Nutella kaufen können. "Um all das zu stoppen, braucht es faire und klare internationale Gesetze", sagt Irawan, dem die bisherigen Sanktionen - wie den meisten Abgeordneten im Raum - nicht reichen. Auch deshalb wollen sie in den nächsten Wochen eine "Charta des 21. Jahrhunderts" veröffentlichen.

So eindrücklich dieses Weltparlament ist, so schnell werden seine Schwächen deutlich. Im Fünf-Minuten-Takt hört man vom Massaker an streikenden Minenarbeiten in Südafrika, von Kindesmissbrauch in einer deutschen Sekte in Chile, von unzähligen Toten bei einem Brand in einer pakistanischen Textilfabrik. Zeit, mehr zu erfahren oder das Gehörte zu verarbeiten, bleibt nicht. Diskussionen im Anschluss werden nach vier Minuten beendet. Auch die Zusammensetzung des Parlaments ist problematisch, da zum Teil willkürlich. Natürlich hat jedes Anliegen Relevanz, zugleich aber gäbe es sicher unendlich viele andere, die ebenso gut zur Sprache kommen könnten.

Um die deutsche Politik zu beteiligen, hat Milo Rau Abgeordnete des Bundestages eingeladen. Der Einladung sind acht Parlamentarier gefolgt. Nur von der CSU und der AfD wollte niemand mitmachen. Um eine möglichst große Meinungsvielfalt abzubilden, hat Rau auch Personen dazu gebeten, die er selbst als Antagonisten bezeichnet, weil sie sich gegen eine nachhaltige und pluralistische Welt aussprechen. Darunter ein Vertreter genmanipulierter Landwirtschaft, ein rechtsgerichteter russischer Verleger und der AKP-Anhänger Tugrul Selmanoğlu, der die Toleranzgrenzen der Parlamentarier strapaziert.

Den deutsch-türkischen Schriftsteller Doğan Akhanlı, der auf türkisches Betreiben monatelang in Spanien festgehalten wurde und in Berlin nun als einer der Abgeordneten auftritt, betrachtet Selmanoğlu als einen zu Recht von der Türkei angeklagten Mann. Außerdem will er den Völkermord an den Armeniern nicht anerkennen, wofür er den Saal verlassen muss.

Wie sähe es dann erst in einem realen Weltparlament aus, in dem Spanier und Katalonier, Türken, Armenier und Kurden und andere verfeindete Gruppen zu Beschlüssen kommen müssten? Würden sie dort dieselben Grabenkämpfe führen wie auf nationalstaatlicher Ebene oder könnten sie sich auf neutralem Boden anders begegnen? Nach welchen Kriterien würden die Abgeordneten gewählt? Und welche Mittel stünden der in diesen Tagen oft zitierten transnationalen demokratischen Instanz zur Verfügung, wenn ihre Entscheidungen missachtet würden?

Fragen über Fragen, auf die an diesem Wochenende noch am ehesten die französische Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe eine Antwort hat. Sie begleitet als eine von sieben politischen Beobachtern die Sitzungen des Weltparlaments und weist darauf hin, dass universelle Ansätze die Gefahr beinhalten, dass die dominanteren Kräfte ihre Macht missbrauchen. Wenn überhaupt, müsse sich ein solches Parlament der Marginalisierten von unten aus regionalen Versammlungen heraus nach oben entwickeln, findet sie.

Aber vielleicht ist es auch gar nicht so schlimm, dass bei der "General Assembly" vieles nur angedeutet wird. Schließlich handelt es sich nur um ein Experiment. "Sie ist ein utopischer Entwurf, wo Debatten geführt wurden, die woanders nicht stattfinden", sagt Milo Rau zum Abschluss. Es wäre ein Grund für - ja doch auch anmaßende - außerparlamentarische Ersatzpolitik wie diese. Denn so kann sich ziviler Widerstand bilden, der die Lösung nicht im Nationalismus sucht, sondern für eine länderübergreifende Zusammenarbeit plädiert.

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