Süddeutsche Zeitung

Akademietheater Wien:Wieder erweckt

Fast vergessen: Maria Lazars Stück "Der Henker" aus dem Jahr 1921 in der Regie der Slowenin Mateja Koleznik.

Von Wolfgang Kralicek

Am Abend vor seiner Hinrichtung verweigert der Delinquent sowohl die Henkersmahlzeit als auch den Beistand eines Priesters. Einen letzten Wunsch aber hat er dann doch: Er möchte seinen Henker sprechen. Dieser kommt der Bitte nach - und wird das am Ende bitter bereuen.

Der Einakter "Der Henker", uraufgeführt 1921, ist eines von drei Stücken der Wiener Autorin Maria Lazar (1895-1948). Sie stammte aus einer großbürgerlichen jüdischen Familie, wurde von Oskar Kokoschka porträtiert, war mit Friedrich Strindberg - Sohn von Frank Wedekind und Stiefsohn von August Strindberg - verheiratet und ging mit Bertolt Brecht und Helene Weigel 1933 ins Exil nach Dänemark. Als Lazar 1948 in Schweden, unheilbar erkrankt, Selbstmord beging, war sie als Schriftstellerin weitgehend in Vergessenheit geraten.

Das ändert sich jetzt: Im Verlag "Das vergessene Buch" sind zuletzt zwei ihrer Romane wieder aufgelegt worden, ein dritter folgt im kommenden Frühjahr. Und im Akademietheater, dem kleinen Haus des Burgtheaters, steht - fast 100 Jahre nach der eher erfolglosen Uraufführung - "Der Henker" auf dem Spielplan. Regie führt die Slowenin Mateja Koleznik, die für sehr kompakte Inszenierungen bekannt ist; für Stücke, die normalerweise drei Stunden oder mehr dauern, benötigt sie höchstens 90 Minuten. Wäre sie beim "Henker" ähnlich vorgegangen, die Aufführung würde nur eine Viertelstunde dauern. Dafür, dass es tatsächlich 80 Minuten sind, gibt es einen Grund: Koleznik lässt die Szenen des kurzen Stücks jeweils zwei Mal spielen. Die Varianten unterscheiden sich durch Details im Text und grundlegend in der Figurenzeichnung: Der psychopathische Mörder (Itay Tiran) wirkt mal aggressiv und mal melancholisch, der spießige Henker (Marin Reinke) mal verklemmt und mal weinerlich, der Priester (Gunther Eckes) mal mitfühlend und mal zynisch, die Dirne (Sarah Viktoria Frick), die den Mörder besucht, mal unterwürfig und mal aggressiv.

Der psychopathische Mörder wirkt mal aggressiv und mal melancholisch

So betont Koleznik den surrealen Charakter des Stücks, das nur oberflächlich realistisch daherkommt. Dass ein Henker sich vor der Hinrichtung mit seinem Delinquenten treffen würde, war vor hundert Jahren ein ebenso absurder Gedanke wie heute; auch Damenbesuch in der Todeszelle erscheint unglaubwürdig. Das sprachlich expressionistisch angehauchte Stück ist ein Kopftheater; wir sehen Visionen eines Todgeweihten, der von dem Gedanken besessen ist, dem Henker einen guten Grund zu geben, ihn zu töten.

Die Zelle wird zum Labor für eine Versuchsreihe über Menschen und ihr Verhalten. Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt hat dafür eine stimmige Form gefunden: Nach jeder Szene wird der Raum - eine hellgraue Zelle - beiseite geschoben, um den Blick auf einen vollkommen identischen Raum freizugeben. Das erinnert an Zeichentafeln, deren Oberfläche immer wieder abgewischt werden kann. Im allerletzten Bild des Abends bleibt die Zelle leer. Das heißt dann wohl, das Urteil wurde vollstreckt.

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Quelle:
SZ vom 06.12.2019
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